Wann wird die Angst vor Nähe krankhaft?

Gil Bieler

15.9.2020 - 06:50

Das Abstandhalten haben die meisten Schweizerinnen und Schweizer mittlerweile verinnerlicht. 
Bild: Keystone

Nach all dem Social Distancing fühlt man sich in Menschenansammlungen plötzlich unwohl. Wann ist das normal – und wann Grund zur Sorge? Eine Expertin über die psychologischen Folgen der «neuen Realität». 

Ein Konzertabend im Stadtpark – doch im Sommer 2020 ist auch hier nichts wie gewohnt. Die Besucher sitzen, artig Abstand wahrend, in kleinen Gruppen auf dem Boden. Keiner kommt seinen Mitmenschen zu nahe. Alles coronakonform. Und dennoch schleicht sich ein fieses Gefühl ein. Immer wieder ertappt man sich dabei, wie man einen Kontrollblick in die Runde wirft: Halten die anderen auch genug Distanz? Und wo will der Typ da vorne hin, der jetzt plötzlich aufsteht? Doch nicht zu mir, oder?

Wenn man an solchen Vergnügungsanlässen die Anspannung nicht mehr loswird: Ist das Grund zur Besorgnis – eine aufkeimende Sozialphobie?

Undine Lang, Direktorin der Klinik für Erwachsene und der Privatklinik an der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel, beruhigt: «Das ist sicher eine normale Reaktion, wenn nach Monaten des sozialen Rückzugs Menschenansammlungen wieder ungewohnt geworden sind», sagt sie auf Anfrage von «Bluewin».

Lang erinnert daran, dass Ängste normal seien und oft eine wichtige Schutzfunktion für Psyche und Körper erfüllten. In der Coronakrise könne uns die Angst etwa vor einer Ansteckung bewahren.

Angst kann auch gesund sein

Aber ab welchem Punkt nimmt die Angst ein ungesundes Mass an? Einer Behandlung bedürften Ängste dann, «wenn sie uns bei den Dingen, die für unser Leben wichtig sind, behindern», erklärt die Psychiaterin. «Wenn alles, was man möchte, plötzlich auf der anderen Seite der Angst ist und diese nicht überwunden werden kann.»

Beispiele könnten sein, wenn man wegen Prüfungsangst das Studium abbrechen muss oder die Angst vor Menschenmengen dazu führt, dass man seine Freunde nicht mehr trifft oder dem Arbeitsplatz fernbleibt.

Dabei drohe ein Teufelskreis, sagt Lang: Im selben Mass, in dem die Angst wachse, vermeide man auch vermehrt Situationen, die diese Angst auslösten.

Manche sind sogar weniger gestresst

Dass die Coronakrise einen negativen Einfluss auf die psychische Gesundheit hat, zeigen diverse Studien auf. In einer Umfrage der Universität Basel gaben 40 Prozent der Teilnehmenden an, dass sie sich auch nach Ende des Lockdowns noch gestresster fühlten als vor Beginn der Coronakrise. Wobei auch gesagt werden muss: 32 Prozent fühlten sich sogar weniger gestresst.

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Auch an der Universitären Psychiatrischen Klinik Basel zeigt sich dieser unterschiedliche Umgang mit der «neuen Realität»: Bei den stationären Behandlungen wurden in den letzten Monaten sogar rund zehn Prozent weniger Patientinnen und Patienten gezählt. «Dies kann aber daran liegen, dass die Menschen das Krankenhaus meiden, weil sie Angst haben, sich anzustecken», sagt Lang.

Demgegenüber gebe es rund hundert Patientinnen und Patienten, die erst aufgrund des Lockdowns eine psychische Erkrankung entwickelt hätten – «sei es durch den Verlust eines Partners, der im Ausland lebt, oder durch neue Stresssituation am Arbeitsplatz, finanzielle Probleme oder den Verlust von geliebten Aktivitäten». Für andere dagegen sei die Pandemie sogar entlastend, weil der Druck, sich sozial zu exponieren, abgenommen habe.

Frauen stärker gefährdet

Effektiv von einer sozialen Phobie betroffen seien rund zwei Prozent der Bevölkerung. Gekennzeichnet sei eine solche durch Panikattacken, die auftreten, wenn jemand sich von anderen beobachtet fühle. Oft bestehe auch eine Angst davor, negativ aufzufallen oder im Mittelpunkt zu stehen. 

Frauen sind gemäss Lang stärker gefährdet als Männer, schüchterne Menschen stärker als extrovertierte. Auch Menschen, die in sozialen Situationen bereits Momente starker Verunsicherung erlebt hätten – weil sie zum Beispiel als Kinder gehänselt wurden –, hätten ein höheres Risiko, eine soziale Phobie zu entwickeln. 

Zu einem Teil spiele zudem die genetische Veranlagung mit. Da manche Betroffene zu Alkohol oder Beruhigungsmitteln greifen, um damit umzugehen, besteht auch das Risiko einer Abhängigkeitserkrankung – was die Behandlung erschwere.

Auch das Risiko für Depressionen steigt

Im Moment gehen die Studien laut Lang davon aus, dass Angsterkrankungen eher zunehmen werden – dasselbe gelte für Depressionen. Denn durch die Einschränkungen im Alltag könnten Hobbys und Sozialkontakte nicht mehr im gewohnten Mass gepflegt werden, was eine depressive Störung begünstigen könnte.

Auch Erich Seifritz, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression, sieht hierin ein Risiko: «Ein strukturierter Alltag mit fixen Aufgaben und verlässlichen sozialen Kontakten ist für Menschen allgemein und besonders für Menschen mit Depressionen sehr wichtig», erklärte er unlängst in einem Interview. «Dies fällt nun mehrheitlich weg, was die Gefahr einer Verstärkung der Depression oder eines Rückfalls erhöht.»

Laut Lang spielt das persönliche Umfeld eine ganz entscheidende Rolle für die Widerstandsfähigkeit vor psychischen Erkrankungen: «Ist das Umfeld sinnstiftend und stabil, schützt es vor psychischen Erkrankungen.» Eine gesunde Partnerschaft, ein aktiver Freundeskreis, ein fester Arbeitsplatz, Kontakt zu Tieren, körperliche Fitness – all dies könne sich «sehr positiv auf die psychische und körperliche Gesundheit auswirken».

Aus dieser Perspektive spricht also vieles für den Besuch eines Stadtparkkonzerts.

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