Spritzen-Angst – «kommt es zum Drama, hilft nur noch abbrechen»

Runa Reinecke

4.6.2019 - 00:00

Viele Kinder bleiben während des Impftermins ruhig und sind erstaunt, wie rasch alles vorbei ist.
Bild: iStock

Nicht nur kleinen Patienten wird es vor Spritzen mulmig. Im «Bluewin»-Interview erklärt ein Pädiater, wie man dem Kind die Angst vor dem Pikser nimmt und welche Fehler Eltern unbedingt vermeiden sollten.

Sie taucht gerne als gruseliger Protagonist in kindlichen Albträumen auf: die Spritze. Kein Leichtes also, die Kleinen auf den Impftermin in der Arztpraxis vorzubereiten. Was Eltern ihrem Nachwuchs zuvor keinesfalls sagen sollten und wie die Ärztin oder der Arzt das Kind während der Behandlung vom Nadelstich ablenkt, hat uns Christoph Berger, Kinderarzt und leitender Infektiologe am Kinderspital in Zürich, verraten.

Herr Berger, erleben Sie häufiger, dass Kinder toben, schreien und sich mit Händen und Füssen gegen den schützenden Pikser wehren?

Das passiert – wenn auch selten. Das ist unnötig und zu verhindern. Kommt es zu einem grossen Drama, gibt es nur eines: abbrechen und einen neuen Termin vereinbaren.

Woher rührt diese enorme Angst?

Die Vorstellung eines unangenehmen Nadelstichs ist beängstigend. Das geht nicht nur Kindern, sondern auch vielen Erwachsenen so.

Wie begegnet man dieser Furcht?

Indem man sie gar nicht erst entstehen lässt! Ist das Spital- oder Praxisteam entspannt und freundlich, hört dem Patienten zu und erklärt, was es tut, so wirkt sich das positiv auf die kleinen Patientinnen und Patienten aus. Da sich Nervosität oder Angst auf das Kind übertragen, sollte auch die anwesende Bezugsperson des Kindes ruhig und gelöst sein und das Kind führen. Deshalb ist eine ärztliche Vorbesprechung mit der Mutter oder dem Vater sehr wichtig. Die Kinderärztinnen und -ärzte in der Praxis sind das gewohnt und darauf spezialisiert.

Das Kind mit den Worten «Wir gehen jetzt zum Doktor, und dort bekommst du eine Spritze!» vorzubereiten? Christoph Berger hält das für eine schlechte Idee. 
Bild: zVg

Was hilft den Kindern in dieser Situation?

Entscheidend sind Vertrautheit und Geborgenheit. Erklären und mit dem Kind besprechen, was geschieht. Körperkontakt mit der Bezugsperson, wie die Hand halten, hilft zusätzlich. Wichtig ist, dass das Kind mitmacht und zum Beispiel auf Mamis oder Papis Schoss sitzen darf, wenn es sich dort besonders wohl fühlt.

Kann sich die Mutter oder der Vater vor dem Kind impfen lassen – sozusagen als Vorbild?

Das ist auch eine Möglichkeit. Steht eine Reiseimpfung an, ist es gut, wenn Mutter oder Vater gegenüber dem Kind betonen, wie sehr sie sich auf die gemeinsamen Ferien mit ihrer Tochter oder ihrem Sohn freuen, dabei gesund bleiben wollen und dafür das Stichli in Kauf nehmen.

Nebenbei greifen Pädiater auch gerne mal in die Ablenkungstrickkiste …

Es gibt ganz unterschiedliche Methoden, um von der Spritze abzulenken. Wir nehmen beispielsweise das Lieblings-Stofftierli auch mit und erklären den beiden, was jetzt geschieht.  Ärztinnen und Ärzte erzählen den Kleinen auch eine Geschichte, um den Fokus von der Spritze wegzunehmen. Das gelingt auch, wenn man den anderen Arm oder ein Bein während des Einstichs berührt. Sehr hilfreich ist auch die kleine freundliche Biene mit ihrem vibrierenden Körper und den Flügeln aus kühlenden Gelkissen, die gleichzeitig vorbeikommt. Die Kombination aus Kühlen und Vibrieren beeinflusst die Schmerzweiterleitung an das Gehirn. Egal, mit welchen Hilfsmitteln oder Methoden man arbeitet: Viele Kinder bleiben während des Impftermins ruhig und sind erstaunt, wie rasch alles vorbei ist. Sie haben ein Lob verdient.

Und die anderen?

Die weinen, in der Regel aber nur für einen kurzen Moment. Je nach Situation und Alter des Kindes wird es danach auf den Arm genommen, gestreichelt oder geschöppelet. Dann ist der Stich ganz schnell wieder vergessen.

Sie sprachen die Rolle des anwesenden Elternteils an. Was gilt es unbedingt zu vermeiden, wenn bei dem Nachwuchs bald ein Impftermin ansteht?

Mit Vorabinformationen wie «Wir gehen jetzt zum Doktor, und dort bekommst du eine Spritze!» wird das Kind verunsichert und verängstigt. Und versprechen Sie niemals «Das tut nicht weh!». Beim Kind kommt nicht die ganze Botschaft an, es hört nur «weh». Und es ist nicht wahr. Es ist wichtig, immer bei der Wahrheit zu bleiben, damit das Kind keinen Vertrauensbruch erlebt. Erklären Sie, warum die Impfung wichtig ist und dass es den Stich mit der kleinen Nadel spürt, den es braucht, damit es gesund bleibt.

Nicht nur die Kleinen haben Angst vor der Spritze …

Wie sehr sich auch grössere Kinder in etwas hineinsteigern können, zeigen immer wieder die  Schulimpfungen. Da sitzen die Teenager im Wartezimmer und machen sich gegenseitig verrückt. Manche steigern sich derartig in die Angst hinein, dass sie während oder kurz vor der Impfung kollabieren. Deshalb ist die Aufklärung, die Vorbereitung und Betreuung seitens des medizinischen Personals sehr wichtig. Solche Ängste lassen sich im Vorgespräch mit der Ärztin oder dem Arzt weitgehend vermeiden, indem die/der Mediziner/in konkret nachfragt: «Ist noch etwas unklar für dich?» Ganz wichtig ist, dass man sachlich auf die Fragen eingeht und geäusserte Befürchtungen oder Bedürfnisse ernst nimmt.

Ab welchem Alter versteht ein Kind, warum es das Prozedere über sich ergehen lassen muss?

Bereits Vierjährigen kann man altersgerecht erklären, warum eine Impfung für sie wichtig ist.

Halten Sie es für sinnvoll, vor der Impfung eine betäubend wirkende Creme auf die Haut aufzutragen, damit der Stich weniger stark spürbar ist?

In der grossen Mehrheit der Fälle bedarf es keiner dieser lokal sedierend wirkenden Massnahmen. Information, gute Atmosphäre und ein bestimmtes Vorgehen mit kurzer Ablenkung, so klappt es in am besten. Wird eine Creme eingesetzt, muss sie 30 bis 60 Minuten vor dem Stich aufgetragen werden, damit die Einstichstelle ausreichend betäubt ist. Andererseits wird der Impfvorgang dadurch viel zu sehr thematisiert. Das kann beim Kind Angst hervorrufen, deshalb halte ich diese Cremes für unnötig – und empfehle sie auch nicht.

Ist es von Bedeutung, in welcher Reihenfolge die Impfungen während des Termins gegeben werden?

Wenn es da Unterschiede gibt, erfolgt grundsätzlich die schmerzhafteste zuletzt. Injektionen, die unter die Haut gehen, tun weniger weh als die, die man intramuskulär, also direkt in den Muskel, verabreicht.

Wie viele Impfungen dürfen an einem Tag erfolgen?

Bei Immunisierungen, wie sie etwa im Vorfeld einer Reise gemacht werden, können das durchaus vier oder fünf sein. Diese werden vom Körper gut toleriert, und es wird ein optimaler Schutz aufgebaut. Für das Kind kann es aber belastend sein, gleich an einem Tag mehrmals gestochen zu werden. Stehen mehr als zwei Impfungen an, ist es besser, diese auf verschiedene Termine zu verteilen.

Gegen welche Erkrankungen sollten Kinder aus Ihrer Sicht unbedingt geimpft werden?

Während der ersten Lebensmonate sind die Kleinen besonders gefährdet, mit einer schweren, manchmal sogar lebensbedrohlichen Krankheit infiziert zu werden. Die Gefahr ist umso grösser, wenn sie mit anderen Kindern, zum Beispiel in der Krippe, Kontakt haben. Die erste Kombinationsimpfung gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung, invasive Haemophilus-influenzae-Typ-b-Infektionen, Hepatitis B sowie gegen Pneumokokken sollten im Alter von zwei Monaten erfolgen. Damit die Immunisierung garantiert funktioniert, müssen die gleichen Impfungen zwei Monate später wiederholt werden. Ab diesem Zeitpunkt ist das Kind geschützt. Im neunten Lebensmonat erfolgt dann die erste Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR), die zweite, wenn das Kind ein Jahr alt ist.

Befürworten Sie eine Impfpflicht?

Nein, denn ich denke, dass sich die meisten Eltern in der Schweiz darüber im Klaren sind, wie wichtig der Impfschutz ist.

Wie begegnen Sie Eltern, die durch Fehlinformationen, sei es durch das persönliche Umfeld, sei es durch unseriöse Quellen im Internet, verunsichert sind?

Mit einer sachlichen, fundierten Aufklärung, die auf Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen fusst, kann man den Eltern die Verunsicherung in den meisten Fällen nehmen.

Ein gutes Beispiel sind die Masern: Säuglinge können erst ab dem Alter von sechs, normalerweise eher mit neun Monaten gegen diese Viruserkrankung geimpft werden. Werden sie vor dieser Zeit mit dem Virus infiziert, erleiden sie schlimmstenfalls ein paar Jahre nach der Infektion eine tödliche verlaufende Gehirnentzündung. Jede Mutter, jeder Vater ist froh, wenn sie wissen, dass sich das Kind während dieser Zeit nicht irgendwo anstecken kann. Aber auch bei älteren Kindern, die die Masern durchmachen, können leider zu häufig Komplikationen auftreten – und selbst eine komplikationslos verlaufende Erkrankung ist für die Kleinen alles andere als ein Zuckerschlecken.

Zur Person: Professor Dr. med. Christoph Berger ist Kinderarzt und Spezialist für Infektionskrankheiten am Universitäts-Kinderspital in Zürich. Als Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen setzt er sich für aktuelle, umsetzbare und in der Bevölkerung verstandene Impfempfehlungen ein.

Die Zahl der Maserninfektionen wächst – auch in der Schweiz

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