Virologe: «Ja, die Priorität liegt bei den noch nie Geimpften»

Von Anna Kappeler

9.11.2021

Ein Raclette nach dem Piks im Impfdorf Zürich

Ein Raclette nach dem Piks im Impfdorf Zürich

Zur nationalen Impfwoche wurde am Montag im Hauptbahnhof Zürich das Impfdorf eröffnet. «Zürcherinnen und Zürcher wie auch Pendlerinnen und Pendler können sich unangemeldet impfen lassen», so die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli. Wer will, kriegt nach dem Piks einen Kaffee mit einem Berliner oder ein Raclette.

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Der Ansturm auf Erstimpfungen hält sich in der Impfwoche in Grenzen, doch eines wollen die Leute: den Booster. In Zürich wird dieser deshalb sogar gestoppt. Zu Recht? Ein Virologe ordnet ein.

Von Anna Kappeler

9.11.2021

Die Corona-Ansteckungszahlen steigen seit Mitte Oktober erneut stark an. Das sagte Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), heute an der Medienkonferenz (hier unser Ticker zum Nachlesen). 

Die Schweiz setzt statt der 2G-Politik wie unser Nachbarland Österreich derweil auf die Impfwoche. 66 Prozent haben mindestens eine Impfdosis bekommen. Die Hoffnung des Bundes: diese verglichen mit anderen westeuropäischen Ländern sehr tiefe Impfquote erhöhen zu können.

Die Kantone haben einen grossen Teil der 96 Millionen Franken vom Bund für die Impfwoche nicht abgeholt. Was nun?

«Bisher wurden rund 20 Millionen durch die Kantone beantragt», sagt Michael Beer, der Projektleiter Impfoffensive. Der Bund habe nicht erwartet, dass alles Geld abgeholt werde. Der Betrag werde sich noch erhöhen, da weitere Massnahmen zur Prüfung unterbreitet worden seien. Ausserdem würden die Massnahmen in den Kantonen auch nach der Impfwoche weitergeführt. «Die Wirkung der Impfoffensive sollte nicht am ausgegebenen Geld festgemacht werden, sondern daran, wie viele niederschwellige Impfberatungen und Impfangebote der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden.»

Nur: Der vom Bund erhoffte Run bleibt aus. Zumindest für Erstimpfungen. Was die Leute sehr wohl wollen, ist eine Booster-Impfung.

So geschehen im Impfdorf am Zürcher Hauptbahnhof. Wegen «eines grossen Andrangs von über 65-jährigen Personen, die spontan eine Booster-Impfung beziehen wollten», sei es zu grösseren Wartezeiten für die Booster-Willigen gekommen. Das sagt ein Mediensprecher der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich auf Anfrage.

Gleichzeitig blieben so aber zu wenig Kapazitäten für Personen, die sich erst- oder zweitmalig gegen Covid-19 impfen lassen wollten.

Kein Booster mehr im Hauptbahnhof Zürich

Und das wiederum hat Folgen: Am Nachmittag teilt die Behörde via Twitter mit, dass «aufgrund der grossen Nachfrage nach Boosterimpfungen» nur noch erste und zweite Impfungen durchgeführt werden. Diese hätten Vorrang vor dem Booster. Menschen über 65 werden gebeten, für ihren Booster online einen Termin zu buchen für den nächsten Tag.

Die Impfdorf-Verantwortlichen hätten mit Sofortmassnahmen reagiert: «Den bereits Anstehenden wurde ein Termin für heute oder morgen gegeben, damit die hohe Nachfrage gestaffelt abgearbeitet werden kann», sagt der Mediensprecher.

Zahlen zum Impfdorf werden voraussichtlich gegen Ende dieser Woche publiziert.

«Bald ähnliche Zustände wie in Österreich»

Also Anruf beim Tessiner Virologe Andreas Cerny. Auch er denkt, dass in der Impfwoche zuerst Erstimpfungen verabreicht werden sollten. «Die Zeit drängt», sagt Cerny. «Die Fälle nehmen zu. Es ist vorauszusehen, dass, wenn wir tatenlos zuschauen, bald ähnliche Zustände wie in Österreich eintreffen.»

Natürlich könne jeder Kanton für sich entscheiden, ob er gleichwohl weiterhin Booster-Impfungen verabreiche. Cerny verweist auf seinen Kanton: «Im Tessin werden die Booster-Impfungen zuerst in Altersheimen und für die 75-Jährigen und Ältere freigegeben.» 

Eine Mitarbeiterin haengt Zettel mit der Aufschrift
Eine Mitarbeiterin hängt Zettel beim Impfdorf in der grossen Halle des Hauptbahnhofs Zürich auf. Diese Priorisierung sei richtig, sagen die Experten dazu.
Bild: Keystone

Epidemiologisch mache es für die Gesellschaft Sinn, Booster und Erstimpfungen zu geben. Doch die Priorität liege bei den noch nie Geimpften. «Sie profitieren am meisten und helfen uns als Gesellschaft, eine weitere Verschlechterung der epidemiologischen Situation zu verhindern.»

«Wollen Impfquote insgesamt erhöhen»

Dass es richtig sei, den Booster erst nach der Impfwoche anzubieten, auch wenn das Interesse daran offensichtlich höher sei, findet auch der oberste Kantonsarzt Rudolf Hauri: «Ja, das ist immer noch richtig. Wir wollen ja die Impfquote insgesamt erhöhen», sagte er an der Medienkonferenz am Nachmittag.

Masserey vom BAG stellte klar: Noch seien 1 Million Erwachsene in der Schweiz weder geimpft noch genesen. Auf die Frage eines Journalisten, wie zufrieden sie mit der Impfwoche sei, sagte sie: «Wir haben derzeit keine konkreten Zahlen, wie viele Leute sich in der Impfwoche impfen liessen.» Aber sie sei sehr zufrieden mit der Sichtbarkeit der Aktion und den Massnahmen der Kantone.

Über das Ziel der Impfwoche sagt Michael Beer, der Projektleiter Impfoffensive, «dass sich möglichst viele Personen niederschwellig über die Impfung informieren können und niederschwelligen Zugang zur Impfung erhalten». Also wolle man klar eine Erhöhung der Impfrate bei bisher noch ungeimpften Personen.

«Booster-Impfung ist ebenfalls wichtig»

Trotz dieser grundsätzlichen Einigkeit: Die Booster-Impfungen seien gleichwohl wichtig, sagt Virologe Cerny: «Bei älteren Personen, welche vor mehr als sechs Monaten geimpft wurden, ist es ebenfalls wichtig, jetzt rasch eine Booster-Impfung anzubieten.» 

Die Grafik aus einer Studie mit US-Veteranen zeigt, wie stark der Impfschutz ist und wie er mit der Zeit nachlässt.
Screenshot aus der Studie, aufzurufen unter https://www.science.org/

Studien illustrierten den Abfall des Impfschutzes in Abhängigkeit der Zeit. Heisst, je länger die Covid-Impfung zurückliegt, desto mehr nimmt deren Schutz ab.