Das kommt auf euch zu, liebe Schweizerinnen und Schweizer

Von Maximilian Haase

26.8.2021

Das Covid-Zertifikat könnte bald viel breiter zum Einsatz kommen als bisher. Der Bundesrat stellt eine Ausweitung der 3G-Regel zur Diskussion. (Archivbild)
Das Covid-Zertifikat könnte bald viel breiter zum Einsatz kommen als bisher. Der Bundesrat stellt eine Ausweitung der 3G-Regel zur Diskussion. (Archivbild)
KEYSTONE/GAETAN BALLY

Das Covid-Zertifikat auszuweiten, fragen sich viele Schweizer*innen, geht das überhaupt im Alltag? Antworten liefert unser Autor aus Deutschland, wo die sogenannte 3G-Regel schon seit mehreren Wochen gilt.

Von Maximilian Haase

26.8.2021

«Corona-Leugner», «Inzidenzwert», «pandemiebedingt» – seit das Virus unser Leben bestimmt, sind zahlreiche Wortschöpfungen im Sprachgebrauch selbstverständlich geworden. Und es kommen immer neue hinzu: Seit einiger Zeit ist hier in Deutschland etwa «3G» in aller Munde. Meinte man damit einst einen heute überholten Mobilfunkstandard, steht die Abkürzung dieser Tage für «geimpft, getestet, genesen».

Die entsprechende 3G-Regel besagt als Instrument der Pandemie-Bekämpfung, dass bei Veranstaltungen in Innenräumen – vom Theater bis zum Fitnessstudio – nur Personen zugelassen sind, die eines dieser drei Kriterien erfüllen.



Nun hat sich der Ausdruck «3G» in der Schweiz nicht wirklich durchsetzen können, Schweizer*innen sprechen lieber von «Zertifikaten». Hübsch sind beide Bezeichnungen nicht, am Ende ist das Ganze wohl Kultur- und Geschmacksfrage. Inhaltlich jedenfalls entspricht die vom Bundesrat angesetzte Ausweitung des Covid-Zertifikats in etwa der verpflichtenden 3G-Regelung, die in Deutschland seit dieser Woche bundesweit gilt.

Heisst: Die Aufregung, die bei unseren Nachbarn gerade herrscht, verstehen wir.

Auch bei uns ist von Spaltung der Gesellschaft die Rede

Auch hierzulande kreisen die Diskussionen um eine mögliche Spaltung der Gesellschaft, um kostenpflichtige Tests (Gratistests wird es ab 11. Oktober nicht mehr geben) und die Abwägung, ob ein erneuter Lockdown für Gastro und Co. nicht viel schlimmer wäre. Ach ja: Manche beschweren sich auch über die mangelnde 3G-Durchsetzung im Bundestagsgebäude (ausgerechnet!).



Aber was kommt denn nun auf euch zu, liebe Schweizer*innen?

Hier in Berlin – der hübsche (und bisweilen Chaos fördernde) Föderalismus lässt grüssen – gilt die 3G-Regelung schon drei Tage länger, der Reality-Check stand hier also als Erstes an. Aus Sicht eines bereits geimpften Hauptstädters könnte man nun sagen: Keine Angst, so schlimm wird es nicht!

Im Kino und Restaurant scannt man sich nun eben doppelt ein: Einmal, um seinen Aufenthalt zu registrieren (dafür nutzen hierzulande viele Veranstaltungsorte eine bisweilen auch kritisierte App, die Hip-Hop-Star Smudo entwickelt hat) – und einmal, um per «CovPass»- oder Bundesregierungsapp den eigenen «Status» nachzuweisen. Guten Tag, Haase mein Name, von Beruf Journalist, doppelt geimpft – ein gängiger Scherz.

Es gibt wieder Umarmungen

3G heisst eben auch: QR-Codes und -Lesegeräte werden ebenso alltäglich wie das Bezahlen an der Kasse. Das mag lästig sein, macht das Dasein nach anderthalb Jahren Ausnahmezustand aber – mehr dem Empfinden als der Epidemiologie nach – auch ein wenig sicherer: Man geht ins Lieblingsrestaurant, checkt ein, nimmt am Platz die Maske ab und kann davon ausgehen, dass man die Mitanwesenden schützt, so gut es eben möglich ist – und umgekehrt.

Es geht, wie so oft im Leben, ums Gefühl: Das Ansteckungsrisiko nimmt zumindest subjektiv ab, ebenso die soziale Distanzierung, die unseren Alltag seit Monaten prägt. Es gibt wieder Umarmungen – selbst im kühlen Norden und ach so coolen Berlin. Vor allem aber: Endlich wieder Biertrinken und Haareschneiden ohne die Sorge, dass Bar und Friseur schon in der nächsten Woche wieder schliessen und um ihre Existenz bangen könnten. Dass deren Betreiber das bisweilen kritischer sehen, ist wiederum eine ganz andere Frage.

So weit die unspektakulären Erfahrungen aus der doch recht privilegierten Blase.

Der spontane Zutritt bleibt einem verwehrt

Weitet man die Perspektive, zeigen sich die Nachteile, die eine Zertifikatspflicht im Alltag mit sich bringen könnte. Eine Freundin (geimpft) berichtet, wie sie mit einer Kollegin (weder geimpft noch genesen) schon am Kaffeetrinken in einer brandenburgischen Kleinstadt scheitert. Anders als in Berlin gibt es hier nicht an jeder Ecke ein Testzentrum, der spontane Zutritt zum Café bleibt an einem Regentag also verwehrt. Was bei spätsommerlichen Temperaturen dank Coffee-to-go noch zu ertragen ist, könnte spätestens im Herbst auf so manches Gemüt schlagen.



Ganz zu schweigen von Wichtigerem wie Krankenhausbesuchen oder Unternehmungen mit den eigenen, über 16-jährigen Kindern. Immerhin: Schülerinnen und Schüler, die in den Schulen regelmässig getestet werden, sind von 3G ausgenommen.

Auch aus der Wirtschaft, deren Offenhaltung die 3G-Regel ja unter anderem bewirken soll, kommen klagende Stimmen: Ein Bekannter erzählt vom verzweifelten Chef seines Fitnessstudios, der anscheinend seit Montag mit zahlreichen Kündigungen überschüttet wird. Wirte und Friseure scheinen derweil daran zu verzweifeln, wie man das alles eigentlich kontrollieren soll.

Die Kontrollen funktionieren mancherorts «mittelgut»

Überhaupt, die Kontrollen: Sie funktionieren mancherorts, um eine Kollegin zu zitieren, «so mittelgut». In einem Restaurant beispielsweise verweisen die Schilder am Eingang zwar auf die 3G-Pflicht, samt daneben befindlichem Stand, an dem ein Angestellter das Ganze kontrollieren soll. Allein: Der Eincheck-Stand ist völlig verwaist, die Menschen schieben sich einfach so vorbei. Auch der Kellner kontrolliert nicht. Die Besucher*innen kümmert's jedenfalls nicht.

Während Bars, Restaurants und Kinos – zumindest in Berlin – nicht leerer zu sein scheinen, droht bereits ein neues Zahlengespenst, das derzeit herumspukt: 2G!

2G meint nur noch die Geimpften und Genesenen, auch Getestete würden bei einer solchen Regelung keinen Zutritt mehr erhalten. Auf Grundlage des Hausrechts können Veranstaltungsorte dies schon jetzt durchsetzen. Als erstes Bundesland hat Hamburg kürzlich eine optionale 2G-Regelung beschlossen, bei dessen Anwendung etwa die Abstandsregeln wegfielen. Ein ökonomischer Zwang zu 2G, meinen so manche Besitzer kleinerer Bars. In Restaurants und Kinos hingegen, wo 40 Prozent der Besucher getestet erscheinen, sieht man durch 2G fast die Hälfte der Kundschaft wegfallen.

Ihr seht, werte Schweizer*innen: Die Debatte um Zertifikate ist nach oben noch weit offen.

Der Artikel wurde Ende August zum ersten Mal publiziert. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir ihn erneut.