Osterzeit ist Kolonnenzeit

Wenn du nicht im Stau stehst, bist du vielleicht dessen Ursache

Von Andrea Moser

15.4.2022

Autofahrer und Touristen stauen ueber 10 Kilometer auf der Autobahn A2 in Richtung Norden am Sonntag, 7 Juni 2015, in Quinto. Wegen des Staus muessen die Autofahrer mit einer Zeitverzoegerung von 2 Stunden rechnen. (KEYSTONE/TI-PRESS/Davide Agosta)
Hier hilft auch kein Fluchen und Hupen: Die Blechlawine kommt Richtung Gotthard einfach nicht vom Fleck. (Archivbild)
Keystone/TI-PRESS/Davide Agosta

Auf den Stau rund um die Ostertage ist Verlass: Jedes Jahr staut sich eine Blechlawine kilometerlang vor dem Gotthardtunnel Richtung Süden. Eine gute Gelegenheit, das leidige Thema genauer unter die Lupe zu nehmen.

Von Andrea Moser

15.4.2022

Die einen fluchen laut, andere verdrehen genervt die Augen, und wieder andere gestikulieren wild. Im Stau stehen wohl die wenigsten Autofahrer*innen gern. Nach einer gefühlten Ewigkeit im Schneckentempo erreichst du endlich dein Ziel, deine Waden schmerzen und du bist fix und fertig. Dieses Szenario erwartet dich, wenn du Ostern im Süden verbringst. 

Konkret bedeutet Stau, wenn du auf Hochleistungsstrassen oder Hauptstrassen ausserorts während mindestens einer Minute weniger als 10 km/h fahren musst und häufig sogar ganz stehst. Stehst du dagegen nur kurz und fährst zwischendurch 10 bis 30 km/h, dann ist von stockendem Verkehr die Rede. 

Ein Stau entsteht für gewöhnlich bei einem höheren Verkehrsaufkommen, beispielsweise an Feiertagen wie Ostern oder im Pendlerverkehr. Weitere Gründe sind Verkehrsbehinderungen wie Baustellen oder Unfälle. Dazu kommen sogenannte Phantomstaus.

Drängler und Dichtauffahrer lösen Phantomstaus aus

Gehörst du zu den Autofahrern, die gern dicht auffahren und häufig die Spur wechseln? Dann bist du möglicherweise ebenfalls der Grund für einen Stau, nur merkst du es nicht. Die Konsequenzen tragen Autos, die weit hinter dir unterwegs sind.

Der sogenannte Phantomstau, auch «Stau aus dem Nichts» genannt, entsteht dann, wenn du zu dicht auffährst und abbremsen musst. Die Folge: Das Auto hinter dir bremst ebenfalls, das folgende auch. Es entsteht ein Handorgeleffekt, das Fahrtempo reduziert sich von Auto zu Auto, bis das erste Fahrzeug zum Stillstand kommt. So entsteht ein Stau, den du zwar mitverursachst, aber selbst gar nicht merkst. 

Schuld an Phantomstaus sind übrigens nicht nur Drängler, sondern auch «Zickzack»-Fahrer auf der Autobahn. Beim schnellen Spurwechsel kommt es zu winzigen Verzögerungen im Verkehr hinter dir. Diese können sich so stark aufbauen, dass es erst 15 bis 20 km später staut, schreibt das Astra. Stehst du selbst in einem solchen Stau, bist du ratlos, warum der Verkehr anschliessend von einer Sekunde auf die nächste wieder normal rollt. 

A car of the brand Mercedes tailgates another car on the highway A1, pictured in Hunzenschwil in the Canton of Aargau, Switzerland, on October 30, 2017. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Ein Auto der Marke Mercedes faehrt auf der Autobahn A1 dicht auf ein anderes Auto auf, aufgenommen am 30. Oktober 2017 in Hunzenschwil im Kanton Aargau. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Drängler sind nicht nur gefährlich und nervig, sie sind auch Verursacher von Phantomstaus. (Symbolbild)
Keystone/Gaetan Bally

Auch essen am Steuer kann gebüsst werden

Trotz aller Vorkehrungen passiert es trotzdem: Die Blechlawine rollt nicht und du bist mittendrin. Während das Abwechseln zwischen Gas und Bremse höchstens deine Wadenmuskeln fordern, bist du geistig komplett unterfordert. Dass du die Finger vom Smartphone lässt, ist dir klar. Da inzwischen aber auch dein Magen knurrt, schnappst du dir das Sandwich, das du extra eingepackt hast.

Aber Vorsicht: Wer am Steuer isst und dabei erwischt wird, muss mit einer Busse rechnen. «Der Lenker muss das Fahrzeug permanent so beherrschen, dass er seinen Vorsichtspflichten nachkommen kann, weshalb er beim Fahren keine Verrichtung vornehmen darf, welche die Bedienung des Fahrzeugs erschwert», schreibt der TCS-Rechtsschutz. Das gilt nicht nur fürs Smartphone, sondern auch für den Snack am Steuer. 

A car driver reads the paper while in traffic, photographed in Zurich, Switzerland, on July 2, 2018. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Ein Autofahrer liest eine Zeitung im Verkehr, aufgenommen am 2. Juli 2018 in Zuerich. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Die Zeit im Stau zum Lesen zu nutzen, ist natürlich ebenfalls keine gute Idee und wird gebüsst. (Archivbild)
Keystone/Christian Beutler

Istanbul führt Stau-Rangliste 2021 an 

Falls du zur äusserst seltenen Spezies der Autofahrer gehörst, die gern im Stau stehen, dann ab nach Istanbul: Auf das ganze Jahr hochgerechnet, standen Pendler in der türkischen Metropole insgesamt 142 Stunden im Stau. Das zeigt der Traffic Index von TomTom, Hersteller von Navigationssystemen und dessen Auswertung der GPS-Daten.

Der Traffic-Index zeigt übrigens auch, dass sich die Stauzahlen während der Corona-Pandemie stark verändert haben. Das indische Bengaluru, das im Jahr 2019 noch ungeschlagen auf Platz 1 lag, ist mit 110 Staustunden im letzten Jahr «nur» noch auf Platz 10. Als erste Schweizer Stadt auf der Liste taucht Genf auf Platz 75 auf. Klar an der Spitze liegt Istanbul und verdient daher den unehrenhaften Titel als verkehrsreichsten Stadt der Welt.