Schulbeginn Wenn Eltern ihre Kinder mit Tricks von «Problemschulen» fernhalten

Von Valerie Zaslawski

20.8.2019

Eine Trennung zum Schein oder Grosseltern aus einem anderen Quartier, die auf Kinder aufpassen: Eltern versuchen mit etlichen Tricks, ihr Kinder von Schulen mit schlechtem Ruf fernzuhalten.
Eine Trennung zum Schein oder Grosseltern aus einem anderen Quartier, die auf Kinder aufpassen: Eltern versuchen mit etlichen Tricks, ihr Kinder von Schulen mit schlechtem Ruf fernzuhalten.
Symbolbild: Keystone/DPA/Frank Rumpenhorst

Multikulturelle Quartiere sind hip – bis die eigenen Kinder in dortige Schule sollen. Dann ziehen häufig auch die politisch Linken weg. Selbst in Berlin. In der Schweiz existiert das Phänomen in abgeschwächter Form – hält die Politik dagegen?

Fast alle Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache, Eltern mit bildungsfernem Hintergrund sowie eine hohe Gewaltbereitschaft unter Schülern: Nicht wenige Primarschulen in Berlin gelten als sogenannte Problemschulen. Um zu verhindern, dass die eigenen Kinder an einer solchen landen, unternehmen manche Eltern laut «Tagesspiegel» vor der Einschulung so einiges.

Durchmischung ja, aber nicht für meine Kinder

Sie wählen zwar rot-grün und profitieren von den Vorzügen ihrer multikulturellen Nachbarschaft, reichen gleichzeitig aber jährlich Tausende von Umschulungsanträgen mit seitenlangen Begründungen ein, täuschen Trennungen vor und melden einen Elternteil andernorts wohnhaft, um sich so ins Einzugsgebiet der Wahl zu schummeln. Alles unter dem Motto: Das Beste für unser Kind. Die Folgen sind allmorgendliche Völkerwanderungen quer durch Berlin – und eine soziale Entmischung in höchster Vollendung.

Weil die Politik es bisher nicht geschafft hat, die soziale Durchmischung zu fördern, um die Qualität an allen Schulen zu garantieren, hat eine Mutter letztes Jahr eine private Initiative lanciert: In einem Brief motivierte Teresa Faraj andere Eltern aus ihrem Quartier, ihre Kinder doch gemeinsam in die als Problemschule bekannte Neumark-Grundschule zu schicken.

Zusammen sollten die Kinder aus ihr «eine der tollsten Grundschulen Schönebergs machen», heisst es in dem Schreiben. Mit Erfolg: 57 neue Anmeldungen kamen fürs Schuljahr 2019/2020 zusammen, bestätigt Faraj auf Anfrage. Das Beispiel zeigt, dass es sich lohnt, mutig und offen zu sein. Die Grundschule sei einer der vielseitigsten und demokratischsten Orte überhaupt, sagt sie auch zu «Bluewin». Denn: «Die Wege trennen sich früh genug.»

Keine «Problemschulen» in der Schweiz

In der Schweiz präsentiert sich die Situation freilich nicht annähernd so dramatisch wie in vielen deutschen Städten, von «Problemschulen» wird erst gar nicht gesprochen – weder in der Bevölkerung noch in der Politik oder bei den Behörden, und auch nicht beim Lehrerverband (LCH). Dennoch: Auch hierzulande gibt es Schulen mit ungenügender Durchmischung.

Den höchsten Anteil ausländischer Schüler findet sich in der Deutschschweiz in Basel-Stadt. Laut dem Bundesamt für Statistik liegt er bei 39 Prozent, in den Kantonen Zürich und Bern bei 26 beziehungsweise 18 Prozent. Entsprechend sind die Städte mit Fragen der Segregation konfrontiert. In Basel sind es vor allem die Schulen im Kleinbasel, die immer wieder zu reden geben, in Zürich jene im Schulkreis Schwamendingen und in Bern kämpft Bern-West um seinen Ruf .

Und wie in Berlin, Hamburg oder Bremen lassen sich auch hier die privilegierten Eltern so einiges einfallen, um ihre Kinder nicht an besagte Schulen zu schicken – wodurch Parallelgesellschaften weiter zementiert werden.

Es gibt diejenigen Eltern, die aus dem Multikulti-Quartier in ein «besseres, in ein Familienquartier» umziehen, um dem Kind «Chancengleichheit zu ermöglichen». Ihr Ziel: die bestmögliche Förderung. Immerhin sind diese Eltern konsequent. Denn es gibt auch andere – nämlich diejenigen, die zwar im Quartier bleiben, aber ihre Kinder an private Schulen schicken, beispielsweise an die Rudolf-Steiner-Schule. Wobei es natürlich auch viele andere Gründe geben kann, sich für eine alternative Schule fürs eigene Kind zu entschliessen.

Oder die Eltern tricksen bei der Einschulung, indem sie die in der Nähe der Wunschschule wohnenden Grosseltern für die Betreuung angeben. Jene Eltern sind sich durchaus bewusst, dass sich nichts verändert, wenn alle unter ihresgleichen bleiben wollen. Aber sie möchten nicht ausgerechnet das eigene Kind für ein soziales Experiment, das als gesellschaftlicher Fortschritt deklariert wird, hergeben.

Gegenseitig von Integration profitieren

Es gibt aber auch diejenigen, die im Quartier bleiben und sich über die Inkonsequenz der Wechsler ärgern. Denn: Der Anteil der Kinder aus Migranten- und sozial schwachen Familien ist an multikulturellen Schulen um ein Vielfaches höher als in den Wohnhäusern drum herum. Die Schule widerspiegelt also nicht die Durchmischung des Quartiers.

Auch viele, die bleiben, haben mit ihrer Entscheidung gekämpft: Wollen sie wirklich ihre ideologischen Überzeugungen, wonach eine Gesellschaft integrativ sein sollte, auf dem Buckel ihrer Kinder austragen, ihnen womöglich die Zukunft verbauen? Sie kamen zum Schluss, dass das Kind nicht in einem Kosmos aufwachsen sollte, dass das Leben manchmal halt etwas rau ist.

Schliesslich gibt es diejenigen, die sich freiwillig für eine multikulturelle Schule entscheiden. Das sind allerdings wenige: Christina Schnellmann Weber etwa wohnt im Graubereich eines Einzugsgebiets. Ihre Kinder hätten auf dem gut bürgerlichen Bruderholz der Stadt Basel einen Platz bekommen, doch das Bauchgefühl der Mutter war ein anderes. Nun gehen die Kinder im multikulturellen Gundeli zur Schule – Frau Schnellmann hatte zuvor einen Antrag auf einen Wechsel dorthin gestellt.

Der zuständige Sachbearbeiter des Basler Erziehungsdepartements glaubte erst, sich verhört zu haben. Noch nie habe jemand einen Wunsch in diese Richtung geäussert. Sie sagt: «Wir wollten, dass unsere Kinder von gegenseitiger Integration profitieren.» So könnten die einen von der Sprachsicherheit der anderen lernen. Diese wiederum bekämen ein Gespür dafür, dass es nicht allen so gut geht wie ihnen selbst. Ihre Kinder sollten vorurteilsfrei aufwachsen.

Durchmischung ist Sache der Politik

Von den Schweizer Eltern werden Initiativen wie jene der Berliner Mutter Faraj mit Interesse wahrgenommen, doch am Ende ist man sich einig: Es ist Sache der Politik, die Durchmischung an Schweizer Schulen zu fördern, die Qualität weiterhin zu gewährleisten und Integration zu ermöglichen. Schnellmann sagt: «Wir haben heute kein Problem, aber wir müssen aufpassen, dass es keines wird.»

Die Politik hat bereits viel in die richtige Richtung unternommen. Vorbildlich zeigt sich dabei der Kanton Zürich. Einerseits werden dort Schulen, die einen multikulturellen Anteil von mehr als 40 Prozent aufweisen, durch das sogenannte Quims-Programm gefördert, wobei Quims für «Qualität in multikulturellen Schulen» steht – die Institutionen erhalten zusätzliche fachliche und finanzielle Unterstützung.

Die Zahl der Quims-Schulen hat in den letzten Jahren laut dem zuständigen Volksschulamt zugenommen, weil sich die Diversität der Gesamtgesellschaft verstärkt hat. Die Segregation hingegen nehme derweil ab, auch an den Quims-Schulen. Dies dürfte nicht zuletzt an der Zürcher Wohnungspolitik, die günstigen und sozialen Wohnraum fördert, liegen. Die ausländische Bevölkerung wohnt heute (2016: 16.9 Prozent) weniger getrennt von der Bevölkerung mit Schweizer Pass als noch zur Jahrtausendwende (20.9 Prozent). Und im Prinzip gilt: Je durchmischter ein Quartier, desto durchmischter die Schule.

Auch in Basel hat sich die Bevölkerung deutlich besser durchmischt: Laut dem Präsidialdepartement sank der Segregationsindex zwischen 1998 und 2017 von 29,9 Prozent auf 17,5 Prozent. Die veränderte Durchmischung sei vor allem auf eine intensive Integrationspolitik zurückzuführen. So habe die Unterstützung beim Spracherwerb und der Zugang zu Qualifizierungsmassnahmen dazu beigetragen, dass Gymnasial- und Hochschulquoten von Ausländern gestiegen seien. Damit steige auch deren Einkommen. Schliesslich verbessere sich der Zugang zu hochpreisigen Wohnquartieren. Basel kennt zwar kein Quims-Programm, doch werden laut dem Erziehungsdepartement auch hier bei der Zuteilung von Lektionen für unterstützende Fördermassnahmen die sozialen Gegebenheiten der Einzugsgebiete einzelner Schulen berücksichtigt.

Frühförderung für Migrantenkinder

Trotz zahlreicher Massnahmen gibt die Institution Schule auf politischer Ebene weiterhin zu reden. So sagt beispielsweise der Präsident der SP Migranten, Mustafa Atici: «In Basel ist nicht die fehlende Durchmischung an den Schulen das Problem, sondern dass die Kinder bildungsferner Eltern immer noch zu wenig früh gefördert werden. Oft finden sie keinen Anschluss.»

Derweil fordert in Zürich Gemeinderätin Yasmine Bourgeois, FDP Stadt Zürich, dass Kinder mit stark abfallender Leistung wieder mehr in Kleinklassen unterrichtet werden sollen – das würde zu homogeneren Klassen führen. Ausserdem plädiert sie dafür, eine freie Schulwahl auch für weniger Begüterte zu testen, zum Beispiel mit Bildungsgutscheinen. Sie sagt: «Eine freiere Schulwahl für alle würde den Wettbewerb unter den Schulen fördern, wodurch sich die Qualität automatisch verbesserte.»

Ob ein marktwirtschaftlicher Ansatz der richtige ist, ist jedoch umstritten. An der Urne wurden entsprechende Volksinitiativen schon mehrfach abgelehnt. Die Gegner der freien Schulwahl argumentieren, dass eine solche die sozialen Ungleichheiten nur noch verstärken würde. So äussert sich auch die Lehrerpräsidentin Dagmar Rösler im Interview. Am Ende sind es denn auch die Lehrer, welche die Verantwortung guter Bildung tragen. Integration kann nur gelingen, wenn die Pädagogen die nötige Unterstützung erhalten. 

Bilder des Tages
Zurück zur Startseite