Forderung nach mehr Wettbewerb «Die freie Schulwahl würde die Volksschule massiv schwächen»

Von Valerie Zaslawski

20.8.2019

Dagmar Rösler, oberste Schweizer Lehrerin, kann der freien Schulwal nichts Gutes abgewinnen.
Dagmar Rösler, oberste Schweizer Lehrerin, kann der freien Schulwal nichts Gutes abgewinnen.
Keystone/Gaetan Bally

Die Schweizer Elternlobby fordert seit Jahren die freie Schulwahl. Die neue Lehrerpräsidentin Dagmar Rösler befürchtet, dass das schlecht ist für die Chancengerechtigkeit und die soziale Entmischung verstärkt.

Frau Rösler, leistungsstarke Bildungssysteme haben ein gemeinsames Merkmal: Schulautonomie. Was ist damit gemeint?

Schulautonomie bezieht sich auf die Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des bestehenden öffentlichen Schulsystems. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz und das Syndicat des Enseignants romands begrüssen es, dass Schulen ihre eigenen Profile und Kulturen entwickeln. Durch die geleiteten Schulen mit grösserer Autonomie gibt es heute bessere Anpassungsmöglichkeiten an lokale Interessen und Bedürfnisse der Eltern. Aus diesem Grund fordern wir, dass Schulleitungen die Ressourcen und eine angemessene Autonomie erhalten, um ihre Schule zu gestalten und zu entwickeln. Lehrpersonen brauchen auf allen Stufen die Freiheit, für ihre Klassen geeignete Lehrmittel und Lehrmethoden bestimmen zu können.

Was ist der Unterschied zur freien Schulwahl, wie es die Schweizer Elternlobby in kantonalen Petitionen fordert?

Hinter der Forderung nach freier Schulwahl steht die neoliberale Sichtweise, dass die Eltern als «freie Kunden» die Schule auswählen können und die Schulen untereinander dadurch in Konkurrenz geraten. Es ist gefährlich, die öffentlichen Schulen, die einen Grundpfeiler unserer demokratischen Gesellschaft darstellen, wie profitorientierte Unternehmen zu behandeln. Die öffentlichen Schulen sind ein Kernstück des Service public und sind verpflichtet, ausreichende Grundbildung für alle Kinder anzubieten. Künstliche Konkurrenz unter den Schulen ist unproduktiv und schwächt das System, da so zunehmend Ressourcen für Marketing statt Bildung eingesetzt werden müssten. Wir lehnen die Forderungen nach freier Schulwahl kategorisch ab.

Durch die freie Schulwahl würden Eltern und Schüler zu Kunden, was Schulen dazu zwingt, um sie zu werben und ihre Anliegen ernst zu nehmen. Dieser Wettbewerb soll die Schulen besser machen. Eignet sich die Volksschule denn für den freien Wettbewerb?

Eben nicht! Nochmals: Die öffentliche Schule ist kein Unternehmen und darf nicht nach marktwirtschaftlichen Prinzipien regiert werden. Durch eine «freie» Schulwahl würde das Volksschulsystem der Schweiz geschwächt und unterwandert, damit einige Wenige zum Schaden vieler profitieren könnten.

Freie Schulwahl und mit ihr staatlich bezuschusster Privatschulbesuch sollte gemäss den Initianten aber genau das Gegenteil bewirken: So entstehe Chancengleichheit zwischen Arm und Reich, die individuelle Auswahl der für ein Kind passendsten Schule ermöglichen und die bestmögliche Förderung im Unterricht erreichen. Sind diese Ziele realistisch?

Die Forderung nach freier Schulwahl würde bedeuten, dass Steuergelder von der öffentlichen Schule abgezogen würden. Das würde die Volksschule massiv schwächen. Empirische Studien aus anderen Ländern zeigen, dass Charter Schools nicht generell bessere Leistungen hervorbringen, aber dafür das gesamte Bildungssystem gefährden, indem sie die Chancengerechtigkeit verschlechtern und zu mehr sozialer Segregation führen. Kurz gesagt: Die Privatisierung der Volksschule würde zu einer Verteuerung des Bildungssystems führen sowie grossen Schaden an den demokratischen Grundwerten und am hohen Bildungsniveau für alle Bevölkerungsschichten in unserem Land anrichten.

Inwiefern würden einkommensschwächere Familien durch eine freie Schulwahl sogar benachteiligt?

Die Behauptung der Initianten, dass freie Schulwahl auch benachteiligten Familien erlauben würde, ihre Kinder in andere Schulen zu senden, trifft nicht zu. Einerseits erfordert die Wahl der Schule ein vertieftes Verständnis des Bildungssystems. Und hier sind bildungsferne Familien benachteiligt, da sie nicht über solche Informationen verfügen. Momentan haben wir in der Schweiz aber ohnehin keine Messwerte, welche einen direkten Vergleich zwischen Schulen ermöglichen würde. Ausserdem zeigen empirische Studien aus anderen Ländern, dass für den Besuch einer besseren, aber weit entfernten Schule sowohl Zeit als auch Geld aufgewendet werden müssen. Hier dürfen nicht die Fehler anderer Länder wiederholt werden! Die Möglichkeiten und der Wille, diese Kosten zu tragen, unterscheiden sich zwischen Eltern mit einem hohen und niedrigen Sozialstatus. Dies hätte zur Folge, dass Kinder aus bildungsnahen und bildungsfernen Familien, auch wenn sie im selben Quartier wohnen, zunehmend in andere Schulen gehen würden.

Und eine soziale Durchmischung von Klassen ist wichtig?

Ja. Dass Kinder aus allen Schichten zusammenkommen und so voneinander lernen, ist die Stärke der staatlichen Schulen. Eine freie Wahl der Grundschule durch Eltern verschärft nach Ansicht von Experten jedoch die soziale Spaltung der Gesellschaft, die Entstehung von Parallelgesellschaften und die Gettoisierung der Volksschule.

Gibt es denn keine Beispiele, die zeigen, dass die freie Schulwahl die Durchmischung beziehungsweise den sozialen Ausgleich auch fördern kann?

Zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern zeichnen ein deutliches Bild: Die freie Schulwahl führt zu einer sozialen Segregation. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass die Wahl einer Schule oftmals nicht eine pädagogische, sondern eine soziale Wahl ist. Bildungsnahe Eltern wählen – bewusst oder unbewusst – meist Schulen, welche vor allem von Kindern aus anderen bildungsnahen Familien besucht werden. Auch internationale Organisationen wie die Unesco und Education International (EI) warnen eindringlich davor, dass die Privatisierung und Kommerzialisierung der öffentlichen Schulen durch freie Schulwahl die Chancengerechtigkeit und soziale Durchmischung der Schulen gefährdet. Dadurch wird der soziale Zusammenhalt unserer Gesellschaft geschwächt.

Welche staatlichen Massnahmen bräuchte es, wenn das Schulsystem flexibler im Sinne von freier wäre, um die Qualität sicherzustellen?

Um die Qualität von «freien Schulen», welche dem Lehrplan 21 oder dem Plan d’étude (PER) verpflichtet sind, zu sichern, müssten komplexe und kostspielige standardisierte Tests durchgeführt werden.

Kann die Ablehnung der freien Schulwahl durch das Stimmvolk – mehrere Volksinitiativen wurden in den vergangenen Jahren an der Urne versenkt – durch diese einigermassen widersprüchliche Mischung aus Liberalismus und Staatsintervenismus zur Sicherung der Qualität erklärt werden?

Die wiederholte deutliche Absage an der Urne zeigt, dass es sich bei der Forderung nach «freier Schulwahl» um die Partikularinteressen einer kleinen Gruppe handelt, welche nicht das Wohl des gesamten Bildungssystems im Sinne hat. Weder die Elternschaft noch die Privatschulen stehen geschlossen hinter dieser Initiative. Es ist ein deutliches Signal, dass die «freie Schulwahl» in der Schweiz nicht mehrheitsfähig ist. Die breite Allianz für eine starke Volksschule, von links bis rechts, von der SVP bis zur SP, vom Gewerbeverband bis zum Gewerkschaftsbund, ist ein Beleg dafür, dass die Volksschule als Basis unseres Bildungssystems einem breiten gesellschaftlichen Konsens entspricht.

Geniesst die Volksschule noch das Vertrauen der Bevölkerung?

Die starke öffentliche Schule ist eine bedeutende, historische Errungenschaft der Schweiz. Im Unterschied zu anderen Ländern besucht in der Schweiz die überwiegende Mehrheit der Kinder die öffentliche Schule. Es gehört zur Rhetorik neoliberaler Kreise, unsere öffentlichen Institutionen – und dazu gehört auch die Volksschule – schlechtzureden. Die Realität sieht jedoch anders aus. Die öffentlichen Schulen in der Schweiz leisten eine hervorragende Arbeit auf hohem Niveau, wie sich regelmässig in internationalen Vergleichsstudien zeigt. Umfangreiche Vergleichsstudien legen klar dar, dass private Schulen nicht besser sind als unsere Volksschule. Eine «Privatisierung» des Bildungswesens würde die Qualität also nicht verbessern – im Gegenteil. Wie die Abstimmungsresultate gezeigt haben, geniesst die Volksschule ein starkes Vertrauen und Unterstützung der breiten Bevölkerung.

Und schliesslich: Wie kann die Qualität an den Volksschulen auch in Zukunft sichergestellt und wie Durchmischung gefördert werden?

Die Volksschule ist ein wichtiger Ort für den sozialen Zusammenhalt in einer demokratischen Gesellschaft. Die verfassungmässig garantierte Unentgeltlichkeit der Grundbildung ermöglicht einen chancengerechten Zugang zu Bildung. Die Schulen leisten auch eine zentrale Rolle bei der Integration von aus dem Ausland zugezogenen Kindern. Die Volksschule kann diese Aufgaben aber nur mit den entsprechenden Ressourcen leisten. Dazu gehört eine zeitgemässe Infrastruktur sowie gute Anstellungsbedingungen für Lehrpersonen. Hochqualifizierte Lehrpersonen sind das Kernstück einer erfolgreichen Schule. Die beruflichen Rahmenbedingungen, dazu gehören unter anderem Löhne, Arbeitszeiten und Laufbahnentwicklungen, müssen so gestaltet werden, dass qualifizierte junge Leute den Lehrberuf ergreifen und langfristig ausüben wollen und können.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Bilder aus der Schweiz
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