Sie ist eine Frau – und steht als Mann auf dem Wahlzettel

Von Julian Weinberger

31.7.2021

Tessa Ganserer, member of the Greens party and member of the Bavarian state parliament, and formerly known as Markus Ganserer, poses after giving a press conference in Munich, on January 14, 2019. - Ganserer is believed to be the first transgender person in Germany to hold a regional or national MP's seat, or to change their gender while in office. (Photo by Christof STACHE / AFP)        (Photo credit should read CHRISTOF STACHE/AFP via Getty Images)
Tessa Ganserer sitzt seit 2013 im Bayerischen Landtag. Im September will sie in den Bundestag einziehen.
Bild: Christof Stache / afp via Getty Images

Tessa Ganserer ist die erste deutsche transgeschlechtliche Abgeordnete. Für den Bundestag muss sie als Mann kandidieren. Auch Schweizer Transmenschen haben mit absurden Gesetzen zu kämpfen.

Von Julian Weinberger

31.7.2021

Tessa Ganserer lebt als Frau. Auch im Bayerischen Landtag, wo sie seit 2013 politische Entscheidungen der Grünen mit auf den Weg bringt, sprechen sie ihre Kolleg*innen als solche an. Dennoch gilt sie qua Ausweis als Mann – noch. Für die Bundestagswahlen am 26. September muss Ganserer als Mann mit ihrem alten männlichen Vornamen kandidieren. Dies sei «eine Demütigung», beklagt Ganserer im Gespräch mit «Spiegel Online» (zahlpflichtiger Inhalt).

Der Grund dafür ist das Transsexuellengesetz (TSG), das in Deutschland die Änderung des Vornamens und Geschlechtseintrags regelt. Ganserer lehnt es als «menschenrechtsfeindlich» ab: «Ich kann nicht auf der einen Seite politisch dagegen ankämpfen und mich dem auf der anderen Seite dann selbst unterziehen.»

Ein langwieriger, bürokratischer Prozess

Zwar sind die Regelungen des Ursprungsgesetzes von 1981 inzwischen modifiziert – damals konnte eine transgeschlechtliche Person ihren Personenstand zum Beispiel nur ändern, sofern sie fortpflanzungsfähig und älter als 24 Jahre war –, doch auch 40 Jahre später erwarten Transmenschen hohe bürokratische Hürden. Von einem Sachverständigen müssen zwei Gutachten erstellt werden und schliesslich muss ein Gericht sein Okay geben. Erst dann ist eine Änderung des Personenstandes möglich.



Abgesehen von den Gerichtskosten, die durchschnittlich bei 1900 Euro liegen, müssen Transpersonen langwierige psychologische Sitzungen über sich ergehen lassen. Bis zu zwei Jahre lang müssen sie sich intimen Fragen zur eigenen Identität und Sexualität stellen – «ein tiefer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen», wie Laura Adamietz, Anwältin von Tessa Ganserer, im Gespräch mit dem «Spiegel» urteilt. «Das Transsexuellengesetz ist zehn Meter gegen den Wind verfassungswidrig.»

So ist die Situation für Transmenschen in der Schweiz

Ähnlich sieht es Alecs Recher vom Transgender Network Switzerland (TGNS), der das TSG-Verfahren im Gespräch mit «blue News» als «dringend revisionsbedürftig» bezeichnet. Dagegen begrüsst er die Anpassungen am Zivilgesetzbuch in der Schweiz. Wann genau diese in Kraft treten werden, ist auf Anfrage von «blue News» beim Bundesamt für Justiz noch offen. Das Inkrafttreten, das vom Bundesrat beschlossen wird, wird aber für den 1. Januar 2022 erwartet.

Zur Person
zVg

Alecs Recher outete sich 2008 als erster Schweizer Politiker als transgeschlechtlich. 2010 gründete er das Transgender Network Switzerland (TGNS). Heute arbeitet er in der Rechtsberatung von TGNS und referiert unter anderem über Transrechte.

Viele bürokratische Hürden wie psychologische und psychiatrische Gutachten werden dann abgeschafft. Bürgerinnen und Bürger, die eine Anpassung des Geschlechts wünschen, können dies dann mittels einer einfachen Erklärung auf dem Zivilstandsamt für 75 Franken tun. Der Gang vor Gericht entfällt.

«Grundsätzlich geht das in die richtige Richtung, dass es ein auf Selbstbestimmung basierendes, einfaches und transparentes Verfahren ist», urteilt Alecs Recher mit Verweis auf den menschenrechtlichen Standard in Europa. Allerdings sei es ein Nachteil, «dass die unter 16-Jährigen und umfassend verbeiständeten Personen künftig die Zustimmung der gesetzlichen Vertretung brauchen.» Sofern diese Zustimmung durch die Erziehungsberechtigten nicht erfolge, «verschlechtert sich die Situation enorm», kritisiert der 45-Jährige.

«Da ist die Schweiz noch ganz schwach»

Generell jedoch sieht Alecs Recher, der sich 2008 als erster Schweizer Politiker als Transmensch outete, Fortschritte in den vergangenen Jahren. Nicht nur viele Kinder und Jugendliche würden Unterstützung von der Schule erfahren, Gleiches gelte auch für viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, so Recher im Gespräch mit «blue News».

Trotzdem sieht er die Schweiz «rechtlich noch an keinem guten Ort». Auch auf sozialer Ebene herrsche noch vielerorts «Diskriminierung und ein Ausdruck von Hass und Gewalt» vor. An die Politik stellt Recher deshalb klare Forderungen: «Der drängendste Schritt wäre die Anerkennung von nicht-binären Geschlechtsidentitäten. Auch Diskriminierungsschutz haben wir noch fast nicht in der Schweiz – und Schutz für Transmenschen vor Hassreden haben wir gar nicht.»



Orientieren könne sich die Schweiz innerhalb Europas laut Recher etwa an Malta, wo Transmenschen in politische Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Hierzulande sei die Situation noch anders: «Da ist die Schweiz noch ganz schwach – mit den Menschen zu reden, um die es wirklich geht, und gemeinsam Lösungen anzustreben, die den realen Bedürfnissen entsprechen.»

Ganserer wird oft auf ihre Transgeschlechlichkeit reduziert

Tessa Ganserer will mit Hilfe ihrer Anwältin vor dem Amtsgericht Nürnberg eine Namensänderung durchfechten – ohne psychologische Begutachtung. Gemäss der Anwältin sei die Prüfung der Personenstandsänderung von Ganserer «hinfällig», denn: «Im Bayerischen Landtag wird sie inzwischen nur noch mit Tessa Ganserer angesprochen, viel offizieller geht es eigentlich nicht.»

Unabhängig von bürokratischen Hürden trifft die Diskussion Ganserer auch persönlich hart. «Die Jahre vor dem Coming-out waren eine Hölle für mich», erzählt die Grünen-Politikerin im Gespräch mit dem «Spiegel». Das Geschlecht, in dem sie leben wollte, im Alltag zu verstecken, und die Angst vor Hass und Hetze seien schlimm gewesen – ebenso, wie jetzt wieder daran erinnert zu werden. Diskriminierungen und Bedrohungen blieben auch heute nicht aus, erklärt Ganserer. Nur mit «emotionaler Schwerstarbeit» seien diese zu bewältigen. Auch, dass sie häufig auf ihre Transgeschlechtlichkeit reduziert werde, schmerze.

Als «sehr positive Erfahrung» bezeichnet Alecs Recher sein Coming-out 2008. «Direkt aus der Politik habe ich nur eine Reaktion bekommen, die klar transfeindlich motiviert war», erinnert sich der einstige Zürcher Gemeinderat. «Da hat sich aber fast das ganze Parlament sofort hinter mich gestellt und mich verteidigt.» Für ihn sei das Coming-out eine grosse Erleichterung gewesen, sagt Recher heute: «Man lebt eine gespielte Rolle, die nicht einem selbst entspricht. Sich davon zu befreien, ist ein enorm wichtiger Schritt.»

Kritiker befürchten «Geschlechter-Hopping»

Noch immer äussern Kritiker im Parlament Zweifel an einer solchen Anpassung und befürchten «Geschlechter-Hopping». Ganserers Anwältin Laura Adamietz hält dem entgegen: «Die Vorstellung, Menschen könnten ihr Geschlecht wechseln wie Kleidung, zeugt nur von einer vollkommen sachfremden Vorstellung der Lebensrealität.»



Umso wichtiger ist es Ganserer, selbst ins Parlament einzuziehen und dort als Stimme für Betroffene zu fungieren. Sie wolle die Zeit beenden, «in der jahrelang über unsere Köpfe hinweg entschieden wurde», stellt die Grünen-Politikerin klar. Dazu gehöre auch, das Transsexuellen-Gesetz zu verbannen – «auf den Müllhaufen der Geschichte».

Die Bundestagswahl 2021 wird mit Sicherheit eine besondere Wahl. Tessa Ganserer hat gute Chancen, als erste Transfrau in den Bundestag einzuziehen: Sie belegt den Listenplatz 13 der bayerischen Grünen.