Zu viele Pillen – Immer mehr Senioren riskieren Medikationsfehler

tali

19.9.2019 - 18:10

Wer viele Medikamente auf einmal einnimmt, riskiert, dass Medikationsfehler auftreten.
Bild: Keystone

Arzneimittel sollen heilen und lindern. Doch werden sie falsch eingenommen, kann sich das Leid noch verschlimmern. Wie lassen sich Medikationsfehler verhindern?

Ob Bluthochdruck, Arthrose oder Gefässverkalkung: Je älter ein Mensch wird, desto anfälliger ist er für Erkrankungen und desto mehr Arznei benötigt er in der Regel. Einer Studie der Universität Basel zufolge nehmen manche Senioren bis zu 17 Medikamente pro Tag ein – und das oftmals gleichzeitig. Und genau da lauern Gefahren.

Denn manche Arzneien müssen zu bestimmten Zeiten eingenommen werden, um die gewünschte Wirkung zu entfalten. Oder vertragen sich nicht mit anderen Mitteln, die der Patient zeitgleich zu sich nimmt. Daraus können sich neue Beschwerden ergeben, weiss Carla Meyer-Massetti: «Viele Menschen müssen Medikamente gegen Bluthochdruck einnehmen – und viele dieser Medikamente können auch zu Herzrhythmusstörungen führen», erklärte die Spitalapothekerin im Interview mit SRF.



Fehler können gefährlich werden

Solche Einnahmefehler ergeben sich in der Regel aus Unsicherheit: Bevor man riskiert, eine Tablette zu vergessen, nimmt man lieber alle auf einmal. Ausserdem geht gerade bei Patienten, die auf viele Medikamente angewiesen sind, schnell der Überblick verloren, welches Mittel eigentlich gegen welches Leiden hilft. Gerade, wenn die Medizin neu verordnet oder die Marke gewechselt wurde: «Im Extremfall werden dann zwei Medikamente mit dem gleichen Wirkstoff eingenommen», weiss Meyer-Massetti.

Laut einem Bericht der WHO von 2017 kommen solche Unsicherheiten besonders oft auf, wenn ein Patient von einer Pflegeeinrichtung in eine andere wechselt, etwa aus dem Spital nach Hause entlassen wird oder an Spitex-Organisationen verwiesen wird. Selbst Schichtwechsel innerhalb einer Einrichtung können ausreichen. «Bei solchen Übergängen erhöht sich die Gefahr, dass Kommunikationsfehler auftreten, die dann ernsthafte Medikationsfehler auslösen können», stellt die Weltgesundheitsorganisation fest.

Wann ist welche Pille dran? Und wogegen hilft sie eigentlich? Das kann schon mal in Vergessenheit geraten.
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Kommunikation ist lebenswichtig

Eine genaue Abstimmung sei daher lebenswichtig, vor allem, wenn es um die weiterführende Behandlung geht. «Patienten können sich aktiv daran beteiligen, indem sie selbst eine Medikamentenliste führen und jede Änderung darin vermerken», rät die WHO.

Doch das ist – je nach Leiden und Gesundheitszustand – dem Betroffenen selbst nicht immer möglich und auch für Fachpersonal nicht immer einfach. «Die Überprüfung der individuellen Medikamentenliste ist komplex und aufwendig. Oftmals fehlt die Zeit in der Arztpraxis oder im Pflegeheim», weiss Liat Fishman von der Stiftung Patientensicherheit Schweiz.



Grosser Aufwand, der nicht bezahlt wird

Ihre Erfahrung lehrt sie, dass eine strukturierte Medikamentenüberprüfung bis zu einer Stunde dauern kann – vorausgesetzt, es ist bereits bekannt, welche Medikamente der Patient einnimmt. Muss das erst ermittelt werden, ist der Zeitaufwand noch grösser.

Diesen Zusatzaufwand zu vergüten, wäre aus Sicht der Stiftung Patientensicherheit Schweiz ein sinnvoller Schritt. «Auch müsste bei der Medikamentenüberprüfung unbedingt das Wissen der Apotheker mit einbezogen werden», meint Fishman. In einigen Kantonen wird das bereits getestet. Und auch das elektronische Patientendossier könnte helfen, Informationen zu bündeln und Fehler zu vermeiden.

Doch auch bereits bestehende Angebote sollten besser beworben und genutzt werden. So weist die Stiftung Patientensicherheit darauf hin, dass Patienten, die mindestens vier Medikamente über einen Zeitraum von drei Monaten einnehmen müssen, ein Anrecht auf eine Beratung über Dosierung, Neben- und Wechselwirkungen in der Apotheke haben. «Dieses sehr niederschwellige Angebot, das von der Grundversicherung vergütet wird, kennen leider zu wenig chronisch kranke Menschen», bedauert Fishman.

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