«Wir werden nie wissen, warum der Tiger so reagiert hat»

Jennifer Furer

31.7.2020 - 09:00

Der Zoo Zürich hat bewegte Zeiten hinter sich. Im Interview sagt der neue Direktor Severin Dressen, welche Lehren er aus der tödlichen Tigerattacke zieht, wie es dem Zoo in der Coronakrise geht – und was das nächste grosse Projekt ist.

Herr Dressen, welches ist Ihr Lieblingstier im Zoo?

Danach werde ich häufig gefragt. Ich habe tatsächlich kein Lieblingstier.

Wenn alles gut kommt, gibt es bald Elefantennachwuchs. Ist das kein Kandidat – da er oder sie ja sozusagen unter Ihren Fittichen geboren wird?

Natürlich sind die Elefanten sehr herzig und spannend. Aber das ist bei all unseren Tieren so. Ich freue mich natürlich, wenn wir ein Elefantenkalb bekommen, aber ich freue mich genauso darüber, dass es dieses Jahr mit den Chile-Flamingos so gut geht oder, dass wir unsere Grossen Vasapapageien nachzüchten können.

Zur Person
Keystone

Dr. Severin Dressen ist seit dem 1. April Direktor des Zoo Zürich.

Und haben Sie einen Favoriten, wenn es um Haustiere geht?

Ich habe keine Haustiere. Ich habe einen Zoo voller Tiere, das reicht mir. Und auch meine zwei Kinder zu Hause sind Trubel genug. Lacht.

Sie sind erst kürzlich von Wuppertal nach Zürich gezogen. Wie geht es Ihnen hier?

Die Grundstimmung ist unglaublich positiv. Es ist ein grosses Geschenk für mich, dass ich hier sein darf. Der Zoo Zürich ist fantastisch, hier arbeitet ein tolles Team. Aber die Rahmenbedingungen zu Beginn waren natürlich schwierig.

Erwartet zum ersten Mal Nachwuchs: Asiatischer Elefant Omysha.
Zoo Zürich, Enzo Franchini

Inwiefern?

Es waren spezielle erste Monate im Zoo Zürich. Zum einen war da die Coronakrise, zum anderen der tragische Vorfall im Tigergehege, bei dem eine Tierpflegerin gestorben ist.

Wie blicken Sie heute auf dieses tragische Ereignis?

Innerhalb der Zoogemeinschaft und auch gerade innerhalb der Tierpflegerschaft ist das Bewusstsein da, dass der Beruf ein hohes Risiko mit sich bringt. Leider gibt es immer wieder Situationen, bei denen Tierpflegerinnen oder Tierpfleger zu Tode kommen. Natürlich wünscht sich jeder, in einen solchen Fall nie direkt involviert zu werden.

Was ist eigentlich der aktuelle Stand der Ermittlungen?

Der Fall wird von der Staatsanwaltschaft untersucht.

Das Bedürfnis der Menschen ist gross, zu erfahren, was die Ursache war...

Dieses Bedürfnis teilen wir.

Das Tigergehege konnte über eine Live-Kamera beobachtet werden. Hilft das bei der Aufklärung des Vorfalls?

Bei der oberen Anlage gibt es keine Kamera. Wir haben eine Webcam, die auf die untere Anlage gerichtet ist.

Sie achten darauf, dass Menschen und Tiere nie im gleichen Gehege sind. Wer ist für die Sicherung zuständig?

Das wird in den Zoos unterschiedlich gehandhabt. Bei uns stellt ein Tierpfleger jeweils selbst sicher, dass alles gesichert ist. Unserer Ansicht nach ist es besser, wenn man sich alleine darauf konzentriert und sich nicht in der alltäglichen Routine darauf verlässt, dass es andere gemacht haben.

Werden Sie das nach dem tödlichen Tigerangriff so beibehalten?

Wir warten jetzt erst einmal die Untersuchungsergebnisse der  Staatsanwaltschaft ab. Danach werden wir schauen, ob wir das neu bewerten müssen.

Wieso prägt der Zoo die Tiere nicht auf ihre engen Bezugspersonen, sodass diese nicht attackiert werden?

Was wir machen, ist medizinisches Training. Das führt dazu, dass wir Urinproben, Blutproben, Zahnkontrollen oder Ultraschalls machen können, ohne die Tiere in Narkose legen zu müssen. Das funktioniert durch das Gitter hindurch. Das machen wir bei allen Tieren, die das kognitiv schaffen. Dass das Tier den Menschen als Bezugsperson sieht, wäre jedoch schlecht. Dann denkt es, es sei selbst ein Mensch. Dieses Problem gibt es etwa bei Papageien, die allein zu Hause gehalten werden. Die Tiere sollen aber für ihre Art typische soziale Verhaltensweisen zeigen, sich in ihren sozialen Gruppen bewegen und sich normal fortpflanzen.

Es gibt Menschen, wie beispielsweise den Zürcher Dean Schneider, der mit Löwen arbeitet, auch in ihre Gehege geht und gar mit ihnen kuschelt.

Das sind unterschiedliche Konzepte. Natürlich kann man ein Tier so prägen, dass es einem nicht gefährlich wird – das machen wir bei Haustieren wie potenziell gefährlichen Hunderassen ja auch. Das will ich nicht bewerten. Aber es ist nicht unser Anspruch als wissenschaftlich geführter Zoo. Wir wollen mit den Tieren so wenig wie möglich interagieren. Sie sollen ihr natürliches Verhalten zeigen. Dazu gehört es, dass wir Menschen uns, so weit es geht, zurücknehmen.

Sie sprechen von einem normalen Verhalten der Tiere in Zoos. War auch die Attacke auf die Tierpflegerin natürlich?

Ja. Welches Verhalten es genau war – Verteidigung des Territoriums, Futterbeschaffung oder Spieltrieb –, werden wir aber letztlich wohl nie wissen. Das ist auch irrelevant. Wir halten Wildtiere. Sie verhalten sich wie solche – das ist unser Ziel. Wir prägen sie nicht auf den Menschen. Ich persönlich möchte einem Tiger genauso wenig in der Wildnis begegnen wie im Gehege. Die Wahrscheinlichkeit lebend davonzukommen, ist beide Male nicht hoch.

Es gab Menschen, die den Tiger nach der Attacke eingeschläfert sehen wollten.

Es war schnell klar, dass dies keinesfalls passiert. Die Tigerin trifft keine Schuld. Der einzige Grund, wieso uns diese Tigerin verlassen würde, wäre, wenn sie vom Koordinator des Erhaltungszuchtprogramms aus Gründen der Populationserhaltung in einen anderen Zoo gesendet werden  würde, um sich mit einem Tigermännchen fortzupflanzen.

Am Sonntag, am Tag nach der Attacke, wurde der Zoo geschlossen. Wieso haben Sie sich dazu entschieden?

Wir haben das bereits am Tag des Vorfalls entschieden. Das gebieten allein schon der Respekt und die Pietät gegenüber den Angehörigen. Alles andere wäre falsch gewesen. Es ging gar nicht so sehr darum, ein Zeichen nach aussen zu setzen, sondern innerbetrieblich zu zeigen, dass etwas Schreckliches passiert ist und wir uns auch die Zeit nehmen dürfen, innezuhalten. 

Am Montag öffneten die Tore des Zoos wieder. Dabei wurden auch die Wildtier-Gehege geputzt, als wäre nichts passiert. Es scheint, als sei das Vertrauen in den Zoo und seine Mechanismen sehr gross.

Sicherlich wird den Tierpflegern, die mit gefährlichen Tieren arbeiten, durch einen solchen Vorfall das Risiko ihres Berufes vergegenwärtigt. Was aber falsch wäre – und das kommt in den Gesprächen mit den Tierpflegerinnen und Tierpflegern immer wieder heraus – ist, dass man jetzt Angst entwickelt. Angst hemmt. Dadurch verzagt und blockiert man. Man kann nicht mehr rational denken. Das darf nicht passieren. Respekt ist gut und wichtig, Angst hingegen nicht.

Der Bereich rund um das Tigergehege wurde gesperrt.
Jennifer Furer

Kritiker könnten monieren, dass der Zoo Zürich zu schnell in die Normalität zurückgekehrt ist.

Es geht dabei um zwei unterschiedliche Dinge. Zum einen herrschte laufender Betrieb. Die Tiere mussten weiter versorgt und die Pflanzen weiter gegossen werden. Das passiert unabhängig von der Tragik des Vorfalls und der Trauer. Deshalb musste der Betrieb am gleichen Tag noch weiter gehen.

Zum anderen?

Jeder geht anders mit Trauer um. Es gab Mitarbeitende, für die es wichtig war, weiterzumachen. Dann gab es Menschen, die länger Zeit brauchten. Wir haben der Belegschaft immer kommuniziert, dass wir dies nachvollziehen können.

Wie war die Reaktion der Gäste?

Auch hier gab es Unterschiede im Umgang mit dem Vorfall. Wir hatten viele Gäste, die von nichts wussten. Es gab Leute, die sich der Tragik des Vorfalls bewusst waren, diese aber von ihrem Besuch im Zoo getrennt haben. Natürlich gab es auch Stammbesucher, für die das Ganze deutlich emotionaler war.

Gab es auch Leute, die gaffen wollten?

Das habe ich kaum wahrgenommen. Aus diesem Grund haben wir auch den Tigerbereich für einige Tage abgesperrt. Von den Tierpflegerinnen und Tierpflegern kamen auf jeden Fall keine Rückmeldungen, dass sie massiv befragt oder belästigt worden seien.

Umfrage
Waren Sie schon einmal im Zoo Zürich?

Der Vorfall hat bei den Tierpflegern sicherlich Spuren hinterlassen. Wie hat man den Betrieb im Tigergehege aufrechterhalten?

Ich glaube, dass auch hier eine schnelle Rückkehr zur Normalität wichtig war. Wir haben deshalb nach dem Vorfall routiniert weitergemacht. Selbstverständlich wussten alle Mitarbeitenden, insbesondere die Tierpfleger in diesem Bereich, dass wir jedem seine individuelle Art zugestehen, mit der Trauer umzugehen.

Gibt es noch Mitarbeitende, die noch nicht zu ihrer Arbeit zurückgekehrt sind?

Nein, es sind alle wieder hier.

Sie haben letzte Woche im Zoo Zürich eine interne Trauerfeier abgehalten.

Wir haben diese draussen auf dem Zoogelände abgehalten. Jeder hat eine Sonnenblume bekommen. Diese konnten in einem stillen Moment in eine grosse Vase gestellt werden. Diese Vasen haben wir schliesslich beim Tigergehege hingestellt. Das war ein hochemotionaler Moment.

Wie viele Personen wohnten der Trauerfeier bei?

Über 200 Leute waren da – viele Betriebsangehörige, ehemalige Wertgefährten und Angehörige. Solche Trauerfeiern sind wichtig, weil sie bei der Verarbeitung der Trauer hilfreich sein können. Ich hoffe, dass das für einige so war.

Wie nehmen Sie die Stimmung bei Ihren Mitarbeitenden wahr?

Was mich sehr berührt und beeindruckt, ist, wie die Menschen nach dem Vorfall zueinandergestanden sind. Die Solidarität, die Anteilnahme und die gegenseitige Unterstützung im Team waren sehr gross. Das zeugt von einem guten Betriebsklima – und es war und ist sehr hilfreich bei der Verarbeitung des tragischen Ereignisses.

Nach dem Vorfall kam es zu Protesten. Menschen prangerten an, dass Wildtiere nicht in den Zoo gehören. Was entgegnen Sie diesen?

Ich verwahre mich davor, im Rahmen eines Todesfalls über solche Thematiken zu sprechen. Das ist extrem pietätlos. Das ist das eine. Das andere ist die generelle Frage, ob Zoos existieren sollen.

Da haben Sie ja eine klare Haltung.

Zoos sind wichtiger denn je. Wenn es sie nicht gäbe, müssten wir sie sofort erfinden. Wir haben eine extrem wichtige Funktion im Arten- und Naturschutz. Zudem haben wir ein riesiges Potenzial in der Forschung – und wir haben einen enorm wichtigen Bildungsauftrag in einer Gesellschaft, die sich immer mehr von der Natur entfremdet, sie immer weniger versteht und immer mehr in Städten lebt.

Wieso ist die Schliessung solcher Wissenslücken für die Gesellschaft wichtig?

Wir haben als Gesamtgesellschaft die Verantwortung, das Zusammeneben zwischen Mensch und Natur irgendwie in den Griff zu bekommen. Es geht darum die Umweltzerstörung und den Artenverlust aufzuhalten. Zoos spielen dabei eine wichtige Rolle, sie können es aber nicht alleine schaffen.

Kritiker könnten jetzt entgegen, dass dies zwar alles stimmt – doch warum braucht es dafür Tiger im Zoo?

Tiger sind hochgradig vom Aussterben bedroht. Das Motto des Zoos Zürich lautet: Wer Tiere kennt, wird Tiere schützen. Wir Menschen tendieren dazu, nur das zu schützen, was wir kennen. Wenn man ein Tier leibhaftig sieht, es riecht und hört, macht das etwas mit uns. Wir sind dann eher gewillt, das eigene Verhalten so anzupassen, dass Tier und Natur geschützt werden.

Gibt es noch andere Gründe?

Damit wir die Tiere schützen können, müssen wir sie verstehen. Gerade Zoos haben ein riesiges Forschungspotenzial. Viele Tiere, die wir in Zoos halten, sind aus wissenschaftlicher Sicht noch zu wenig erforscht. 

Zoos bieten also auch die Möglichkeit, Arten zu schützen.

Wir schützen die Arten nicht nur vor Ort mit finanziellem Einsatz, in dem wir Naturschutzprojekte fördern, in denen die lokalen Gesellschaften eingebunden werden. In Zoos werden zusätzlich auch selbsterhaltende, gesunde Reservepopulationen gezüchtet.

Menschen, so scheint es, wollen Zoos besuchen. Die Resonanz ist gross. Das konnte man auch nach dem Ende des Lockdowns feststellen.

Ich glaube, es besteht ein vielleicht ganz unbewusstes Bedürfnis nach Natur. Bei aller Verstädterung haben wir das Bedürfnis, draussen und in der Natur zu sein. Ein moderner Zoo ist ein guter Ort dafür. Natürlich bilden wir die Natur nach und sind nicht die wirkliche Natur – aber diese im Grossraum Zürich zu finden, ist sowieso schwierig. Auch ein Wald am Zürichberg ist nicht natürlich gewachsen, sondern wird stark bewirtschaftet.

Sie wurden während der Lockdown-Zeit Zoodirektor. Wie war das für Sie?

Das war surreal. Der Zoo ist für seine Gäste da. Die ersten zwei Monate durch einen leeren Zoo zu gehen, war schon sehr speziell. Wir haben leider keine Unterstützung vom Bund erhalten. Finanziell war das für uns eine schwierige Zeit, wir haben während drei Monaten jede Woche eine Million Franken Verlust gemacht. Ich war beeindruckt, wie gut der Betrieb es geschafft hat, aus dieser Ausnahmesituation auf das normale Tempo hochzufahren – mit allen Einschränkungen, die das Schutzkonzept mit sich brachte. Von dieser Energie und Effizienz war ich tief beeindruckt.

Hatten Sie ein mulmiges Gefühl, in der Coronakrise den Zoo zu übernehmen?

Respekt hatte ich, aber der war auch ohne Corona da. Angst hatte ich nicht, die würde mich nur hemmen. Aber klar ist, dass wir finanziell nicht das beste Jahr haben werden.

Wie sieht die finanzielle Situation genau aus?

Die ersten Zahlen nach der Wiedereröffnung sind vielversprechend, aber es ist noch viel zu früh, etwas zu sagen. Wir wissen ja auch nicht, was noch passiert, so gehen etwa die Fallzahlen wieder hoch. Ich würde mich zu sehr aus dem Fenster lehnen, wenn ich jetzt schon Prognosen machen würde. Aber finanziell gesehen sicherlich wird es kein sehr gutes Jahr.

Die Neueröffnung der Lewa-Savanne zieht derzeit viele Leute in den Zoo Zürich. Was fasziniert daran?

Das ist natürlich ein grosses, tolles Projekt und sehr schön geworden. Diese Weite, diese imposanten Bäume, das ist beeindruckend. Wir unterstützen unseren Partner vor Ort in Kenia schon sehr lange. Das ist im Geist des Zoos verinnerlicht. Die verschiedenen Tierarten funktionieren sehr gut miteinander und nehmen die Anlage sehr gut an. Wir merken, dass die Tiere  alle Anlagenteile gut nutzen und häufig vorne bei den Besuchern liegen – obwohl sie sich ja auch komplett zurückziehen könnten. Wenn sich ein Fluchttier ablegt, ist das ein gutes Indiz dafür, dass es entspannt ist.

Die neue Lewa-Savanne zieht Tausende Menschen in den Zoo Zürich.
Keystone

Sie hatten einen Festanlass für die Eröffnung der Lewa-Savanne geplant.

Der findet jetzt natürlich nicht statt. Aber wir werden auf der Freifläche oberhalb der Savanne einen Musikanlass durchführen, an dem wir die Social-Distancing-Massnahmen umsetzen werden. Damit wollen wir auch die Schweizer Musikerinnen und Musiker unterstützen. Wir wissen selbst, wie schwierig es ist, durch diese Krise zu kommen. So können wir einer anderen Berufsgruppe helfen, die ebenfalls schwer angeschlagen ist.

Die Savanne wurde stark von Ihrem Vorgänger Alex Rübel geprägt. Nun konnte er die Eröffnung wegen des Lockdowns gar nicht richtig feiern... 

Das ist schon sehr schade. Alex Rübel ist ein fantastischer Mensch, der Grossartiges vollbracht hat. Davor kann man nur den grössten Respekt haben. Jeder hätte ihm gegönnt, dass er die Savanne der Öffentlichkeit übergeben könnte. Aber ich denke, er und ich sind sich darin ähnlich, dass wir beide wissen, dass Verzagen jetzt nichts bringt. Solche Dinge kann man nicht ändern. Ich denke, er freut sich darüber, dass es so gut funktioniert, dass die Menschen begeistert sind und es den Tieren gut geht.

Zuvor gab es im Zoo einen Vorfall mit einem Krokodil, das einen Tierpfleger verletzt hat. Zudem starben viele Tiere, etwa Koalas oder ein Elefantenkalb. Alex Rübel hat während dieser Vorfälle immer eine gewisse Ruhe ausgestrahlt. Ich habe den Eindruck, das ist bei Ihnen auch so. Liegt das an der Umgebung oder an Ihnen?

Stimmt, ich teile diese Art und Weise. Es sind ja letztlich ganz unterschiedliche Thematiken, die miteinander nicht viel mehr zu tun haben, als dass sie im Zoo passiert sind. Da muss man diese Ruhe haben und aufzeigen, dass das zur Natur gehört. Natürlich interessiert ein Koala in der Öffentlichkeit mehr als andere Tiere. Wissenschaftlich betrachtet lässt sich sagen, dass solche Todesfälle bei allen Tieren passieren können.

Alex Rübel hat die Lewa-Savanne geprägt. Was ist Ihr grosses Projekt?

Es wird weitere Bauprojekte geben. Wir werden zum einen das Pantanal in eine hoch attraktive, begehbare Voliere umbauen und dort bedrohte Vögel gut halten und zeigen können. Oberhalb der Savanne werden wir den zentralafrikanischen Regenwald zeigen, wo unter anderem die Gorillas ihre neue Heimat finden werden. Im Bereich des heutigen Menschenaffenhauses werden wir die südostasiatische Inselwelt zeigen.

Sie haben viel vor.

Es gibt noch zahlreiche Herausforderungen, die wir gerade im Entwicklungsplan 2050 zusammenfassen. Da geht es nicht nur um betriebliche Dinge, sondern auch um Fachkräftemangel oder Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wir sind einer der führenden Zoos. Wenn wir diese Position halten wollen, brauchen wir die besten Leute dafür. Eine unserer zentralen Daseinsberechtigungen ist zudem die Edukation. Da müssen wir uns fragen, wie wir die Menschen über die Sprachgrenzen hinaus noch besser informieren können. Einerseits ist die Schweiz ein viersprachiges Land, andererseits gibt es hier auch viele Menschen, die noch ganz andere Sprachen sprechen.

Geht es auch darum, mehr internationale Gäste anzulocken?

Letztlich muss es uns ja egal sein, welche Sprache unsere Gäste sprechen – ob das jetzt Touristen sind oder Menschen, die hier leben. Wir müssen allen unsere Botschaft vermitteln.

Der Zoo plant schon seit Langem eine Seilbahn vom Bahnhof Stettbach. Wie ist der aktuelle Stand?

Im Moment befinden wir uns im laufenden Bewilligungsverfahren. Inhaltlich sind wir überzeugt, dass die Seilbahn der richtige Weg ist. Was die Verkehrssituation angeht, sind wir sehr unzufrieden mit der jetzigen Situation. Wir werben sehr stark für den ÖV, aber gerade jetzt in der Coronazeit nutzen den wenige Leute. Wir sind in einem intensiven Austausch mit der Stadt und dem Kanton, aber ausser der Seilbahn gibt es nicht den einen Hebel, um das Problem zu lösen. Die Seilbahn ist nicht nur ökologisch die richtige Lösung, sondern auch sehr attraktiv– nicht nur für die Zoobesucher, sondern auch wenn ich in Dübendorf wohne und etwa nach Zürich-Fluntern will.

Die Kritik ist aber, dass man aus den Gondeln in die Häuser und Gärten der Menschen sieht. Würden sie dort wohnen wollen?

Es werden ja gar nicht viele Häuser überflogen. Das meiste ist Weide und Wald. Natürlich möchte ich grundsätzlich lieber den freien Himmel über mir als eine Kabine, wenn ich in meinem Garten sitze. Aber ich glaube, es geht hier um eine Abwägung vom Einzelinteresse gegenüber dem gesellschaftlichen Interesse. In meiner Heimat gibt es beispielsweise grosse Diskussionen, weil zwar jeder Windräder für nachhaltige Energie befürwortet, dabei aber ja nicht aus dem eignen Haus auf eines blicken müssen möchte. Um, bei diesem Beispiel bleibend, das übergeordnete Ziel einer nachhaltigeren Energiegewinnung zu erreichen, müssen gewisse Dinge in Kauf genommen werden. Da muss man genau abwiegen, inwieweit Individualinteresse, mit all seiner Berechtigung, über dem gesamtgesellschaftlichen Interesse stehen darf. Das ist immer eine schwierige Entscheidung und daher zum Glück die Aufgabe von Gerichten.

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