«Die falsche Zeit zum ‹Brüele›» – wie Wirte mit der Öffnung umgehen

Anna Kappeler und Gil Bieler

6.5.2020 - 17:23

Beizen und Restaurants dürfen ab Montag wieder öffnen, doch die strengen Sicherheitsbedingungen polarisieren. Das Beste draus machen, findet der eine Wirt – völlig unpraktikabel, meint der andere.

Noch fünf Tage, dann dürfen auch Restaurants und Bars landesweit wieder öffnen. Doch wie geht es einzelnen Lokalen mit den strengen Auflagen, die sie dafür erfüllen müssen?

«Wir haben mega Schwein gehabt», sagt Roger Hafner. Er ist einer der Besitzer der Zürcher Hafenkneipe, einer stadtbekannten Institution. Zur Bar gehört auch ein Garten, das vereinfache es massiv, die bundesrätlichen Vorschriften einzuhalten.

Hafner hat nicht damit gerechnet, dass er seine Bar überhaupt vor Juni wieder öffnen dürfen wird, entsprechend im Stress sei er gerade. «Zuerst war die schnelle Öffnung fast ein Schock, doch jetzt geben wir Vollgas.» Eines ist für den Lokalbesitzer klar: «Jetzt ist die falsche Zeit zum ‹Brüele›». Die Freude überwiege, strenges Schutzkonzept hin oder her.

Wie also soll der Barbesuch konkret ablaufen? Die Gäste müssen vor der Kneipe warten, bis ein Angestellter ihnen alle Hygienemassnahmen erklärt hat und sie dann an einen Tisch setzt. «Herumlaufen ist im Lokal verboten, auch die Bar ist weder bestuhlt noch bedient», erzählt Hafner.

Stattdessen werden alle Gäste direkt an den Tischen bedient. «Klar, so lernt man niemanden einfach mal an der Bar beim Bierholen kennen, das ist schade. Aber immerhin darf man wieder mit Freunden eins go ziäh.» Eine bediente Bar hätte die Installation einer Plexiglasscheibe erforderlich gemacht – «das killt den Charme einer Bar».

Die wichtigsten Punkte des Gastro-Schutzkonzepts

  • Maximal vier Personen pro Tisch, ausgenommen Eltern mit Kindern.
  • Beim Betreten des Lokals muss man die Hände mit Seife waschen oder desinfizieren.
  • Von jedem Gast werden Kontaktdaten wie Name und Telefonnummer erfasst, wenn vor Ort konsumiert wird.
  • Nur Sitzplätze sind erlaubt, keine Stehplätze.
  • Zwischen einzelnen Gästegruppen sind zwei Meter Abstand vorgeschrieben. Ausser es werden Trennscheiben angebracht.
  • Auch beim Service wird zum Mindestabstand geraten. Ist das nicht möglich, sind Schutzmasken oder verkürzter Kontakt empfohlen.

Bis zu vier Personen pro Tisch sind erlaubt, ausserdem braucht es zwei Meter Abstand zum nächsten Tisch. Eine Trennwand aus Holz musste im Raum zusätzlich eingebaut werden. Jeder Tisch werde vor den Augen der Gäste desinfiziert. Gleich zu Beginn müssten die Gäste an den Tischen ihren Namen und die Telefonnummer angeben. «Auch das ist ein Mehraufwand, den Kugelschreiber müssen wir nach jedem Tisch neu desinfizieren», sagt Hafner. Aber eben, so sei das nun halt.



Der Tisch selber übrigens wird leer sein – die Getränkekarte werde mündlich erläutert, und nur auf speziellen Wunsch hin gebe es die extra neu laminierte Karte.

Was, wenn man mal muss?

Und was, wenn man nach dem Bier mal muss? «Wir haben das Glück, dass das Klo gleich neben der Bar ist. Die Person an der Bar kann dem Gast also Auskunft darüber geben, ob die Toilette gerade frei ist oder nicht.» Hafner und sein Team haben sich auch überlegt, ob sie vor der Toilette ein drehbares «Frei/Besetzt»-Schild anbringen sollen. «Aber das würde von allen angefasst, deshalb haben wir die Idee wieder verworfen», sagt er.

Hafner rechnet für seine Hafenkneipe mit einer Nullrunde oder einem leichten Plus. «Kein Vergleich zu normalen Zeiten, aber ein Anfang», findet er. Auch die Hafenkneipe habe während des Lockdowns viel Geld verloren. Dennoch: «Ich will jetzt ein Exempel setzen, dass es auch so funktionieren kann.» Das alles sei eine Herausforderung, aber er möge Herausforderungen.

«Rentabler Betrieb nur schwer vorstellbar»

Ganz anders klingt es bei Renato Zoia. Er ist Teilhaber der beiden Molly-Malone-Pubs in Winterthur und Wetzikon – und hörbar aufgebracht, als er nach dem am Dienstag vorgestellten Sicherheitskonzept für die Gastrobranche gefragt wird. Mit diesen Vorgaben sei ein rentabler Betrieb für viele Lokale nur schwer vorstellbar. Daher verzichtet Zoia auch darauf, sein Lokal in Winterthur am 11. Mai wieder zu öffnen.

Er rechnet vor: Normalerweise biete das Lokal insgesamt rund 100 bis 110 Plätze im Innen- und Aussenbereich. Stuhle er den Sicherheitsvorgaben entsprechend, käme er noch auf circa 45 Plätze. «Und das gilt auch nur im Idealfall, wenn jeder Tisch mit vier Personen besetzt ist. Doch viele sitzen ja zu zweit oder gar allein an einem Tisch.»

Diese Einnahmen reichten bei Weitem nicht aus für die Löhne von zwei Köchen, einer bis zwei Angestellten an der Bar und einem Platzanweiser, der auch noch die Personaldaten der Gäste aufzunehmen habe. Das Branchenkonzept sei in dieser Form nur schwer praktikabel, findet Zoia.

Er hätte es besser gefunden, wenn gleich alle Betriebe geschlossen geblieben wären – und hofft, dass ab Anfang Juni wieder ein Betrieb ohne Einschränkungen möglich sein wird. Doch das ist alles andere als sicher: Der Bundesrat will erst am 27. Mai über weitere Lockerungsschritte entscheiden.

Das Molly-Malone-Pub in Wetzikon will Zoia am 11. Mai trotzdem wieder öffnen – mit rund 100 statt den normalen 200 Plätzen. Wie kommt's?

«Das wird ein Versuch, weil das Lokal vor der Corona-Krise besonders gut gelaufen ist», sagt der Unternehmer, «und die Leute schreien danach.» Im Wetziker Pub hatte er es zwei Wochen lang auch mit einem Take-away-Service versucht, um angebrochene Lebensmittel aufzubrauchen. Dieser sei zwar «recht ordentlich» gelaufen, habe aber trotzdem nicht genügend Einnahmen abgeworfen. «Es war ein Nullsummenspiel.»

Hoffen auf einen Mieterlass

Neben seinen beiden Pubs betreibt Zoia gemeinsam mit Partnern auch einige Freizeiteinrichtungen, für alle Angestellten mussten sie 100 Prozent Kurzarbeit anmelden. Was ihn besonders wurmt: Für Anlagen wie Bowlingbahnen, Indoor-Minigolf, Billardcenter und Escape Rooms brauche es grosse Räumlichkeiten – und damit verbunden seien hohe Mieten.



Das von Zoia mitbetriebene Billiardino in Zürich etwa messe rund 1'800 Quadratmeter, die Miete an zentraler Lage betrage mehrere tausend Franken im Monat. Zoia verhandelt derzeit noch mit der Inhaberin über diese Summe und ist zuversichtlich, dass eine Einigung gefunden wird – mit derselben Inhaberschaft habe er bereits einen zweimonatigen Mieterlass für sein Pub in Wetzikon vereinbart.

Doch für Zoia steht fest: «Wenn solche Freizeitbetriebe und auch die Gastrobetriebe am 8. Juni nicht wieder normal eröffnen können, dann kommt es zu einem Sterben in dieser Branche.»

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