«Geht die Entwicklung so weiter, werden Hitzesommer normal»

Von Gil Bieler

25.7.2019

Ein Mann gönnt sich auf der Place des Nations in Genf eine Abkühlung. 
Bild: Keystone/Martial Trezzini

Die Schweizer müssen sich wohl an trockene und heisse Sommer gewöhnen: Alte Rekordwerte rücken mehr und mehr in den Normalbereich, und vor allem Städte entwickeln sich zu Hotspots.

Die zweite Hitzewelle innerhalb von zwei Monaten bringt gleich mehrere Rekorde zu Fall: In Neuenburg kletterten die Temperaturen gestern mit 37,9 Grad auf ein neues Allzeithoch. Auch in Aarau (37,0 Grad), Scuol GR (33,8 Grad) und auf dem Moléson FR (26,4 Grad) war es so heiss wie noch nie seit Messbeginn im Jahr 1864, wie der Wetterdienst Meteonews mitteilt.

Für heute erwarteten die Meteorologen vielerorts erneut zwischen 35 und 38 Grad – weitere Rekordwerte sind nicht ausgeschlossen. In mehreren Orten stiegen die Temperaturen bereits am Mittag auf über 34 Grad, in Basel wurden am Nachmittag 36,8 Grad gemessen. 

Das ist durchaus als Vorgeschmack darauf zu verstehen, wie ein Schweizer Sommer in Zukunft aussehen wird: «Trockene und heisse Sommer häufen sich – es handelt sich nicht mehr einfach nur um ein paar seltene Einzelereignisse», heisst es bei SRF-Meteo auf Anfrage. Das Klima ändere sich ohne Zweifel in Richtung «immer wärmer», das sei breit abgestützt.

Die Wahrscheinlichkeit von Hitzesommern nehme damit zu. «Und wenn diese Entwicklung so weitergeht, werden sie mittelfristig normal», erklärt Meteorologe Thomas Bucheli. Alte Hitzerekorde rückten mehr und mehr in den «Normalbereich» und neue Höchstwerte würden möglich.

Einst fünf, heute über zehn Hitzetage

Diese Entwicklung lässt sich laut Bucheli gut am Beispiel Luzern illustrieren: Dort sei die Zahl der Hitzetage – mit Temperaturen über 30 Grad – seit den Sechzigerjahren markant angestiegen: «Über die ersten Jahrzehnte gemittelt gab es im Durchschnitt weniger als fünf Hitzetage pro Sommer. Dieser Mittelwert ist seither stetig angestiegen auf zehn bis 13 Hitzetage in den letzten Jahrzehnten.»

Dieser Trend gelte – wenn auch mit anderen Zahlen – für die ganze Schweiz. Und über die Landesgrenzen hinaus, wie mehrere kürzlich veröffentlichte Studien mit Schweizer Beteiligung zeigen.

Die eine blickt zurück: Ein Team von Wissenschaftlern der Universität Bern hat Klimadaten aus den letzten 2'000 Jahren analysiert und festgestellt: Die aktuelle Erwärmung hat ein beispielloses Ausmass. Noch nie hat sich Erde so schnell aufgeheizt wie in den letzten 150 Jahren. Und: Während frühere Klimaschwankungen regionale Phänomene waren, ist die derzeitige Erwärmung auf 98 Prozent der Erdoberfläche zu beobachten.

Andere Forscher blicken in die Zukunft: Eine Studie der ETH Zürich prophezeit, dass sich das Klima in europäischen Städten bis 2050 im Sommer um rund 3,5 Grad erwärmen wird. Für Zürich würde das zum Beispiel Temperaturen bedeuten, wie sie heute in Mailand herrschen.

Städter schwitzen am meisten

Die Hitze-Hotspots der Schweiz verorten die SRF-Meteorologen denn auch mehrheitlich in städtischen Gebieten: In Basel, Aarau, Sitten, Genf und Stabio im Südtessin gebe es aufgrund der topographischen Lage im Schnitt die höchsten Temperaturen und die meisten Hitzetage.

Der Schweizerische Städteverband erachtet das Thema daher als «sehr wichtig», wie Daniel Lehmann Pollheimer gegenüber «Bluewin» ausführt: «Hitzetage und Tropennächte sind für die Bevölkerung, insbesondere ältere Menschen, eine gesundheitliche Belastung. Hauptsächlich wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt das Sterberisiko während Hitzewellen markant an.» Ausserdem führten Hitzeperioden zu hohen Konzentrationen von Ozon und anderen gesundheitsschädlichen Schadstoffen in der Luft und wegen des Kühlungsbedarfs steige der Energiebedarf.

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«In Städten und Agglomerationen wird es im Sommer zuweilen unerträglich heiss», findet Lehmann Pollheimer. Das liege am sogenannten Hitzeinseleffekt: Die bebauten Flächen absorbieren die Sonnenstrahlung und heizen so die Umgebung auf. «Das führt dazu, dass die Temperaturen in dicht bebauten Gebieten um einige Grad höher sind als im grünen Umland.» In der Nacht kann dieser Unterschied nach Angaben des Verbands bis zu sieben Grad betragen.

Vorkehrungen dagegen treffen die Städte bereits. Dabei gibt es etwa das Konzept der «weissen Stadt», bei dem laut Lehmann Pollheimer auf helle Oberflächen gesetzt wird. Andere Ansätze sind die «grüne Stadt» (mit naturnah gestalteten Grünflächen), die «blaue Stadt» (offene Gewässer, Brunnen und Wasserkanäle) sowie die «graue Stadt» (beschattete Flächen im öffentlichen Raum). «Wichtig sind auch grössere freie Oberflächen oder Kaltluftschneisen, die eine bessere Belüftung erlauben.» Eine sorgsame Stadtentwicklung braucht Zeit, könne das Stadtklima aber entscheidend beeinflussen.

Wo es noch nie einen Hitzetag gab

Wer kühlere Gefilde bevorzugt, muss in die Höhe fliehen. So habe es in Davos mit 1'560 m ü. M. bisher noch nie für einen Hitzetag gereicht, teilt SRF-Meteo mit. «Mit den 29,8 Grad vom 26. Juni wurde es aber äusserst knapp – und somit ist es eine Frage der Zeit, bis auch in Davos erstmals in der Messgeschichte die 30-Grad-Marke geknackt wird.» Die Nullgradgrenze verschob sich diesen Sommer – nicht zum ersten Mal – auf knapp 5’000 Meter Höhe. Nicht einmal auf der Dufourspitze war es also frostig. 

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