Früher rangehen

«Heisser Draht» im Kalten Krieg: Das «rote Telefon», das keins war

afp/dpa/tsch

20.6.2018

Nachdem die Kubakrise die Welt 1962 an den Rand eines Atomkrieges gebracht hatte, wollten die USA und die Sowjetunion dringend etwas für die gegenseitige Erreichbarkeit tun. Es war die Geburtsstunde des «heissen Drahtes».

«Eine höllische Alternative» nannte John F. Kennedy die Entscheidung, die ihm bevorstand, als er am 16. Oktober 1962 von der Stationierung sowjetischer Atomraketen in Kuba erfuhr. Der US-Präsident war noch keine zwei Jahre im Amt, da standen sein Land und die Sowjetunion am Rande eines Atomkriegs, der die Welt zu vernichten drohte.

Über Jahrzehnte galt Kennedys Rolle in der Kubakrise als Vorbild für wahre politische Führung. Dokumente aus Geheimarchiven beider Seiten zeichnen inzwischen ein nüchterneres Bild: Dass der Welt vor 50 Jahren ein Atomkrieg erspart blieb, lag nicht immer in seiner Hand.

Kennedy und der damalige sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow hatten während der 13 Tage währenden Krise immer wieder Mühe, die Lage zu kontrollieren - die Ereignisse drohten aus dem Ruder zu laufen. Versuche, Auswege zu finden, wurden konterkariert, weil beide Staatsmänner über keinen direkten Kommunikationsdraht verfügten: Telegramme kreuzten sich, Missverständnisse konnten nicht sofort ausgeräumt werden, Versprechungen wurden von den Ereignissen überholt.

Schneller erreichbar sein

Als Reaktion auf die gefährlichen Spannungen im Oktober 1962 beschlossen Washington und Moskau am 20. Juni 1963, das «Rote Telefon» einzurichten. Die direkte Kommunikationsverbindung zwischen den Supermächten sollte Missverständnisse über einen möglicherweise bevorstehenden Angriff mit Atomwaffen ausräumen.

Während der Kubakrise dauerte es Stunden, bis die Mitteilungen überbracht und übersetzt werden konnten. So ging ein Brief vom 26. Oktober 1962, in dem die Sowjetunion eine politische Lösung andeutete, bei der US-Botschaft in Moskau um 9.42 Uhr Washingtoner Zeit ein.

Als das Schreiben endlich übersetzt und verschlüsselt das US-Aussenministerium erreichte, war es bereits nach 21 Uhr. «Der Weltfrieden hing am seidenen Faden, aber es dauerte fast zwölf Stunden, um eine Botschaft von einer Supermacht zur anderen zu überbringen», schrieb US-Autor Michael Dobbs in seinem Buch «One Minute to Midnight».

Von wegen «rotes Telefon»

Der heisse Draht zwischen Washington und Moskau wurde am 30. August 1963 eingerichtet. Dabei handelte es sich anders als in vielen Filmen dargestellt zunächst nicht wirklich um ein Telefon in roter Farbe, sondern um eine Kabelverbindung für schriftliche Botschaften. Erst in den 1970er-Jahren wurde eine Leitung via Satellitentelefon hinzugefügt. Später kam eine Faxverbindung hinzu, und heute kommunizieren Moskau und Washington über eine extra gesicherte Internetleitung.

Das Weisse Haus und das Pentagon haben nie verraten, wie oft das «Rote Telefon» tatsächlich benutzt wurde. Sicher ist: Die Führungen der USA und der Sowjetunion kommunizierten über den direkten Draht aber während der arabisch-israelischen Kriege 1967 und 1973 sowie bei der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979.

Das «Rote Telefon» diente als Vorbild für ähnliche Verbindungen zwischen Moskau und westeuropäischen Hauptstädten während des Kalten Krieges. Mitte der 1990er-Jahre richtete China einen derartigen Kanal mit Russland und den USA ein. Die rivalisierenden Atommächte Indien und Pakistan taten dies 2005.

Im Zuge der Ukraine-Krise 2014 wurde schliesslich der «heisse Draht» zwischen Russland und der Nato reaktiviert. Die Generalstäbe stehen seit 2015 wieder in direkter Verbindung.

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