Schatzsuche im Themse-Schlamm in London

Von Silvia Kusidlo, dpa/uri

5.10.2020 - 17:15

Blick auf das Ufer der Themse. Die Suche nach Gegenständen vergangener Zeiten am Themse-Ufer (Mudlarking) wird immer populärer. Der Fluss wurde über Jahrhunderte zur Abfallentsorgung genutzt.
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Ein römischer Stempel, mittelalterlicher Schmuck, Spielzeug aus der viktorianischen Zeit – wer die Ufer der Themse in der britischen Hauptstadt absucht, kann erstaunliche Relikte finden. «Mudlarking» heisst der Freizeitspass.

Hier die Scherbe eines römischen Gefässes, dort eine jahrhundertealte Münze: Die Themse, die sich majestätisch durch London schlängelt, lädt aufmerksame Beobachter an ihren Ufern zu einer Zeitreise ein. Mudlarking heisst ein Trend in Grossbritannien, der immer mehr Fans findet. Mitten in der Hauptstadt wird im Schlamm der Themse nach kleinen Schätzen gesucht – und das überaus erfolgreich.

«Die Themse hier war schon zu Zeiten der Römer der grosse Müllplatz. Was man nicht mehr brauchte, wurde in den Fluss geworfen», erklärt Archäologin Vanessa Bunton von der gemeinnützigen Organisation Thames Explorer Trust bei einer Führung.

Durch die Gezeiten werden regelmässig die Abfälle der früheren Bewohner Londons vom Grund aufgewirbelt und ans Ufer gespült. Darunter sind beispielsweise auch Gegenstände aus dem Mittelalter und dem viktorianischen Zeitalter, als die industrielle Revolution schon ihre Folgen zeigte.

Ausbeute von Mudlarking in der Themse. Suchen nach historischen Relikten im Schlamm des Themseufers ist in Mode. Ausgeübt wird Mudlarking seit dem 18. Jahrhundert, damals vor allem von armen Leuten. Zu finden gibt es genug: Die Themse war schon zur Zeit der Römer ein Müllablageplatz. 
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Zu den häufigsten Fundstücken gehören Tonpfeifen, die vor Hunderten von Jahren – bereits mit Tabak gestopft – verkauft wurden. Nach dem Rauchen wurden sie weggeworfen; manche bezeichnen sie daher auch als Vorgänger der Zigaretten. «Der Tabak kam aus Amerika und war anfangs sehr teuer. Die Pfeifen waren daher zuerst ganz klein und wurden erst später grösser», erklärt Bunton auf einer zweistündigen Führung in der Metropole. Manchmal sind komplette Pfeifen zu finden, Teile davon liegen in grossen Mengen am Ufer. «Die Arbeiter an der Themse kürzten die langen Stiele, damit sie besser arbeiten konnten.»

Mudlarking unterliegt strengen Regeln

In den vergangenen Jahrhunderten sei nicht nur viel geraucht, sondern auch getrunken worden, schildert Bunton weiter: «Das stammt von einer dunkelgrünen Weinflasche und ist etwa 300 bis 350 Jahre alt», sagt sie nach einem kurzen Blick auf eine der vielen Glasscherben am Ufer.

Schon werden der Expertin von Teilnehmern der von ihr geführten Tour weitere Fundstücke präsentiert, darunter etliche Knochen. Es handele sich um aufgebrochene Tierknochen, aus denen Menschen in früheren Zeiten das Mark herausgekratzt und gegessen hätten. Apropos Knochen: In der vergangenen Woche, so Bunton, hätte eine Kollegin am Ufer den Knochen eines Menschen entdeckt. «Ihr Tag war gelaufen. Sie musste den Fund der Polizei melden und hat dort Stunden zugebracht.»

Ein Tierknochen liegt auf einem Stein. Am Themse-Ufer in London finden Mudlarker oft uralte Tierknochen, die Menschen aufgebrochen haben, um das Mark herauszukratzen und zu essen.
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Das Mudlarking unterliegt strengen Regeln. Aufgehoben werden darf nur, was mit blossem Auge sichtbar ist. Buddeln ist verboten. Nur wer über eine Erlaubnis der Hafenbehörde verfügt, darf die Fundstücke behalten. Besonders Wertvolles muss aber immer dem Museum of London gemeldet werden. Experten wie die Archäologin Bunton bieten Laien Führungen in kleinen Gruppen an. Wer mitmachen will, braucht festes Schuhwerk und Einmalhandschuhe gegen Krankheitserreger im Wasser.

Zeit des «Grossen Gestanks» ist vorbei

Auch in der Umgebung der Themse, die früher breiter war, und ihrer teils unterirdischen Zuflüsse stossen Experten auf Historisches. Vor allem bei Bauarbeiten kommt das römische Londinium, so der frühere Name Londons, zutage. So steht etwa die Europa-Zentrale des US-Medienunternehmens Bloomberg auf römischen Ruinen.

Bei den Ausgrabungen für das Gebäude im Finanzviertel sicherten Archäologen mehr als 14'000 Gegenstände wie lederne Schuhe und über 400 handbeschriebene Holztafeln, darunter einen knapp 2'000 Jahre alten Schuldschein. Rund 600 der Fundstücke sind in einer Ausstellung im Gebäude zu sehen. Sie seien wegen der feucht-schlammigen Bodenverhältnisse «ausserordentlich gut» erhalten, so die Expertin Sophie Jackson vom Museum of London Archaeology.

Scherben von Gefässen, die teils aus der Römerzeit stammen, und Köpfe von Tonpfeifen liegen am Ufer der Themse. Die Gezeiten wühlen den Flussgrund auf und spülen viele Relikte ans Ufer.
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Von solchen Entdeckungen sind die meisten Mudlarker weit entfernt, doch Faszinierendes fördern auch sie zutage. Was ist für Archäologin Bunton der beste Fund, den sie bisher am Ufer gemacht hat? «Ein 500 Jahre alter Messergriff aus dem Knochen eines Kalbs», schwärmt sie. Das Mudlarking mache ihr auch deshalb Spass, weil die Themse sich regeneriere. «Es gibt zum Beispiel wieder Seehunde.» Die Zeit des «Grossen Gestanks» sei längst vorbei. So nennen die Briten den heissen Sommer im Jahr 1858: Damals war der Gestank wegen der vielen Abwässer, die damals in den Fluss geleitet wurden, unerträglich.

Entstanden ist das Mudlarking im 18. Jahrhundert, als arme Kinder am Ufer nach Strandgut wie Brennholz und Seilen suchten. Inzwischen ist es ein populäres Hobby, das durch eine Publikation nochmals einen Schub bekommen hat: Die Autorin Lara Maiklem hat mit ihrem Buch «Mudlarking» einen Besteller geschrieben, der bereits mehrfach in Grossbritannien ausgezeichnet wurde. Seit 15 Jahren sucht sie bereits im Themse-Schlamm nach Ungewöhnlichem: Ihre Fundstücke reichen von römischen Ringen bis zu einem 300 Jahre alten Schädel, den sie «Fred» nannte. Er werde jetzt von Forensikern untersucht, berichtete Maiklem.

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Von Silvia Kusidlo, dpa/uri