Nordkorea macht aus der Bauruine eine Propagandaschleuder

AP/uri

4.1.2019

Seit den späten Achtzigerjahren steht ein Hotel in Nordkoreas Hauptstadt leer. Lange galt es als Schandfleck in der Skyline von Pjöngjang. Das soll sich ändern.

Das 105 Stockwerke hohe Hotel Ryugyong war lange ein Schandfleck in der Skyline von Pjöngjang. Das weltweit höchste ungenutzte Gebäude wacht seit 1987 über der nordkoreanischen Hauptstadt, eine grosse, aber leere Pyramide, komplett dunkel bis auf die Warnleuchte für Flugzeuge an der Spitze.



Aussenstehende haben das noch nicht fertiggestellte Gebäude als Sinnbild für Versagen angesehen. Im Land wurde darauf geachtet, es möglichst nicht zu erwähnen – bis der Lichtdesigner Kim Yong Il das Gebäude erneut zum Gesprächsthema machte.

Innen kein Strom – aussen funkeln über 100'000 LEDs

Mit einem Perspektivenwechsel wurde das Ryugyong als Symbol für Stolz und nordkoreanischen Einfallsreichtum wiedergeboren. Jede Nacht ist das Hotel, das im Inneren nicht an den Strom angeschlossen ist, mehrere Stunden lang Leinwand für eine Lichtshow aus mehr als 100'000 LEDs, mit blinkenden Bildern berühmter Statuen und Denkmäler, Feuerwerk und Partysymbolen sowie politischen Parolen.

Das Ryugyong ist noch immer nicht fertiggestellt. Es gibt kein Datum, an dem es – wenn überhaupt – seinen ersten Gast beherbergen soll. Und ob die Statik des Gebäudes aus Glas und Beton sicher ist, steht auch infrage. Die Stromversorgung im autoritär regierten Nordkorea ist darüber hinaus sehr eingeschränkt.

Aber egal. «Ich bin sehr stolz», sagt der stellvertretende Abteilungsleiter des koreanischen Lichtdekorationszentrums der Nachrichtenagentur AP während eines Interviews am Fuss des Hotels. «Ich habe dieses grandiose Design für dieses gigantische Gebäude gemacht, und wenn die Leute es sehen, fühlen sie sich gut. Es macht mich stolz, als Designer zu arbeiten.»

Allein die nordkoreanische Flagge ist 40 Meter hoch

Das Display wurde im April zum ersten Mal genutzt, zum Geburtstag des verstorbenen «ewigen Präsidenten» Kim Il Sung. Die Vorbereitungen hätten etwa fünf Monate gedauert, erzählt der Designer Kim. Er war für das Design und die Programmierung des Lichtdisplays verantwortlich, was zwei Monate in Anspruch nahm. Ein weiterer Spezialist kümmerte sich um den Aufbau und die Verkabelung.

Riesige LED-Displays werden seit vielen Jahren weltweit genutzt, auch auf grösseren Gebäuden. Der japanische Designer Yusuke Murakami und eine in London ansässige Firma haben 2016 gemeinsam eine LED-Animation auf den Burdsch Chalifa in Dubai gebracht, den weltweit höchsten Turm.

Das 330 Meter hohe Ryugyong hat drei Seiten. Auf einer Seite wird die Hauptshow gezeigt, simplere Designs beleuchten die anderen beiden Seiten. Ganz oben an der Spitze hat Kim das Bild einer nordkoreanischen Flagge in rot, weiss und blau geschaffen. Sie scheint im Wind zu wehen, ist 40 Meter hoch und aus jeder Richtung zu sehen.

Wirtschaftskrise brachte Hotel zur Strecke 

Das vierminütige Hauptprogramm beginnt mit einer Animation über die Geschichte des Landes und propagiert anschliessend Ideale wie Eigenständigkeit und revolutionären Geist. Ausserdem zeigt es eine Abfolge von 17 politischen Parolen wie «zielstrebige Einigkeit», ein «harmonisches Ganzes» und «100 Schlachten, 100 Siege».

Die Lichter sind mit einem Computerkontrollsystem verbunden, das die Grösse eines normalen DVD-Players hat. «Das ganze Programm kann auf einer SD-Karte gespeichert und in den Controller gepackt werden», sagt Kim. «Wir können Diagnosen am Laptop stellen.»



Das Ryugyong ist Teil des Vermächtnisses von Kim Jong Il, dem Vater des derzeitigen Machthabers Kim Jong Un. Er gab es im Rahmen der Vorbereitungen auf die 13. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Auftrag. Sie fanden 1989 in Pjöngjang statt, als eine Art Pendant zu den Olympischen Spielen 1988 im südkoreanischen Seoul. Das Ryugyong sollte das höchste Hotel der Welt sein und ein von einer südkoreanischen Firma in Singapur gebautes Hotel übertrumpfen. Aber das Gebäude blieb auf der Strecke, als Nordkorea in den 1990ern eine schwere wirtschaftliche Krise und Hungersnöte als Folge des Zusammenbruchs der Sowjetunion erlebte.

Lichtshow könnte Updates bekommen

Lange Zeit passierte nichts mit dem Gebäude, bis die ägyptische Orascom Group, die in dem kommunistischen Staat auch das Mobilfunknetz aufbaute, die Vervollständigung der Glasfassade 2011 finanziell unterstützte.

Wie sein Vater hat auch Kim Jong Un ein Faible für ambitionierte Bauprojekte, darunter 82- und 70-stöckige Wohngebäude im neuen Ryomyong-Viertel in der Hauptstadt, sowie einen massiven Wissenschafts- und Technologiekomplex mit einem Hauptgebäude in Form eines gigantischen Atoms.

«Das Ziel dieses Lichtbildschirms ist, unserem Volk Selbstbewusstsein und Hoffnung für die Zukunft zu geben», sagt der Designer Kim während er die Menschen betrachtet, die am Schein des riesigen Displays vorbeilaufen. «Die Reaktion war grossartig. Die Nationalflagge an der Spitze des Gebäudes ist mehrere hundert Meter hoch und jeder kann sie sehen. Sie gibt ihnen Stolz und Selbstvertrauen, ein Bürger zu sein, der bereit ist, hart zu arbeiten.»

Wann das Hotel öffnet, will er nicht abschätzen. «Das ist nicht mein Bereich», sagt er lachend. Es gebe jedoch keine Pläne, die Lichtshow am Ryugyong abzuschalten, sagt er. Möglicherweise gebe es Updates. «Wir könnten den Inhalt ändern», erklärt er. «Die Ansprüche und Bestrebungen der Leute und die Zeiten ändern sich, wir können das Programm wechseln, um das widerzuspiegeln.»

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