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Johnny Depp siegt über Amber Heard – aber ist auch ein Verlierer

SDA

1.6.2022 - 23:36

In diesem Videostandbild reagieren Schauspielerin Amber Heard (M) und ihre Anwälte Elaine Bredehoft (r) und Ben Rottenborn auf die Verlesung des Urteils im Gerichtssaal des Fairfax County Circuit Courthouse. Foto: Uncredited/Court TV Pool/AP/dpa
Keystone

Sechs Wochen lang ist Johnny Depp (58) täglich im Gerichtssaal, meist mit getönter Brille und dicken Ringen an den Händen.

SDA

1.6.2022 - 23:36

Mitunter grinst er, doch oft hat er den Blick gesenkt, während seine explosive Beziehung mit der Schauspielerin Amber Heard (36) öffentlich aufgerollt wird. Doch am Mittwoch, als die sieben Geschworenen ihm einen Sieg über die Ex-Ehefrau zusprechen, fehlt der «Fluch der Karibik»-Star im Gericht. Nur sein Anwaltsteam ist vertreten. Depp war nach dem Prozessende für Konzertauftritte nach England gereist.

Heard, in Schwarz gekleidet, hört mit gesenktem Blick zu, als das Urteil verlesen wird. Die Geschworenen haben ihren Schilderungen von Missbrauch keinen Glauben geschenkt. Wegen Verleumdung muss sie Depp über zehn Millionen Dollar Schadenersatz zahlen. Ein schwacher Trost: Depp schuldet ihr nach Entscheidung der Jury 2 Millionen Dollar für Aussagen seines Ex-Anwalts, die Heards Ruf geschädigt hätten.

Depp geht als grosser Sieger aus dem Verleumdungsprozess hervor, aber er ist auch Verlierer in einer zur Schau getragenen Schlammschlacht, mit heftigen Anfeindungen, im Livestream von Gerichtskameras weltweit übertragen. Keiner der beiden wird die geschilderten Szenen einer Ehe gänzlich abschütteln. Eine abgetrennte Fingerkuppe, mit Blut geschriebene Botschaften, Fäkalien auf der Bettdecke – dies sind einige der vielen Details, die jetzt in Gerichtsprotokollen verewigt sind.

Das Urteil der Jury, fünf Männer und zwei Frauen, fiel nach dreitägigen Beratungen. Im Kern der von Depp eingereichten Zivilklage ging es um einen 2018 von der «Washington Post» veröffentlichten Kommentar, in dem sich Heard als Opfer häuslicher Gewalt beschrieb. Depp wurde darin von ihr nicht namentlich genannt, aber der «Fluch der Karibik»-Star sah sich damit als Opfer von Falschaussagen gebrandmarkt und klagte wegen Verleumdung auf 50 Millionen Dollar Schadenersatz. Heard holte zur Gegenklage mit einer 100 Millionen Dollar-Forderung aus. Sie machte geltend, dass Depps Ex-Anwalt Adam Waldman mit einer Schmutzkampagne ihrem Ansehen geschadet habe.

Die Urteilsfindung drehte sich um komplizierte Rechtsfragen wie Redefreiheit, Vorsatz oder Rufschädigung – aber ebenso standen die Glaubwürdigkeit der Hollywood-Stars und die gegenseitigen Missbrauchsvorwürfe auf dem Prüfstand. Wochenlang hatten die Anwälte beider Seiten Anschuldigungen von sexuellem Missbrauch, körperlicher Gewalt, Lügen und Drogenexzessen vorgebracht, unterlegt von Dutzenden Zeugenaussagen, schockierenden Handyvideos, Tonaufzeichnungen mit derben Beschimpfungen und Fotos mit Blutergüssen.

Heard hatte im Zeugenstand zahlreiche Vorfälle von angeblichem Missbrauch geschildert. Der Schauspieler betonte dagegen unter Eid, er habe in seiner Beziehung mit Heard «niemals» körperliche Gewalt angewendet. Depps Anwälte stellten Heard als notorische Lügnerin dar, deren Aussagen man nicht trauen könnte.

Heards Anwalt Benjamin Rottenborn wiederum zeichnete ein Bild von Depp als wütendem, aggressivem Mann, der vor allem unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen zum «Monster» geworden sei. Ein Urteil gegen Heard wäre eine niederschmetternde Botschaft für Missbrauchsopfer auf der ganzen Welt, warnte Rottenborn.

In dem bitteren Schlagabtausch der Ex-Eheleute genoss Depp einen gewaltigen Fan-Vorteil. Täglich war der Star vor dem Gerichtsgebäude von jubelnden Anhängern empfangen worden. Auch am Mittwoch ertönten laute Jubelschreie – für Depp. Unter Hashtags wie #JusticeforJohnny hatten Fans im Netz «Gerechtigkeit für Johnny!» gefordert und für den Schauspieler lautstark Partei ergriffen. Heard hatte deutlich weniger Unterstützer, aber umso mehr Anfeindungen in den sozialen Medien.

Ihr emotionaler Auftritt im Zeugenstand zum Prozessende war einer von vielen Schockmomenten im Gerichtssaal des Bezirks Fairfax im US-Bundesstaat Virginia, vor den Toren der US-Hauptstadt Washington. «Ich werde jeden einzelnen Tag belästigt, gedemütigt und bedroht, allein schon, wenn ich in diesen Gerichtssaal laufe», sagte Heard vor der Jury. «Ich bekomme regelmässig Hunderte Morddrohungen, quasi täglich. Tausende, seit dieser Prozess begonnen hat.» Schon vor ihrer Niederlage zeigte ihr Fall auf, was mögliche Missbrauchs-Opfer, die sich zu Wort melden, erleben und wie sie in den sozialen Medien an den Pranger gestellt werden können.

Für Depp ist dies nun der erste Sieg in dem langjährigen Rosenkrieg, nach einer Niederlage in London vor zwei Jahren. Dort hatte er gegen das britische Boulevardblatt «Sun» geklagt, das ihn in einem Artikel als Frauenschläger ("wife beater") bezeichnet hatte. Auch damals hatten sich Depp und Heard wochenlang vor Gericht mit heftigen Vorwürfen überzogen, hinter verschlossenen Türen. Am Ende befand 2020 ein Richter, dass die meisten Vorwürfe in dem Artikel sich als wahr erwiesen hätten.

Ein wichtiger Unterschied: Jetzt war es ein Zweikampf vor den Augen der Weltöffentlichkeit, von Kameras übertragen. Depp konnte sich im Rampenlicht inszenieren, auch mit prominenter Unterstützung seiner Ex-Freundin Kate Moss. Das britische Supermodel sagte für ihn per Videoschalte aus.

Mit Moss war Depp in den 1990er Jahren mehrere Jahre zusammen, auf ihre Trennung folgte eine langjährige Beziehung mit der französischen Schauspielerin Vanessa Paradis, mit der er zwei erwachsene Kinder hat. 2015 heirateten Depp und Heard, doch nach nur 15 Monaten Ehe reichte die Schauspielerin die Scheidung ein, nach Vorwürfen von häuslicher Gewalt.

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