Machos oder sorgende Väter? – Von einer Männlichkeit im Wandel

dpa/tafi

19.11.2019

Ein Psychiater begeistert mit Vorträgen über das Patriarchat, ein Schauspieler eckt an, weil er ein Baby im Tragetuch trägt. Das Männerbild unserer Gesellschaft ist ins Wanken geraten – und das sorgt für heftige Kontroversen.

Sind Männer nicht mehr zeitgemäss? So hat die «Weltwoche» ihre eher konservativen Leser in diesem Jahr alarmiert und der bedrohten Männlichkeit eine Titelgeschichte gewidmet. Seit vielen Jahren halte der Trend zu mehr Beteiligung der Männer an Haushalt und Familie an. Für die Wochenzeitung bleibt da die traditionelle Männlichkeit auf der Strecke. Was muss der Mann heute sein? Mitfühlend oder machohaft, liebevoll oder hart? Brauchen die, die einst als «starkes Geschlecht» galten, Mutmacher?

Am heutigen Dienstag ist Internationaler Männertag, der unter anderem den Beitrag der Männer zur Gesellschaft zelebrieren soll. Das Männerbild hat sich stark gewandelt, und manchen verunsichert das. Viele Männer seien in der Krise, sagt Toni Tholen, der an der Universität Hildesheim in Deutschland zu Männlichkeit forscht. «Sie hören, sie sollen dies und das nicht sein, und fragen: was sonst?»

James Bond-Darsteller Daniel Craig stand vor einem Jahr im Zentrum einer Debatte, weil er auf einem Foto mit Baby im Tragetuch vor dem Bauch zu sehen war. Ein für seine ätzenden Kommentare bekannter britischer TV-Moderator höhnte auf Twitter: «Oh, 007 ... nicht auch noch Du?» mit dem Schlagwort #emasculatedBond (entmannter Bond).



US-Psychologen sprechen in der Forschung zum Rollenbild Mann seit ein paar Jahren von «toxischer» oder «schädlicher Männlichkeit». Wenn kleine Jungen mit einem Ideal aufwachsen, das von ihnen verlange, Emotionen zu unterdrücken und dominant und aggressiv aufzutreten, sei Gewalt programmiert, so der US-Fachverband für Psychologie (APA). Manche Männer reagierten mit Gewalt, wenn sie in einer Beziehung ihre idealisierte männliche Identität bedroht sähen.

Alphatierchen besetzen Lücken

Die Vorstellung von Männern als Helden und Krieger habe zwar ausgedient, aber ein Vakuum hinterlassen, sagt Tholen. In der Lücke seien heute Leute wie die Präsidenten der USA, Russlands, der Türkei und Brasiliens präsent. «Alphatierchen wie Trump, Putin, Erdogan und Bolsonaro erobern die Definitionsmacht, was männlich ist. Je rechter, desto mehr traditionelle Rollenglorifizierung», so Tholen.

Verunsicherten will der kanadische Psychiater Jordan Peterson helfen. Er propagiert in seinem Bestseller «12 Rules For Life: Ordnung und Struktur in einer chaotischen Welt» Thesen über ein naturgegebenes Patriarchat oder Konzepte wie «Ordnung ist männlich, Chaos ist weiblich». Bei Vorträgen in aller Welt jubeln ihm Tausende – vor allem Männer – zu. Seine Anhänger nennen sich «Hummer», weil der Kanadier in seinen hunderttausendfach angeklickten Vorträgen auf YouTube die Hummer als Beleg dafür nennt, dass männliches Dominanzverhalten von Natur gegeben sei.



Beim Rollenmodell «Ich Tarzan, Du Jane» sei die Harmonie der Geschlechterrollen noch in Ordnung gewesen, meint der «Weltwoche»-Autor in seinem Artikel. Für die neue Rolle der Männer hat er wenig übrig: «Diese Mischmasch-Männlichkeit mit dem Ausleben der sogenannten weiblichen Seite im Mann ist in etwa so prickelnd wie alkoholfreies Bier.»

Hat sich die Rolle des Mannes in der Gesellschaft tatsächlich so stark gerändert? Warum bleiben dann nicht mehr Männer zu Hause und lassen die Frauen Karriere machen? «Ich glaube nicht, dass das funktioniert», sagt Peterson in einem Interview mit der der deutschen Wochenzeitung «Zeit». «Insbesondere, weil Frauen den niedrigeren Status ihrer Männer nicht tolerieren können, der damit verbunden ist.» Frauen werfen dem Psychiater vor, er festige bei verunsicherten Männern reaktionäre Geschlechtermodelle.

Zurück ins Mittelalter

Eine «Abwertung der Männlichkeit in der Gesellschaft» will auch der Psychologe Bjørn Thorsten Leimbach ausgemacht haben. Der Mann müsse «von weiblichen Normen, Regeln und Verhaltensweisen» befreit werden, «damit die maskuline Seele des Mannes (wieder) fliegen lernt», heisst es auf seiner Webseite. Wie aus Männern «Herzenskrieger» werden, zeigt Leimbach ihnen in Seminaren, 750 Franken für vier Tage.



Ein Refugium bietet auch der Schweizer Daniel Rasumowsky, Mitgründer der Messe «Man's World» mit Flugsimulator, Whiskey-Tasting und anderem, was Männer vermeintlich glücklich macht. Er war zuletzt im Oktober in Hamburg damit erfolgreich. Rasumowsky geht es nicht um Männlichkeitskult, wie er sagt. «Man's World masst sich weder an, Männlichkeit zu definieren, noch Gender-Fragen zu beantworten», sagt er. «Es ist eine für die Zielgruppe Männer kuratierte Erlebnis- und Einkaufswelt.»

«Ich habe Sorge, dass sich Werte durchsetzen, mit denen wir ins Mittelalter zurückstürzen», sagt Männlichkeitsforscher Tholen. Er findet, es müssten viel mehr alternative Geschlechtervorstellungen entwickelt werden: «solche, die herrschafts- und gewaltfreier sind». Das Thema Geschlechterrollen gehöre schon in die Schule, fordert er.

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