Russische Sekte kommt in die Schweiz

13.12.2018 - 15:58, tali

Die zehnteilige Buchreihe um Anastasia ist eine Art Bibel für Sektenanhänger.
Facebook/Anastasia - Vladimir Megre

Sie propagieren ein naturverbundenes Leben und Antisemitismus: Auch in der Schweiz finden sich immer mehr Anhänger der rechtsesoterischen Anastasia-Sekte.

Mit ihren Schlagworten treffen sie den Zeitgeist: im Einklang mit der Natur sein, vegan leben, Kindern in ihrer Entwicklung Raum lassen. Eben genau so wie Anastasia. Jene schöne, junge Frau, die irgendwo in der sibirischen Taiga lebt, völlig allein, von den Tieren, die sie umgeben, abgesehen. Von ihrer Existenz wissen Anastasias Anhänger nur von Wladimir Megre, der der weisen Blondine vor gut 20 Jahren begegnet sein will. Zehn Bücher schrieb der russische Autor über seine Erlebnisse mit der Schönen, die sich seit einigen Jahren auch auf deutsch nachlesen lassen – herausgegeben vom Hare-Krishna-nahen Govinda Verlag. Sie gelten als Bibel der Anastasia-Sekte, die aus Russland stammt und langsam auch in der Schweiz Fuss fasst.

Denn weil Anastasia sowohl mit Tieren als auch sämtliche Sprachen sprechen könne, alles über die Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit wisse und obendrein Krankheiten heilen könne, wollen ihre Anhänger so werden wie sie. Dass sei möglich, verspricht Megre in seinen Werken, man müsse nur alles befolgen, was Anastasia in Sachen Lebensführung vorgibt.

Die Romanfigur Anastasia lebt den Sektenanhängern die vermeintlich richtige Lebensweise vor.

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Rohkost und Antisemitismus

Dazu zählt nach einer Einschätzung von InfoSekta, der Fachstelle für Sektenfragen, etwa der ausschliessliche Verzehr von rohem Gemüse, im Idealfall selbst angebaut auf dem eigenen «Familienlandsitz». Die Mitglieder des 2015 gegründeten gleichnamigen Schweizer Vereins träumen von einem «weitgehend selbstverantwortlichen, selbständigen und möglichst autarken Leben in Gesundheit und im Einklang mit Natur und allem was ist». Zwei Familienlandsiedlungen, also ein Art Verband mehrerer Familienlandsitze, gibt es Infosekta zufolge hierzulande bereits.

Dass diese kritisch beäugt werden, liegt nicht zuletzt an den unverholen antisemitschen Ansichten, die Wladimir Megre in seinen Anastasia-Büchern vertritt. Er predigt den Anastasia-Anhängern von der jüdischen Weltverschwörung und relativiert in seinen Schriften den Holocaust, andere Anastasia-Verfechter, die innerhalb der Sekte eine gewisse Prominenz erreicht haben, propagieren die Überlegenheit der slawischen Rasse. Dass die Anastasia-Bewegung sowohl der rechtsextremen Szene als auch der deutschen Reichsbürgerbewegung nahesteht, überrascht nicht.

Gesundheitsgefährdende Philosophie

Wie gefährlich dieser «Mix aus Naturreligion, Esoterik, Verschwörungstheorien und Geschichtsrevisionismus» zudem für die Gesundheit sein kann, zeigte sich bereits bei einem Sorgerechtsstreit vor der Kesb Winterthur-Andelfingen. Ein Vater machte einem Bericht dem «Tages-Anzeiger» zufolge seiner Lebensgefährtin das alleinige Sorgerecht für das gemeinsame Kind mit dem Hinweis streitig, dass die Mutter Mitglied der Anastasia-Sekte. Weiterhin reichte eine Gefährdungsmeldung ein, weil die Mutter dem Säugling eine Woche lang eine medizinische Behandlung von Magenproblemen verweigerte und das Kind letztlich operiert werden musste.

Anhänger der Anastasia-Bewegung stehen der Schulmedizin ablehnend gegenüber, sie vertrauen stattdessen auf die «Neue Germanische Medizin»: «Es ist eine Fehlvorstellung, dass ein Arzt oder eine Tablette eine Krankheit heilen könne», argumentiert Sektenführer Merge in einem Interview auf der Website der Bewegung. «In Wirklichkeit kann der Mensch selbst jede seiner Krankheiten selber heilen, genauso wie er sie auch selbst verursacht hat.»

Anastasia will Schule machen

Auch das Schulsystem, das Anastasia-Anhänger propagieren, bewerten Sektenexperten sehr kritisch: «Natürlich lernen», lautet das verlockende Motto des LAIS-Instituts, durch das Kinder «quasi» von allein lernen würden. Da die Sekte für tatsächliche Schulen bislang keine Genehmigung erhielt, werden die Inhalte durch Seminare und Heimunterricht weitergegeben.

Die entsprechenden Kursmodule, an denen Erwachsene gegen jeweils 225 Franken teilnehmen können, vermitteln statt didaktischer Inhalten jedoch vorwiegend grosse Emotionen, beobachtete InfoSekta: «Dem Laising-Modell fehlt es an Fakten, Konzepten oder gar Theorien». Für eine gesunde Entwicklung sei das Konzept, dass Kinder über ein kosmisches Urwissen verfügen, an das man sie in einem Jahr Schulzeit nur heranführen müsse, sogar schädlich: «Solche Grössenvorstellungen können in der Jugend zu grossen Problemen führen». Ganz davon abgesehen, dass es Sektenkindern dadurch um so schwerer fallen wird, sich von Anastasias Bann zu befreien.

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