RTS-Fernsehchef und Personal-Leiter verlassen Sender nach Vorwürfen

SDA

16.4.2021 - 10:15

La Tour de la Radio Television Suisse (RTS) et son logo photographiee, ce jeudi 12 novembre 2020 a Geneve. (KEYSTONE/Martial Trezzini)
Zwei Kaderleute müssen RTS verlassen.
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Nach der Untersuchung von Belästigungsvorwürfen beim Westschweizer Radio und Fernsehen RTS verlassen der TV-Chefredaktor und der Leiter der Personalabteilung den Sender. Die Medienministerin reagiert empört auf die Vorfälle.

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16.4.2021 - 10:15

Letzten November hatte der Verwaltungsrat der SRG eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gegeben, um die Vorwürfe wegen sexueller Belästigung beim Westschweizer Radio und Fernsehen RTS zu untersuchen.  Nach Abschluss der Untersuchung verlassen der TV-Chefredaktor und der Leiter der Personalabteilung den Sender. SRG-Generaldirektor Gilles Marchand und RTS-Chef Pascal Crittin dürfen bleiben.

Der Verwaltungsrat sprach Marchand und Crittin sein Vertrauen aus. Der damalige RTS-Direktor Gilles Marchand habe seine «sekundäre Aufsichtsverantwortung» zwar «zu wenig wahrgenommen», teilte die Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) am Freitag mit. Das stelle in der Einschätzung der Gutachter*innen aber keinen «gravierenden Fehler» dar.

Der Generaldirektor der SRG, Gilles Marchand, spricht mit ein Journalist nach einer Kommissionssitzung der Kommission fuer Verkehr und Fernmeldewesen KVF-N, am Montag, 9. November 2020, im Bundeshaus in Bern. Die Kommission beraet heute hauptsaechlich das Massnahmenpaket zugunsten der Medien. Marchand soll sich aber auch zu den Enthuellungen der Westschweizer Tageszeitung
SRG-Generaldirektor Gilles Marchand war von 2010 bis 2017 Direktor des RTS.
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Der Verwaltungsrat sei deshalb der Ansicht, dass Marchand die richtige Person für die SRG sei, um die geforderten Veränderungen in der Unternehmenskultur durchzusetzen. Dem aktuellen RTS-Direktor Pascal Crittin könne kein Fehlverhalten vorgeworfen werden. Es bestehe deshalb kein Handlungsbedarf.

SRG: Keine Verfehlung bei Moderator Rochebin

Am 31. Oktober hatte die Westschweizer Zeitung «Le Temps» unter Berufung auf anonyme Quellen enthüllt, dass es innerhalb von RTS während Jahren zu Mobbing und zu sexueller Belästigung gekommen sei. Die Befragten berichteten in der Recherche von offener Belästigung, ungewollten Küssen, anzüglichen Kommentaren und systematischem Machtmissbrauch.

Angeschuldigt wurden drei Mitarbeiter, darunter Darius Rochebin, langjähriger Moderator der RTS-Tagesschau. Die Direktion und die Personalverantwortlichen von RTS hätten konsequent weggeschaut. Rochebin, der im Herbst zum französischen Nachrichtensender LCI wechselte, reichte unterdessen Verleumdungsklage gegen «Le Temps» ein.

Die von der SRG eingesetzten unabhängigen Sachverständigen kamen nun zum Schluss, dass sich Rochebin keiner sexuellen Belästigung oder Mobbing schuldig gemacht habe. In den beiden anderen Fällen hingegen hätten die Expertinnen und Experten Handlungen festgestellt, die als Belästigung qualifiziert worden seien. In beiden Fällen habe RTS Massnahmen ergriffen.

«Den Worten müssen Taten folgen»

Medienministerin Simonetta Sommaruga reagierte empört auf die Ergebnisse der Untersuchung. Dass Mitarbeitende sexuell belästigt worden seien, sei «inakzeptabel». Sie erwarte von der SRG, dass sie alles unternehme, um weitere Vorfälle zu vermeiden und Sexismus, Belästigung und Diskriminierung zu verhindern. «Den Worten müssen Taten folgen», hiess es in einer Mitteilung.

SRG-Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina hat am Freitag an einer Medienkonferenz sein tiefes Bedauern zu jedem einzelnen Belästigungs-Fall geäussert und die Opfer um Entschuldigung gebeten. Die Nulltoleranz werde in Zukunft eine hohe strategische Priorität im Konzern haben.

Dass die Untersuchungen etwas länger dauerten als geplant, habe mit der sorgfältigen und lückenlosen Durchführung zu tun. Die SRG hatte während mehr als zwei Monaten eine Telefonlinie geöffnet, über die sich Zeugen melden konnten. «Die Bearbeitung dieser über 200 Meldungen war relevant», so Cina.

Dass sich weniger Vorwürfe erhärtet hätten als ursprünglich beschrieben, dürfe nichts ändern an der Seriosität der Abklärungen und am künftigen Umgang mit der Belästigungsproblematik. «Jeder Fall ist einer zuviel.»

Laut RTS-Chef Pascal Crittin wurde weder an Opfer noch Zeugen Geld ausbezahlt. Die Vertraulichkeit der Angaben und Namen der Belastungszeugen sei sichergestellt.

Gewerkschaft fordert Rücktritt von Marchand

SRG-Generaldirektor Gilles Marchand sagte, natürlich habe er sich auch in Frage gestellt. Der SRG-Verwaltungsrat sei aber zum Schluss gekommen, dass er, Marchand, im Stande sei, die nötigen kulturellen Reformen zu leiten. «Das habe nicht ich selber entschieden», meinte er auf die Frage, ob er dafür noch der richtige Mann sei.

Die Mediengewerkschaft SSM fordert in einer Mitteilung griffige Reformen und eine Mitbestimmung des Personals bei der Besetzung von Führungsstellen. Zudem soll es personelle Konsequenzen geben: «Das SSM sieht einen kulturellen Wandel mit den fast gleichen Schlüsselpersonen umzusetzen, als nicht zielführend und unglaubwürdig an.» Man hätte erwartet, dass Marchand nicht weiter SRG-Generaldirektor bleibe, erklärt SSM-Zentralsekretär Jérôme Hayoz gegenüber «20 Minuten».