Das rät der Facharzt Schlapp, gereizt und traurig: Leiden Sie an einer Winterdepression?

Von Silvana Guanziroli

21.2.2018

Dieser Winter ist so trüb wie lange nicht mehr. Seit Januar schaffte es die Sonne kaum durch die Nebel- und Wolkendecke. Und das hat Folgen: In der Schweiz leiden derzeit rund 160'000 Menschen an der Winterdepression. Das rät der Facharzt.

Sie schleicht sich langsam an und kann die Betroffenen richtig aus der Bahn werfen. Die Winterdepression ist weit mehr als nur der Frust über die kalte Jahreszeit. Sie ist eine Krankheit, die unbehandelt sogar chronisch werden kann. 

Josef Jenewein ist stellvertretender Klinikdirektor des Konsiliar- und Liaisondienstes am Unispital Zürich. Für den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie werde die Winterdepression oft zu sehr unterschätzt. Im «Bluewin»-Interview erklärt er, wie man die Krankheit erkennt und was man dagegen unternehmen kann: 

Herr Jenewein, welche Symptome sind typisch für die Winterdepression?

«Bedrücktheit, fehlende Energie, Freudlosigkeit, eventuell Angstzustände. Anders als bei der klassischen Depression, bei der man eher weniger schläft und weniger isst, schlafen Betroffene mehr als sonst und sie haben deutlich mehr Hunger. Viele nehmen bei einer Winterdepression zu.»

Wo liegen denn die Auslöser für die Erkrankung?

«Auslöser ist eine Störung im Serotonin- und Melatonin-Stoffwechsel. Diese beiden Botenstoffe regeln die Stimmung und den Schlaf-Wach-Rhythmus in unserem Körper. So fördert das Melatonin den Schlaf, während das Serotonin die Stimmung hebt. Bei der Winterdepression wird tagsüber zu viel Melatonin und zu wenig Serotonin produziert.»

Und warum kommt es zu dieser Stoffwechsel-Störung im Körper?

«Der Serotonin-Melatonin-Stoffwechsel wird über die Menge Licht, die wir über die Augen aufnehmen, reguliert. Wenn weniger Licht die Rezeptoren auf der Netzhaut erreicht, steigt das Risiko für die Stoffwechsel-Störung.»

Josef Jenewein ist stellvertretender Klinikdirektor des Konsiliar- und Liaisondienstes am Unispital Zürich und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.
Josef Jenewein ist stellvertretender Klinikdirektor des Konsiliar- und Liaisondienstes am Unispital Zürich und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.
Zvg

«Unbehandelt kann die Winter- depression wiederkehrend sein und sich im schlimmsten Fall zu einer klassischen Depression wandeln.»

Wer ist in der Schweiz betroffen?

«Wir wissen, dass etwa 2,2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, also rund 160'00 Personen, in der Schweiz an einer Winterdepression leidet. Das haben zwei Studien aus dem Jahr 2003 und 2009 ergeben. Sie tritt zudem häufiger bei jüngeren und weiblichen Personen auf.»

Aktuell schafft es die Sonne kaum durch die Wolken- und Nebelschicht. Sind jetzt mehr Personen betroffen?

«Ich gehe davon aus, dass sich in diesem Winter mehr Menschen bei den Hausärzten mit den beschriebenen Symptomen melden.»

Zu was raten Sie an der Winterdepression erkrankten Menschen?

«Ich rate Personen, bei denen die Symptome über mehrere Tage anhalten, unbedingt dazu, einen Arzt zu konsultieren. Bei einer schweren Form der Winterdepression sollte eine Behandlung mit Psychotherapie und Medikamenten, sprich Antidepressiva, aufgenommen werden. Zusätzlich kann eine Lichttherapie eingesetzt werden. Bei einer leichten oder mittelgradigen Form kann eine Lichttherapie alleine helfen. Hier kommen spezielle Lampen mit einer Stärke von 10'000 Lux zum Einsatz. Eine halbe Stunde täglich während 14 Tagen sollte den Betroffenen helfen.»

Was kann der Patient zusätzlich tun, damit es ihm schnell besser geht?

«Ganz wichtig ist: Trotz Nebel und Wolken sollten sich Betroffene viel an der frischen Luft aufhalten und Sport treiben. Denn auch im Winter ist noch genügend Sonnenlicht vorhanden, das der Winterdepression entgegenwirkt.»

Was passiert, wenn man nichts unternimmt?

«Unbehandelt kann die Winterdepression, die auch saisonale Depression genannt wird und in der Regel im Sommer endet, wiederkehrend sein und sich im schlimmsten Fall zu einer klassischen Depression wandeln.»

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