Schon 200 Tiere tot: Buenos Aires' «Öko-Park» versinkt im Chaos

AP

24.8.2018

Der 140 Jahre alte Zoo von Buenos Aires wurde 2016 geschlossen, doch immer noch leben und sterben dort Tiere zu Hunderten – aus bizarren Gründen.

Shaki war 18 Jahre alt, als sie starb – zu jung für eine Giraffe. Und für die Nashorndame Ruth kam jede Rettung zu spät, nachdem sie stundenlang im Schlamm festgesteckt hatte: Die jüngsten Todesfälle in einem ehemaligen Zoo in Buenos Aires haben Tierschützer auf den Plan gerufen.

Ihr Vorwurf an die Stadtverwaltung: Die geplante Umwandlung des 140 Jahre alten Zoos in einen weniger aufwendigen «Öko-Park» und die Umsiedlung eines Grossteils der 1500 Tiere in Schutzzentrum sei ein Planungsdesaster gewesen. Ein Bündnis aus mehr als einem Dutzend Umweltschutzgruppen und tierärztlichen Organisationen beklagte in einem Schreiben einen «Zustand der Verwahrlosung» in der Anlage.

Dort starben seit 2016 etwa 200 Tiere. Ein früherer Direktor des Zoos erstattete zudem Anzeige wegen des Todes von Shaki und Ruth und forderte eine Untersuchung. Mangelnde Versorgung und Stress wegen des Lärms von einer nahegelegenen Baustelle hätten zum Tod der Tiere beigetragen, erklärt Exdirektor Claudio Bertonatti.

«Nicht die Arche Noah, sondern die Titanic»

«Vor einem Jahr habe ich darauf hingewiesen, dass diese Einrichtung nicht die Arche Noah ist, sondern die 'Titanic' auf Kollisionskurs», sagt Bertonatti, der inzwischen als Berater für die Nichtregierungsorganisation Fundacíon Azara arbeitet. «Heute sind wir in einen Eisberg gekracht.»

Der Zoo, um den es geht, wurde 1875 eröffnet, in einer damals ruhigen Lage am Rande von Buenos Aires. Später wurde der Tierpark zu einem der Lieblingsplätze des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges, der Tigern fasziniert war und sie zum Thema in seinen Büchern machte. Doch die Megastadt wuchs und der Zoo war irgendwann eingeschlossen von vielbefahrenen Strassen mit hupenden Bussen und quietschenden Autos in der Nähe der Gehege. 

Zooschliessung schwieriger als erwartet

Heute finden Besucher dort noch einen einsamen Löwen, der im Kreis seinem eigenen Schwanz hinterherjagt. Die veralteten Anlagen galten nach modernen Standards als Tierquälerei, ebenso wie die laute Umgebung und die verschmutzte Innenstadtluft. Die Rufe von Tierschutzorganisationen nach einer Schliessung des Zoos wurden immer lauter.

«Das Leben in Gefangenschaft ist entwürdigend für die Tiere, und es ist nicht der richtige Weg, um sich um sie kümmern», sagte Bürgermeister Horacio Rodríguez Laretta, als er 2016 die Stilllegung des Zoos bekanntgab. Doch die Suche nach einem neuen Zuhause für die Tiere erwies sich als schwierig. Hunderte von ihnen sitzen zwei Jahre später immer noch in ihren alten Käfigen und Gehegen im Lärm fest.

Die städtischen Betreiber des «Öko-Parks», wie sich die Anlage heute nennt, verweisen auf Verbesserungen bei der Unterbringung. Zudem wurde das 18 Hektar grosse Gelände für Besucher geschlossen, um den Stress für die Tiere zu senken. Etwa 430 von ihnen wurden bislang umgesiedelt.

Gesetze und Logistik als Problem

Darunter sind zwei Grizzlybären, drei Alligatoren und ein Leguan, die von Zoos und Schutzzentren in den USA aufgenommen wurden. Mitarbeiter der Stadtverwaltung räumen jedoch  ein, dass sich die Zooschliessung schwieriger gestaltet als erwartet. So mussten zunächst neue Gesetze verabschiedet werden, um den Transfer der Tiere zu ermöglichen.

Experten befürchteten, dass die Tiere so sehr an den Zoo gewöhnt sein könnten, dass sie einen Umzug nicht überleben würden. Einige wurden auch wegen logistischer Probleme nicht umgesiedelt – sie waren zu gross für den Transport.

Das galt unter anderen für die Giraffen: Shaki, ihren Partner Buddy und ihr Junges Ciro. Nichts wies aber vorab darauf hin, dass Shaki in Lebensgefahr war. In der Wildnis werden Giraffen etwa 25 Jahre alt. Der Tierarzt Guillermo Wiemayer, der mehr als zehn Jahre lang in dem früheren Zoo arbeitete, sagt: «Sie hatte noch viele Jahre vor sich.»

Nashorn blieb im Schlamm stecken

Erste Anzeichen mutmasslicher Bauchschmerzen zeigte Shaki am Morgen des am 24. Juli. Nur sechs Stunden später war sie tot. Bei der Autopsie wurde ein Geschwür an der Magenwand entdeckt, das zu einer Bauchfellentzündung geführt hatte.

Nur zehn Tage zuvor war Ruth nach einer Unterleibsinfektion gestorben, die sich ausgebreitet hatte. Nach Angaben von Wiemayer litt das Nashorn an Atemproblemen und Durchfall und war beim Angriff eines männlichen Artgenossen leicht verletzt worden. Doch insgesamt hatte sich Ruths Zustand zuletzt gebessert.

Dann wurde ihr Gehege überschwemmt, sie rutschte aus und blieb im Schlamm stecken. Zoowärter versuchten mehr als sechs Stunden lang verzweifelt, das Tier unter anderen mit Hilfe von Jeeps zu befreien. Als es ihnen schliesslich gelang, war Ruth schon zu stark geschwächt.

Viele Fachkräfte pro Tier

Tierarzt Wiemayer dementiert aber, dass der Tod der Tiere mit Änderungen bei ihrem Futter, mit Stress oder Baulärm zu tun haben könnte. «Solange sie in unserer Obhut sind, versuchen wir, ihnen die bestmögliche Lebensqualität zu geben», erklärt er, während der verwaiste Ciro bei der Fütterung seine lange, dunkelgraue Zunge ausstreckt.

Bertonatti hat seiner Anzeige auch Videomaterial beigefügt, das Ratten und Kakerlaken in einigen der Tiergehege zeigt. Die Parkbetreiber räumen ein, dass die Aufnahmen dort gemacht wurden. Dies sei aber Jahre vor der Übernahme des Parks durch die Stadt 2016 geschehen. Bei Fütterungen unter freiem Himmel würden unvermeidlich Ratten angelockt, erklärten sie. Die Leitung des «Öko-Parks» versuche aber, der Plage Herr zu werden.

«Bis zum Tod der Giraffe und des Nashorns hat es mit Blick auf das Wohlergehen der Tiere nie Kritik gegeben», sagt der städtische Projektleiter Gonzalo Pascual. Er plant interaktive Lernmodule und Grünflächen für den Park sowie eine Unterbringung der Tiere, die nicht umgesiedelt werden können. «Wir haben mehr als 130 Leute, die sich um das Wohl der Tiere kümmern», betont Pascual. «Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Fachkräfte pro Tier wie hier im 'Öko-Park'.»

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