Tradition der Seidenherstellung blüht in Griechenland wieder auf

von Iliana Mier, AP

6.10.2019

Seidenraupen-Kokons für die Produktion. (Archiv)
Bild: Keystone

Die traditionelle griechische Seidenindustrie war bereits so gut wie am Ende. Nun erlebt sie durch neue Technologien und die Nachfrage der Mode- und Luxusgüterbranche plötzlich einen neuen Aufschwung.

Für den Aufschwung der Seidenproduktion Griechenlands sind vor allem griechische Modelabels und neue Technologien verantwortlich. Sie tragen dazu bei, dass die Branche nach Jahrzehnten des Niedergangs eine neue Chance erhalten hat. Die Nachfrage nach Seide aus Soufli steigt inzwischen sogar im Ausland.

Das klackernde Geräusch der Webstühle in der Seidenfabrik von Kostas Mouhtaridis ist laut, wird in der griechischen Kleinstadt Soufli aber als erfreuliches Zeichen wahrgenommen. Die Fabrik liegt nur wenige hundert Meter vom Evros entfernt, dem Grenzfluss zur Türkei. In der Region im äussersten Nordwesten Griechenlands herrscht eine starke Militärpräsenz mit ständigen Patrouillen von Sicherheitskräften, die illegale Einwanderung in die EU verhindern sollen.

In Soufli florierte einst die Seidenindustrie. Über Jahrhunderte wurden dort Seidenraupen gezüchtet, wurde Seide gewebt und gefärbt. Die traditionsreiche Branche in der Region Thrakien hatte bereits in den 1990er Jahren zu kämpfen, als der Markt von billigerer chinesischer und indischer Seide überschwemmt wurde. Für die Firmen, die überlebten, kam dann meist im Verlauf der Finanzkrise ab 2008 das Aus.

200fache Menge wird produziert 

2012 gab es in Soufli nur noch zwei Seidenhersteller, die mit der Belieferung von kleinen Einrichtungshäusern mehr schlecht als recht über die Runden kamen. Doch inzwischen, sieben Jahre später, kann Mouhtaridis nicht mehr klagen. Die 1977 von seinem Vater gegründete Firma wurde zu neuem Leben erweckt. Grund für den Aufschwung sind die wieder auflebende griechische Mode- und Luxusgüterbranche sowie Technologien, die Kleinproduzenten entgegenkommen.

«Wir haben Seidenprodukte an Läden geliefert, die fünf, zehn oder 50 Meter abgenommen haben», sagt Mouhtaridis in seiner Fabrik mit zehn Beschäftigten. «Die umfangreichste Bestellung lag bei 100 Metern.» Heute produziert er für seinen grössten Kunden jährlich mehr als das 200fache dieser Menge.

Seide ist die Grundzutat des Angebots bei Zeus + Dione, einem Athener Luxuslabel, das stolz darauf ist, aufwendig hergestellte Elemente traditioneller Kleidung neu zu definieren und in seine Damenkonfektion einfliessen zu lassen. Dazu wurden in ländlichen Gebieten Griechenlands Kunsthandwerker aufgespürt. Die Firma bemühte sich, aussterbenden Gewerken Glamour zu verleihen, die sonst kaum Zugang zu Stadtbewohnern fanden.

Aufmerksamkeit der Modewelt geweckt

Die Hauptfiliale des Labels befindet sich in einer trendigen Einkaufsgegend in der Innenstadt von Athen. Die Mitbesitzerin des Unternehmens, die Bankmanagerin Mareva Grabowski, ist die Ehefrau des neu gewählten konservativen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis. Sie gründete die Firma mit ihrer Freundin Dimitra Kolotoura, einer früheren PR-Managerin.

Kolotoura erinnert sich daran, wie sie kurz nach der Firmengründung vor sieben Jahren Mouhtaridis' Seidenfabrik betrat. Er sei skeptisch gewesen, als er nach 20 Metern «Spathoto» gefragt wurde – einer Seide mit besonderer Textur, die inzwischen zum Markenzeichen von Zeus + Dione wurde. «Wir haben gesagt: "Lasst uns die Maschinen anwerfen! Wir werden produzieren, wir werden weben, und wir werden neue Gewebe kreieren"», sagt Kolotoura. «Und wir werden experimentieren.»

Das Spiel mit der Tradition erregte die Aufmerksamkeit der Modewelt, und Bestellungen aus dem Ausland nahmen drastisch zu. Seidenhemden und Kaftane aus Spathoto-Seide finden sich nun auch in Läden in Metropolen wie Paris, London und Los Angeles.

Mit Digitaldruck in die Zukunft

Der zweite grössere Seidenhersteller in Soufli, Giorgos Tsiakiris, wählte einen anderen Weg: Er verabschiedete sich vom Weben und konzentrierte sich stattdessen auf den Druck. Als die Zukunft seines Familienunternehmens unsicher schien, setzte er auf teure Digitaltechnologie. Und der Einsatz zahlte sich aus. Tsiakiris ersetzte das traditionelle Färben durch ein computergestütztes System und kaufte zimmergrosse Druckmaschinen, was den Betrieb von Grund auf umgestaltete. Dadurch kann er massgefertigte Designs liefern, die von Modehäusern in ganz Europa nachgefragt werden, unter ihnen das griechische Label Parthenis.

Orsalia Parthenis übernahm die Firma von ihren Eltern und erneuerte die Beziehungen zu der Seidenfabrik, die bis in die 1970er Jahre zurückreichten. Soufli-Seide war «Teil meines Aufwachsens», sagt sie und verweist darauf, dass sie immer kreative Möglichkeiten gefunden habe, sie in ihre Kollektionen einzubauen. «Soufli hatte sich überwiegend auf traditionelle Dekostoffe konzentriert, Dinge, die man für Vorhänge oder Tischdecken nutzen würde», sagt Parthenis. Sie habe diese Stoffe stattdessen für Kleider, Shorts und Jacken verwendet.

Als sie 2006 erfuhr, dass Tsiakiris Seide bedruckte, ergriff Parthenis die Gelegenheit, wandte sich an Grafikdesigner und kreierte eine Kaftankollektion aus Seide. «Sie haben in Maschinen investiert, um mehr zu drucken, und es ging nicht nur ums Weben», sagt sie. «Technologie hat die Branche wieder aufleben lassen.»

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