US-Militär wirft in aller Stille Einwanderer aus dem Dienst

12.7.2018 - 08:12, Martha Mendoza und Garance Burke, AP

Unlängst wurde der 28 Jahre alte Reservist Lucas Calixto berraschend aus dem US-Militär entlassen. Dagegen reichte er inzwischen Klage vor Gericht ein. 
Uncredited/Courtesy of the Calixto Family/dpa

Sie leben legal in den USA, lieben das Land und dienen im Militär - mit dem Versprechen einer Einbürgerung. Aber auch hier gehen die Uhren unter Trump anders.

Lucas Calixto ist ein Einwanderer aus Brasilien, kam im Alter von zwölf Jahren in die Vereinigten Staaten und betrachtet sie längst als seine Heimat. Deshalb war es auch sein Wunsch, im US-Militär zu dienen - zumal ihm das unter einem speziellen Rekrutenprogramm den Weg zur US-Staatsbürgerschaft versprach. Doch unlängst wurde der 28 Jahre alte Reservist überraschend aus dem Heer entlassen. Dagegen reichte er inzwischen Klage vor Gericht ein.

«Es war mein Traum, im Militär zu dienen», sagt Calixto. «Weil dieses Land so gut zu mir war, dachte ich, dass der Militärdienst das Mindeste ist, mit dem ich mich revanchieren kann.» Er verstehe nicht, warum all das geschehen sei.

Calixtos bittere Erfahrung ist kein Einzelfall. Nach Recherchen der Nachrichtenagentur AP hat das US-Militär abrupt Dutzende von Reservisten und Rekruten herausgeworfen, die sich unter dem Versprechen einer künftigen Einbürgerung verdingt hatten. Es lässt sich nicht exakt sagen, um wie viele Frauen und Männer es sich handelt. Aber Einwanderungsanwälte sprechen von mehr als 40 Personen, die entlassen worden seien oder deren Status ungewiss sei.

Alle Betroffenen halten sich legal in den USA auf, etwa mit einem Studentenvisum. Das war die Voraussetzung für eine Rekrutierung unter dem inzwischen ausgesetzten Programm, in dessen Rahmen sich allein 2016 mehr als 5000 Einwanderer beim Militär eingeschrieben haben. Schätzungsweise 10 000 dienen zurzeit, die meisten im Heer.

Um eingebürgert zu werden, muss den betreffenden Militärangehörigen ein «ehrenhafter Dienst» bescheinigt werden. Dazu können schon ein paar Tage in einem Ausbildungslager reichen. Aber bei allen kürzlich Entlassenen war der Beginn der Grundausbildung verzögert worden - also erfüllen sie die Voraussetzung für eine Staatsbürgerschaft im Rahmen des Programmes nicht.

Einige schildern, dass ihnen kein Grund für den Rauswurf genannt worden sei. Anderen, die nachhakten, wurde gesagt, dass sie als Sicherheitsrisiko eingestuft worden seien, weil sie Verwandte in Übersee hätten oder das US-Verteidigungsministerium Sicherheitsüberprüfungen nicht abgeschlossen habe. Pentagon- und Militärsprecher lehnten mit Hinweis auf das anhängige Gerichtsverfahren Angaben zu den Hintergründen des Vorgehens ab.

Das Spezialprogramm hat das Kürzel Mavni. Es steht für «Military Accessions Vital to the National Interest» (übersetzt etwa: «Zulassungen zum Militär, die wichtig für das nationale Interesse sind»). Das Programm erwuchs im Jahr 2002 aus einer Anordnung des damaligen Präsidenten George W. Bush zur «beschleunigten Einbürgerung» von Einwanderern, die sich als Soldaten verdingen. Die Massnahme zielte darauf ab, medizinische Spezialisten und Menschen mit Kenntnissen in 44 besonders gefragten Sprachen anzuwerben.

2009 wurde Mavni ein offizielles Rekrutierungsprogramm, und der damalige Präsident Barack Obama weitete es zudem aus: Eingeschlossen wurden auch junge Migranten, die als Kinder von ihren Eltern illegal in die USA gebracht wurden. Bei den Konservativen stiess das auf Kritik, und als Konsequenz verschärfte das Pentagon die Sicherheitsanforderungen für angehende, eingewanderte Rekruten.

Die Regierung von Präsident Donald Trump baute dann noch mehr Hürden auf und schuf damit einen Bewerberstau. Im vergangenen Herbst erlebten dann Hunderte Rekruten, dass ihre Verträge gekündigt wurden, noch bevor ihr Eintritt ins Militär überhaupt offiziell war. Ein paar Monate später setzte das Militär das Mavni-Programm ganz aus.

Margaret Stock, eine Immigrationsanwältin und ehemalige Heeresreservistin, hat früher dabei geholfen, das Spezialprogramm zu schaffen. Sie berichtet von einer ganzen Reihe von Rekruten, die plötzlich aus dem Militär ausgestossen worden seien. Das Pentagon habe ihnen gesagt, dass es nicht in der Lage gewesen sei, die nötigen Sicherheitsüberprüfungen durchzuführen, an denen unter anderem auch der Geheimdienst CIA und die Bundespolizei FBI beteiligt sind. Damit, erklärte das Ministerium, würden die Rekruten die Bedingungen nicht erfüllen. «Es ist ein Teufelskreis», sagt Stock.

Die Anwältin verweist darauf, dass Einwanderer schon seit dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) im Heer gedient und massgeblich zum Sieg beigetragen hätten. «Und heute werden wir ohne Einwanderer den globalen Krieg gegen den Terrorismus nicht gewinnen.»

Tatsächlich kämpften im Unabhängigkeitskrieg Iren, Franzosen und Deutsche in der Kontinentalarmee mit. In den 1940er Jahren rekrutierten die USA Philippiner für die Marine, und im folgenden Jahrzehnt waren sie dem Pentagon zufolge um die Anwerbung von Osteuropäern bemüht. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 haben nach offiziellen Angaben fast 110 000 Militärangehörige durch ihren Dienst in den Streitkräften die US-Staatsbürgerschaft erworben.

Viele der durch das Spezialprogramm angeheuerten Männer und Frauen haben sich als hervorragend erwiesen. So wurde etwa der aus Nepal stammende damalige Feldwebel Saral Shrestha 2012 zum «US-Heeressoldaten des Jahres» gekürt. Insgesamt hätten sich eingewanderte Rekruten als kosteneffektiver herausgestellt und ihre Kameraden in ihrer Arbeitsleistung und Zähigkeit übertroffen, heisst es in einer kürzlich veröffentlichten Einschätzung der Forschungseinrichtung Rand.

Aber das nützt dem brasilianischen Einwanderer Calixto wenig. Er versteht die Welt nicht mehr. Ähnlich am Boden zerstört äusserten sich in AP-Interviews auch kürzlich entlassene Rekruten aus Pakistan und dem Iran sowie eine 26-jährige Reservistin aus Dominica, die derzeit auf eine Entscheidung über ihre Zukunft wartet.

«Ich bin immer eine gute Soldatin gewesen», sagt sie. «Ich möchte nicht aufgeben, denn ich bin wirklich gern in der Army. Aber ich weiss nicht, an wen ich mich wenden soll.»

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