Verzicht auf Facebook ist gar nicht so leicht

Von Barbara Ortutay, AP

22.3.2018

Wer Facebook nicht mehr mag, löscht einfach sein Konto – oder? In der Praxis sind die Hürden dafür recht hoch. Und der Alltag kann ohne die Plattform mitunter kompliziert werden. Eine grosse «Ausstiegswelle» ist trotz aller Daten-Skandale daher noch nicht zu beobachten.

Millionen Facebook-Nutzer sind empört: Ihre privaten Daten sollen an Dritte weitergegeben und für den Wahlkampf von Donald Trump missbraucht worden sein. Viele mögen die Affäre zum Anlass nehmen, den «Beziehungsstatus» zu überdenken. Manch einer würde am liebsten vielleicht gar nicht mehr mit dem Sozialen Netzwerk «befreundet» sein. Das Problem ist allerdings, dass es keine echten Alternativen gibt.

Das Unternehmen aus dem Silicon Valley hat schon so manche Krise überstanden. Meist genügte eine kurze Entschuldigung – und alles lief mehr oder weniger weiter wie zuvor. Die aktuellen Vorwürfe wiegen jedoch besonders schwer. Dass die britische Firma Cambridge Analytica Zugriff auf vertrauliche Informationen von zig Millionen Facebook-Nutzern bekommen konnte, hat in mehreren Ländern auch die Behörden alarmiert. Der Börsenkurs fiel in nur wenigen Tagen um neun Prozent.

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«Diesmal ist die Sache sehr ernst – wirtschaftlich, politisch und finanziell. Entsprechend wird auch eine durchgreifende Reaktion erforderlich sein, um das Vertrauen der Nutzer zurückzugewinnen», sagt der Kommunikationswissenschaftler Steve Jones von der University of Illinois in Chicago. Die Zahl der Nutzer ist für Facebook entscheidend. Denn von ihnen hängt die Höhe der Werbeerlöse ab.

Schon im vergangenen Jahr stand das soziale Netzwerk heftig in der Kritik. Zum einen war offensichtlich geworden, wie sehr es als Plattform zur Verbreitung von «Fake News» dient. Zum anderen verdichteten sich die Hinweise darauf, dass Russland über Facebook in erheblicher Weise Einfluss auf die US-Präsidentschaftswahl 2016 nehmen konnte. Vor knapp drei Monaten kündigte Facebook-Chef Mark Zuckerberg daher an, das Jahr 2018 nutzen zu wollen, um die Schwachstellen des Netzwerks zu beheben. Stattdessen scheint nun alles noch schlimmer zu kommen.

Dass sich bisher noch keine echte «Abwanderung» abzeichnet, hat einen einfachen Grund: Es ist gar nicht so leicht, sich aus den Fängen von Facebook zu befreien. Der IT-Manager Arvind Rajan aus San Francisco hat es getan – am Montag deaktivierte er seinen Account. Kurz darauf musste er für allerlei Apps neue Nutzernamen und neue Passwörter anlegen. Bisher hatte er sich dort nämlich mit seiner Facebook-ID angemeldet. Das sei lästig, sagt er, «aber nicht das Ende der Welt». Und aus Wut über den halbherzigen Umgang des Unternehmens mit der Krise nehme er die Mühen in Kauf.

Drei Monate bis alles wirklich gelöscht ist

Wer die Vorteile der Online-Vernetzung nutzen will, bleibt jedoch von Facebook abhängig. Mit etwa 2,2 Milliarden Nutzern weltweit ist die Plattform schlicht einzigartig. Konkurrierende Dienste können damit nicht ansatzweise mithalten. Und wenn doch, werden sie oft früher oder später von Facebook geschluckt – wie etwa im Falle von Instagram und WhatsApp. Andere grosse Netzwerke, wie Twitter oder Snapchat, bieten nicht ähnlich umfassende Möglichkeiten.

Unzählige Grosseltern können nur auf Facebook regelmässig aktuelle Fotos ihrer weit verstreuten Enkel sehen. Und nirgendwo anders können sich Eltern, die sich um vier Uhr morgens um ein schreiendes Baby kümmern müssen, vergleichbar unkompliziert mit anderen Eltern in gleicher Lage austauschen. Lokale Sportvereine geben wichtige Termine nur noch auf ihrer Facebook-Seite bekannt. Selbst im Geschäftsleben werden Vereinbarungen innerhalb des Netzwerks getroffen.

«Für viele Menschen wird es immer schwieriger, auf Facebook zu verzichten, weil es nicht mehr nur eine Social-Media-Plattform ist, sondern fast schon eine Art allgemeiner Treffpunkt», sagt die Verhaltensforscherin Ifeoma Ajunwa von der Cornell University im US-Staat New York. Wer sein Profil löschen wolle, stosse daher oft auf unerwartete Probleme. Ohne Facebook hätten die Leute schnell das Gefühl, den Anschluss zu verlieren, sagt Ajunwa.

Gerade für Nutzer, die schon lange dabei sind, kann es schwer sein, die Reissleine zu ziehen. Denn nicht selten wird das Facebook-Profil mit der Zeit zum Teil der eigenen Identität. «Das einzige, was mich abhält, ist, dass ich im Laufe von 13 Jahren hunderte Fotos aus meinem Leben gepostet habe, auf die ich nicht den Zugriff verlieren will», sagt Daniel Schwartz aus Atlanta.

Enttäuschten Nutzern macht Facebook den Abschied auch rein praktisch nicht leicht. Wer seinen Account dauerhaft löschen möchte, muss einen entsprechenden Antrag an das Unternehmen stellen. Der Vorgang kann mehrere Tage dauern – und wenn sich der Nutzer während der Wartezeit noch einmal einloggt, wird der Antrag annulliert. Insgesamt kann es bis zu drei Monate dauern, bis alles wirklich gelöscht ist. Eine weniger endgültige Option ist die Deaktivierung eines Kontos. Dadurch wird ein Profil zwar für andere unauffindbar. Falls der Nutzer zu einem späteren Zeitpunkt wieder einsteigen möchte, ist eine Reaktivierung aber möglich.

Auch diese Option wird bisher aber offenbar selten genutzt. Entsprechend scheint das finanzielle Fundament von Facebook nicht unmittelbar bedroht zu sein. Das Marktforschungsunternehmen eMarketer geht davon aus, dass die globalen Ausgaben für Werbung innerhalb des Netzwerks in diesem Jahr um 22 Prozent auf fast 49 Milliarden Dollar (40 Milliarden Euro) steigen werden. Die eMarketer-Analystin Debra Aho Williamson betont allerdings, dass die Einnahmen durch Anzeigen zurückgehen könnten, wenn «Facebook zu Änderungen bei der Art der Datennutzung oder bei den Funktionen der Werbemodelle gezwungen werden sollte».

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