Wie Russland Organspenden ohne Erlaubnis rechtfertigt - Mütter klagen

Maria Cheng, AP

26.3.2018 - 14:49

Elena Sablinas Tochter Alina wurde 2014 bei einem Autounfall in Moskau getötet, und erst Wochen später erfuhr sie, dass ihr ohne Genehmigung Organe entfernt worden waren.
Bild: Kirill Zarubin/AP/dpa

Auch in Russland herrscht ein Mangel an Organen für Transplantationen. Was tun? Eine Klage von zwei Müttern vor dem Europäischen Gerichtshof in Strassburg wirft ein Schlaglicht auf das Problem - und Russlands Antwort darauf.

Igor Werewkin wurde 2010 bei einer Schlägerei in einer Bar im sibirischen Omsk verletzt - so schwer, dass er nach zwei Tagen künstlicher Beatmung in einem Krankenhaus starb. Seine Mutter Galina Valjuschtschenko hatte zuvor die Ärzte angewiesen, ihm keine Organe zu entnehmen. Erst zwei Monate später, als sie einen Autopsiebericht las, stellte sie fest, dass trotzdem die Nieren ihres Sohnes entfernt worden waren. «Sie haben mich niemals um Erlaubnis gefragt», sagt sie der Nachrichtenagentur AP.

Valjuschtschenko zog zunächst vor ein Regionalgericht in Omsk. Dort habe man sie gefragt, warum sie denn so aufgebracht sei, schilderte sie. Ihr sei bedeutet worden, «ich sollte doch vielmehr glücklich sein, dass seine Nieren an zwei anderen Leute gegangen sind». Am Ende wies das Gericht ihre Klage gegen die Ärzte ab. Mittlerweile ist sie vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg anhängig. Er wurde 1959 vom Europarat, dem Russland angehört, ins Leben gerufen.

Die Internationale Instanz beschäftigt sich ausserdem mit mindestens einem weiteren Fall, in dem einer Russin ohne Zustimmung oder Wissen ihrer nächsten Angehörigen Organe entnommen worden waren. Der Vorwurf in beiden Fällen lautet, dass ein solches Vorgehen gegen die europäische Menschenrechtskonvention verstosse.

«Annahme einer Zustimmung»

Russland antwortete darauf mit dem Argument, dass es «unmenschlich» sei, Angehörige so kurz nach dem Tod ihrer Lieben auf eine Organspende anzusprechen. Das geht aus Gerichtsdokumenten vom vergangenen Juli hervor, die AP vorliegen. Darin wird auch argumentiert, dass nicht genügend Zeit bleibe, um eine Genehmigung einzuholen - weil es sonst für eine Verpflanzung entnommener Organe zu spät sei. Und: Wenn Ärzte um eine Erlaubnis fragen müssten, würden Leute sie verweigern und Transplantationen weitgehend unmöglich gemacht.

So wird denn in Russland ein System angewendet, dass von der «Annahme einer Zustimmung» ausgeht. Demnach entfernen Ärzte routinemässig und völlig legal Organe von Verstorbenen, ohne dass die Betroffenen selber oder Angehörige zuvor ihre Zustimmung zu einer Spende im Todesfall gegeben haben.

Zwar haben eine ganze Reihe anderer Länder ein ähnliches System, so Österreich, Spanien und Schweden. Und weitere europäische Staaten bewegen sich in diese Richtung, etwa England und die Niederlande. Aber viele Ärzte sagen, dass kein Land so rigoros vorgehe wie Russland. So gebe es in vielen Ländern beispielsweise Einschränkungen, nach denen keine Organe entfernt werden dürfen, wenn der Verstorbene keine nahen Angehörigen hat oder diese ernste Bedenken gegen eine Organspende haben.

10'000 Euro Schadensersatz

Und auch wenn sie Organe von Toten laut Gesetz ohne Genehmigung entfernen könnten, werde diese Praxis als unethisch betrachtet und sei nicht üblich, sagen Ärzte. «Wir respektieren die Situation und die Tatsache, dass Menschen leiden», betont etwa Stefan Schneeberger, Vizedirektor für Transplantationschirurgie an der Universität Innsbruck in Österreich. «Ich glaube nicht, dass es vernünftig ist, Organspenden zu erzwingen.»

Aber Russland beharrt darauf, dass sich Familien besser anstatt schlechter fühlen sollten, wenn sie erführen, dass ihrem verstorbenen Verwandten Organe genommen worden seien. «Die russische Regierung würde gern auf ein ganz übliches Phänomen verweisen, nach dem die Familie eines Verstorbenen sich durch die Tatsache getröstet fühlt, dass die Organe zum Zweck der Transplantation entfernt und genutzt wurden, das Leben anderer Menschen zu retten», heißt es in dem Gerichtsdokument.

Valjuschtschenko hat sich indes keineswegs getröstet gefühlt und fordert 10'000 Euro Schadenersatz. Anwalt Anton Burkow, der sie in Strassburg vertritt, argumentiert, dass russische Ärzte ihre Rechte verletzt hätten, indem man sie «inhumaner oder erniedrigender» Behandlung ausgesetzt habe. Sollte das Gericht dem folgen, könnte es Russland anweisen, sein Organspende-Gesetz zu ändern.

Organentnahme ohne Genehmigung

Es wäre nicht das erste Mal: 2015 gab die Instanz einer Lettin Recht, die ihre Regierung verklagt hatte, nachdem ihrem verstorbenen Mann ohne vorherige Zustimmung Organe entnommen worden waren. Als Konsequenz überarbeitete Lettland sein Gesetz.

Burkow weist darauf hin, dass die meisten Menschen gar nicht herausfänden, was mit ihren verstorbenen Angehörigen geschehen sei und damit Proteste auch nicht an der Tagesordnung seien. Aber wie Valjuschtschenko kam auch Elena Sablina dahinter, eine zweite Mandantin, die der Menschenrechtsanwalt in Strassburg vertritt. Ihre Tochter Alina wurde 2014 bei einem Autounfall in Moskau getötet, und Wochen später erfuhr die Mutter beim Lesen eines Untersuchungsberichts, dass ihr ohne Genehmigung Organe entfernt worden waren.

«Ich bin schliesslich seine Mutter»

Halten viele Ethiker so etwas für ein mehr als fragwürdiges Vorgehen, so finden manche andere, dass Russlands Ansatz angesichts des ständigen Mangels an Organen für Verpflanzungen angemessen sei. «Russland hat Recht, wenn es die Interessen der Lebenden über die der Toten stellt, aus dem einfachen Grund, dass Tote keine Interessen haben», sagt John Harris, emeritierter Professor für Bioethik an der Universität von Manchester. Es möge zwar klug sein, wenn russische Ärzte Familien die Absicht mitteilten, Organe ihres Angehörigen zu entfernen, so Harris. Aber das nicht zu tun, sei «eher eine Frage von Manieren als Moral».

Valjuschtschenko sagt derweil, dass sie vielleicht sogar einer Organspende ihres Sohnes zugestimmt hätte, wäre mit ihr darüber gesprochen worden. Aber dass die Ärztin die Entscheidung über ihren Kopf hinweg getroffen habe, sei nicht akzeptabel: «Ich bin schliesslich seine Mutter.»

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