«Das Jahr ist für die Credit Suisse im Prinzip gelaufen»

Andreas Fischer

29.3.2021

Das Credit Suisse Logo auf dem Dach des Hauptgebaeudes am Paradeplatz in Zuerich, aufgenommen am Donnerstag, 2. November 2006. Die Credit Suisse Group erzielte in den ersten neun Monaten 2006 einen Reingewinn von 6,7 Milliarden Franken. Der Reingewinn im dritten Quartal 2006 betrug 1,892 Milliarden Franken, gegenueber 1,918 Millionen Franken im dritten Quartal 2005. (KEYSTONE/Eddy Risch)
Erneute Schwierigkeiten für die Credit Suisse: Mit dem Zahlungsausfall des Fonds Archegos Capital muss die Grossbank nach der Greensill-Pleite einen erneuten Milliarden-Rückschlag hinnehmen. 
Bild: Keystone

Ein US-Hedgefonds ist in Schieflage geraten und bringt nun die Credit Suisse und weitere Grossbanken in Bedrängnis. «blue News» hat beim Experten Peter Hody nachgefragt, wie es dazu kommen konnte.

Andreas Fischer

29.3.2021

Nach der Greensill-Pleite schickt nun der US-Hedgefonds Archegos Capital Schockwellen in die Bankenwelt. Und erneut ist die Credit Suisse stark betroffen. Der Zahlungsausfall des Hedgefonds schickte die Aktie der Bank auf Tauchfahrt – sie sackte im Laufe des Tages zwischenzeitlich um fast 15 Prozent ab.

Peter Hody, Chefredaktor des Branchenprotals finews.ch, erklärt «blue News», warum Archegos Capital tief in Problemen steckt und welche Auswirkungen das noch haben könnte.

Was ist der Hedgefonds Archegos Capital und wer steckt dahinter?

Peter Hody: Genau genommen ist Archegos Capital kein richtiger Hedgefonds, sondern das Family Office von Bill Hwang. Hwang war ein gefeierter Hedgefonds-Manager, der mit seinem Tiger Hedgefonds in den Nullerjahren und während der Finanzkrise mit Investments in Asien viel Geld verdient hat.

2012 ist Hwang allerdings von der US-Börsenaufsicht SEC (United States Securities and Exchange Commission) gebüsst worden – wegen Insiderhandels mit chinesischen Aktien musste er über 40 Millionen US-Dollar Strafe zahlen. In Hongkong wurde Hwang 2014 sogar von der Börse ausgeschlossen. Er hat dann seinen Fonds liquidiert. Der Nachfolger Archegos Capital soll – offiziell zumindest – keine Kundengelder mehr verwaltet haben, sondern hauptsächlich Hwangs eigenes Vermögen.

Wie erklären Sie sich, dass die CS mit einem Geschäftsmann von derart zweifelhaftem Ruf Geschäfte macht?

Das ist eine gute Frage, die man sich natürlich stellen muss. Viele Banken sind bedeutend vorsichtiger gewesen als die CS. Bei Goldman Sachs etwa stand Hwang zumindest bis 2018 auf der schwarzen Liste. Als dann aber andere Banken Geschäfte mit Hwang machten, ist auch Goldman Sachs wieder eingestiegen.

Was sind das genau für Geschäfte?

Die CS hat, wie andere Investmentbanken auch, eine Geschäftsaktivität, die sich Prime Brokerage nennt. Sie wickeln einerseits im Auftrag des Kunden Handelsgeschäfte ab, und versorgen sie andererseits mit Liquidität. Das ist ein lukratives Geschäft und die CS gehört da zu den führenden Banken. Im Fall von Archegos Capital wurde das mit sehr viel Leverage betrieben: Archegos hat enorm hohe Kredite bezogen und Wertschriften als Sicherheit hinterlegt.

Wie entsteht dann das Problem?

Vergangene Woche haben einige US-Aktien, man spricht von ViacomCBS und Disney, etwas mehr an Wert verloren. Der CS und den anderen Banken fiel dann auf, dass die Sicherheiten ihre Kreditforderungen nicht mehr abdeckten. In diesem Fall besteht eine Nachschusspflicht, der sogenannte Margin Call, des Kreditnehmers: Also Archegos Capital hätte mehr Aktien als Sicherheit nachlegen müssen. Das konnte Bill Hwang schlichtweg nicht.

Daraufhin haben die Banken verlangt, dass er seine Positionen liquidiert, damit sie zumindest einen Teil ihrer Kredite retten können. Hwang musste alle seine Aktien innerhalb kürzester Zeit und oft unter Wert abstossen. Mit der Konsequenz, dass die CS erhebliche Verluste gemacht hat: Die Rede ist von 3 bis 4 Milliarden US-Dollar. Das berichtet die «Financial Times».

Das war dann auch der Auslöser für den Kurssturz der CS-Aktie heute?

Genau. Der Markt geht davon aus, dass die CS ziemlich sicher einen hohen Quartalsverlust schreiben wird und dass das Aktienrückkaufprogramm wahrscheinlich ausgesetzt wird. Die Dividende für das nächste Jahr ist auch in Frage gestellt. Archegos ist nicht das einzige Problem, das die CS zurzeit hat. Das Jahr ist für die CS im Prinzip gelaufen.



Was bedeutet das für Privatanleger?

Privatanleger können nur zuschauen. Grossbanken sind immer ziemliche Black Boxes, es ist ziemlich unvorhersehbar, was dort geschieht. Wenn ein Problem auftaucht, dann geht es gleich um acht- oder neunstellige Beträge. Als Kleinanleger ist man dem total hilflos ausgesetzt.

Sind noch andere Schweizer Banken von der Archegos-Pleite betroffen?

Offenbar nicht. Zwar soll auch die UBS Kundenbeziehungen mit Bill Hwang unterhalten haben, aber sie hat wohl keine materiellen Verluste erlitten.

Die «Financial Times» schreibt von einem potenziellen «Lehman-Moment»: Besteht die Gefahr, dass sich die Archegos-Pleite ausweitet und zu einer neuen Finanzkrise führt?

Im Moment sieht es nicht danach aus. Die Märkte waren heute morgen zwar sehr nervös. Aber die New Yorker Börse ist schon mal nicht mit riesigen Verlusten gestartet. Das Problem scheint auf einige Aktien begrenzt zu sein. Bill Hwang hatte offenbar grosse Wetten auf einige wenige Technologieaktien in den USA und in China laufen. Andere Hedgefonds scheinen davon nicht in dem grossen Ausmass betroffen zu sein, wie man es anfangs hätte befürchten können. Ich denke, man muss jetzt abwarten.

Wir kommen also mit einem blauen Auge davon?

Das wollen wir hoffen. Für Hwang gilt das übrigens nicht: Der Mann hat sich verzockt und nun nichts mehr. Man spricht von einem Verlust von 10 Milliarden US-Dollar.