Negativzinsen werden zur ernsten Zerreissprobe für Unternehmen 

tmxh / SDA

8.11.2019 - 18:00

Negativzinsen belasten die Banken, aber auch Unternehmen. Könnten auch Kleinsparer bedroht sein? 
Symbolbild: Archiv

Immer mehr Menschen bekommen die Folgen der Negativzinsen zu spüren. Auch viele Firmenchefs üben Kritik an der Geldpolitik, wie eine Umfrage zeigt. Die negativen Auswirkungen würden demnach überwiegen.

Mehr und mehr Menschen und Firmen bekommen die Auswirkungen der Negativzinsen zu spüren, die aktuell als Grundlage der Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) gelten. Nun zog auch die Postfinance die Daumenschrauben an: Ab Dezember wird der Freibetrag, ab dem Negativzinsen erhoben werden, für Sparkontoinhaber halbiert. Neu müssen Sparkontenbesitzer schon ab 250'000 Franken Strafgebühren zahlen. Bisher war die Schwelle doppelt so hoch. Betroffen ist laut einem Postfinance-Sprecher eine tiefe vierstellige Anzahl Kunden.

Kritisiert wird die Politik der Negativzinsen dabei von Banken und Lobbyorganisationen, aber auch von Schweizer Firmen. Eine Umfrage der UBS unter 2'500 Unternehmenschefs bestätigt: Positive Auswirkungen der Negativzinsen auf das Kreditwesen und somit die Investitionstätigkeit sind kaum zu beobachten. Für fast zwei Drittel der Befragten überwog der Schaden den Nutzen. «Es kommt für die Unternehmen nicht darauf an, ob sie Zinsen von 1,0 oder 0,5 Prozent bezahlen müssen», erklärt Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz der UBS. Das Wirkungspotenzial sei ausgeschöpft.

Auf der anderen Seite nehmen in den Augen der befragten Unternehmen die Kollateralschäden des «Providuriums Negativzinsen» zu. «Bemerkenswert ist, dass sogar die Mehrheit der Unternehmen mit einem Exportanteil von mehr als 50 Prozent die Negativzinsen als insgesamt schädlich beurteilt», sagte Kalt. Die Stichworte dazu: Sorgen um die Altersvorsorge und steigende Risiken am Immobilienmarkt.

Weitere Senkung erwartet

Jedoch: «Insgesamt sind die Schweizer Unternehmen in Sachen Negativzinsen etwas relaxter als erwartet», bilanzierte Axel Lehmann, Präsident des Schweizer UBS-Geschäfts, die Umfrageergebnisse. «Das gibt Spielraum für die Nationalbank.» Zudem liess die UBS verlauten, dass sie mit einer weiteren Senkung der Zinsen rechnet. Auch die befragten Unternehmenschefs gehen davon aus, dass die Negativzinsen noch länger bestehen. 41 Prozent glauben, dass sie erst zwischen 2025 und 2019 verschwinden, während ganze 14 Prozent nicht damit rechnen, dass die Negativzinsen je abgeschafft werden.

Der Umfrage zufolge würden 14 Prozent der Unternehmen bereits Negativzinsen auf liquide Mittel und Spareinlagen zahlen – wobei der Anteil der Betroffenen mit zunehmender Grösse der Firma wächst. Die Reaktion: 20 Prozent der Firmen zwischen 50 und 250 Mitarbeitern ziehen ihr Geld von der Bank ab. Sollten sich die Auswirkungen der Politik auch auf kleinere Kunden auswirken, stünde die SNB weiter unter Druck.

Frankenaufwertung verhindern

Das Ziel der SNB ist es, eine weitere Aufwertung des Franken zu verhindern. Das Halten von Geld in der Schweiz soll teuer werden. Unternehmen sehen dabei insbesondere die Gefahr, dass die Pensionskassenmittel sehr tief verzinst werden. Dadurch könnten die Kassen nicht die Mittel erwirtschaften, um die Rentenansprüche abzudecken.

UBS-Chefökonom Kalt hofft derweil, dass die Weltwirtschaft nicht weiter abrutscht, sondern «durchstartet». In einem US-Wahljahr sei dies sehr wohl möglich. «Dann tut sich für die Nationalbank vielleicht wieder ein Fenster auf, um die Zinsen zu erhöhen – notfalls auch ohne einen gleichzeitigen Schritt der europäischen Währungshüter.» Die letzte solche Gelegenheit, als der Franken bei 1,20 Euro notierte, sei leider verpasst worden, kritisierte er die SNB.

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