Strom, Gas, Heizöl

Energie ist teuer wie nie – das dürfte noch lange so bleiben

SDA/AWP/uri

8.4.2022 - 14:09

Angesichts der hohen Energiepreise kocht man lieber auf kleiner Flamme. 
Bild: Keystone

Bereits jetzt muss man für Strom, Gas und Kohle tief in die Tasche greifen. Dabei erfolgen noch grosse Lieferungen von Öl und Gas aus Russland. Mit dem Fortgang des Kriegs in der Ukraine könnte sich auch das ändern. 

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8.4.2022 - 14:09

Strom, Gas und Kohle sind so teuer wie niemals zuvor. Und sollte das europäische Energie-Embargo gegen Russland von Kohle auch auf Öl und Gas ausgeweitet werden oder Russland selbst die Lieferung stoppen, würde sich die Lage nochmals gravierend zuspitzen.

«Der russische Einmarsch in der Ukraine hat Sorgen über eine Einstellung der Gaslieferungen durch Russland, ein Embargo durch die EU oder physische Schäden an der Gasinfrastruktur in der Ukraine geschürt», sagt Franziska Fischer, Nachhaltigkeitsexpertin bei der Credit Suisse, auf Anfrage der Nachrichtenagentur AWP. Diese haben an den europäischen Energiemärkten zu weiteren massiven Ausschlägen geführt.

Der starke Preisanstieg hatte bereits im Laufe des vergangenen Jahres begonnen, als eine nie dagewesene Rally einsetzte. Für Gas etwa lag der Jahresdurchschnitt der Spot-Preise – für Gaslieferungen am nächsten Tag – am Referenzmarkt TTF bis zum Mai 2021 noch bei 19 Euro die Megawattstunde. Über den Sommer 2021 begann dann ein rasanter Anstieg. Der Jahresdurchschnitt erreichte 2021 unterm Strich knapp 47 Euro. Aktuell liegt der Durchschnittspreis für 2022 bei knapp 100 Euro.

Das wird sich auch so schnell nicht ändern: «Die Preise für europäisches Gas werden in diesem Jahr voraussichtlich hoch bleiben – das heisst höher als 2021, möglicherweise auch über 100 Euro die Megawattstunde», sagt Stefan Graber, Leiter Rohstoff-Strategie bei der CS. Im Risikoszenario eines Liefer- oder Importstopps von russischem Gas nach Europa könnte der Gaspreis auf über 200 Euro steigen.

Energie-Embargo nicht ausgeschlossen

Als Teil neuer Sanktionen haben die EU-Staaten am Donnerstag bereits einem Importstopp für russische Kohle zugestimmt. Es soll allerdings eine Übergangsfrist von vier Monaten geben. Ob es zu einem vollständigen Lieferunterbruch russischer Rohstoffe kommen könnte, weiss heute niemand.

Die meisten Experten halten dies aber für unwahrscheinlich, weil die Kosten für beide Seiten beträchtlich wären. Die wirtschaftlichen Folgen von nochmals massiv höheren Einkaufspreisen auf der europäischen Seite und der fehlenden Einkünfte auf der russischen Seite wären immens, sagt Axpo-Marktanalyst Andy Sommer.

«In unseren Augen wäre eine massive weitere Eskalation des Kriegs notwendig», sagt auch Fischer von der CS. Russland könne sich ein einseitiges Beenden der Gaslieferungen kaum leisten – nicht nur wegen der unmittelbar wegbrechenden Deviseneinnahmen, sondern auch wegen der langfristigen Totalschäden für den lukrativen Industriezweig.

Nichtsdestotrotz bereiten sich die Schweizer Unternehmen auf verschiedene Szenarien vor. Ohnehin spielten in einem Krieg nicht immer ökonomische Überlegungen eine Rolle, gibt Sommer von Axpo zu bedenken. Angesichts dessen liessen sich ein Lieferstopp oder ein Embargo weder von der einen noch von der anderen Seite ausschliessen. Auch Alpiq-Chefin Antje Kanngiesser sagte jüngst in einem Interview mit AWP, sie halte einen Boykott oder Lieferstopp von russischem Öl oder Gas für möglich. «Wir haben gesehen, dass das vermeintlich Unmögliche Realität wurde.»

Sorge bereitet nächster Winter

Dann könnten auch Strom- oder Gasausfälle nicht ausgeschlossen werden, sagt Sommer von Axpo. Gas könne weniger gut substituiert werden als etwa Öl, weil die physische Infrastruktur – sprich die Pipelines – weniger flexibel sei, sagt Fischer von der Credit Suisse. Neben massiven Preissteigerungen würde es bei einem Lieferstopp im kommenden Winter höchstwahrscheinlich auch zu physischen Engpässen kommen.

Gas wird in der Schweiz von Haushalten, von der Industrie, von Dienstleistungen und in der Landwirtschaft zu ähnlichen Teilen für das Heizen benötigt. Rationierungen würden aber wohl zunächst in der Wirtschaft durchgesetzt werden, was unter anderem die Chemiebranche stark treffen würde, sagt Fischer.

Am vergangenen Donnerstag hatte der Chef der Elektrizitätskommission Elcom, Werner Luginbühl, bereits in einem Interview mit der NZZ gesagt, dass es im nächsten Winter bei einem Totalausfall von russischem Gas nicht ohne Rationierungen gehen würde. Derzeit seien die Importe von Flüssiggas (LNG) nach Europa aber weiterhin auf einem relativ hohen Niveau, und auch die Lieferungen via der Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 erfolgten noch regulär, hiess es kürzlich von der Aufsichtsbehörde.

Stromproduktion weniger abhängig

Den Stromunternehmen kommt indes zugute, dass hierzulande so gut wie keine Elektrizität mit Gas erzeugt wird, allenfalls haben die Schweizer Anlagen im Ausland. Der Bündner Energieversorger Repower – als ein Beispiel – betreibt zwar ein Gaskombikraftwerk in Teverola. Da sich dieses jedoch in Italien befindet, komme das benötigte Gas hauptsächlich aus dem Süden (Algerien, Libyen, Transadriatische Pipeline).

Oder die BKW, welche die Region Bern versorgt, erzeugt den überwiegenden Anteil am Strom mit Wasserkraft. Weitere Quellen sind Solaranlagen, Kehrrichtverbrennungsanlagen sowie Biomasse. Mit der eigenen Stromproduktion könne man die Kunden in der Grundversorgung jederzeit versorgen, heisst es.

Auch in den kommenden Jahren dürften die europäischen Gaspreise noch aussergewöhnlich hoch bleiben. Zumindest lassen das die Marktpreise für Lieferungen in den Jahren 2023 und 2024 erwarten. Eine Normalisierung auf Preise von 20 bis 25 Euro je Megawattstunde sei erst für 2025/26 eingepreist, sagt Graber von der CS. «Nachdem es mehrere Jahre dauern dürfte, die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren, scheint diese Einschätzung des Markts durchaus realistisch.»

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