Aufstieg von Hitlers Tarnkappen-Jet 

Philipp Dahm

1.2.2020 - 14:00

Vor 75 Jahren hob die Horten H IX zum Jungfernflug ab. Der Nurflügel-Jet war auf dem Radar schwer zu sehen: Das Flugzeug war seiner Zeit voraus und gilt sozusagen als Grossvater des amerikanischen B-2-Bombers.

Die drei Horten-Brüder sind seit ihrer Kindheit wie besessen von der Fliegerei – und das, obwohl Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg die Flügel gestutzt worden sind. Eine Luftwaffe dürfen die Deutschen nicht mehr haben, doch dafür entwickelt sich das Segelfliegen umso besser.

Die Wasserkuppe im hessischen Mittelgebirge gilt als Wiege dieses Sports: Hier haben die Hortens 1933 bei einem Wettbewerb ihren ersten grossen Auftritt. Wolfram, Jahrgang 1912, Walter, Jahrgang 1913, und Reimar, Jahrgang 1915, reisen aus Bonn zur Wasserkuppe. Einer von ihnen tritt den Weg mit dem Flugzeug an, das Reimar entworfen hat, bevor die Brüder es im elterlichen Wohnzimmer zusammenbauen.

Walter Horten mit einem Flugmodell 1929.
Bild: Sammlung Reimar Horten

Drei Brüder für die Luftwaffe

Auf der Horten H I lernen die drei das Fliegen: Das Nurflügel-Segelflugzeug mit 12,2 Meter Spannweite wird im Flugzeugschlepp nach Hessen gebracht, wo das Flugzeug mit dem Konstruktionspreis von 600 Reichsmark ausgezeichnet wird. Weil das Trio die H I nicht zurückbringen kann, wird ihr erster grosser Wurf vor Ort verschrottet, zwischen 1934 und 1935 entwerfen die Brüder dann den Nachfolger.

Reimar und Walter Horten mit ihrem ersten Segelflugzeug, der H I.
Bild: Sammlung Walter Horten

Das Segelflugzeug H II Habicht bringt den Autodidakten neue Erkenntnisse, sie alle treten 1936 in die im Vorjahr gegründete Luftwaffe ein. Reimer entwirft die H III: Von dem Gleiter werden 13 Exemplare gebaut. Von 1937 bis 1938 entsteht die H V mit Propellern am Heck. Als der Krieg ausbricht, müssen die Hortens an die Front.

Hanna Reitsch, Flugpionierin, aber auch begeisterte Nationalsozialistin, lässt sich 1937 oder 1938 die H III vorführen.
Bild: Sammlung Reimar Horten

Wolfram stirbt 1940 in einer Heinkel He 111 im Kampfeinsatz über Dünkirchen. Walter ist bei der Luftschlacht um England dabei und erzielt hier als Jagdflieger je nach Quelle sieben bis neun Abschüsse. Als sein Kollege Adolf Galland zum General der Jagdflieger befördert und nach Berlin abkommandiert wird, folgt ihm Walter nach. Wahrscheinlich sind es seine Kontakte, die den Horten-Brüdern weiterhin erlauben, Flugzeuge zu konstruieren.

Görings 1000-1000-1000-Vorgabe

Als Junkers 1943 das erste serienreife Strahltriebwerk der Welt auf den Markt bringt, machen sich die Hortens daran, die H IX zu entwerfen. Sie soll Hermann Görings Vorgaben erfüllen: 1'000 Kilogramm Bomben mit 1'000 km/h 1'000 Kilometer weit zu transportieren.

Reimar Horten als Offizier der Luftwaffe.
Bild: Sammlung Reimar Horten

Im Hinterkopf hatte der Oberbefehlshaber der Luftwaffe einen Angriff auf Amerika. Für den Bau von drei Prototypen der auch Ho 229 oder Go 229 genannten Flieger bekommen die Brüder 500'000 Reichsmark, was heute grob geschätzt 1,9 Millionen Franken entspricht.

Von links: Walter und Reimar Horten.

Dabei haben die Hortens viele Hürden zu überwinden, denn die Luftwaffe hat 1944 nur noch wenig am Himmel über Deutschland zu melden. Das «Sonderkommando IX» wird gegründet und in einer Garage bei Göttingen entsteht ein Nurflügel-Flugzeug aus Holz, das mit einer speziellen Schicht aus Russ und Kohle verleimt ist.

Jungfernflüge nahe der Front

Das erste Modell V1 macht am 1. März seinen Jungfernflug – allerdings ohne Maschinen. Der erste Prototyp gleitet noch durch die Luft. Am 2. Februar 1945 hebt die V2 mit Testpilot Erwin Ziller ab. Die V3 wird an die Gothaer Waggonfabrik nach Friedrichroda geliefert, die das Flugzeug produzieren soll. Dort erbeuten es die Amerikaner am 14. April 1945.

Die V2 macht beim Jungfernflug mit Ziller eine harte Landung und kann erst zwei Wochen später wieder aufsteigen. Beim Flug am 18. Februar fällt ein Triebwerk aus. Ziller springt nicht ab, versucht zu landen, stürzt ab, stirbt. Die Hortens, die bereits an dem «Amerikabomber» H XVIII bearbeitet haben, gehen nach dem Krieg nach Argentinien, dort bauen sie wieder Segelflugzeuge.

Reimar stirbt 1994, der Bruder vier Jahre danach in Baden-Baden. Ein Nachbau der H IX durch National-Geographic-Experten konnte später belegen, dass die Flugzeuge eine um 20 Prozent niedrigere Radarsignatur haben. Die H IX mündet nach dem Krieg im Bau der amerikanischen XB-35, der YB-49 und schliesslich im B-2-Tarnkappenbomber. Die Hortens waren ihrer Zeit jedenfalls weit voraus.

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