Diese Frau riecht, wenn jemand Parkinson hat

tafi

12.11.2019 - 18:26

Joy Milne hat eine extrem feine Nase und kann riechen, wenn jemand Parkinson hat.
Screenshot Youtube / BBC News

Jahre bevor die Ärzte bei ihrem Mann Parkinson diagnostizieren, bemerkt die Schottin Joy Milne, dass sich sein Körpergeruch verändert. Ihre feine Nase soll nun helfen, die Krankheit früher zu erkennen.

Sie beschreibt sich als Wesen zwischen Mensch und Hund: Joy Milne hat eine für menschliche Verhältnisse extrem feine Nase. Ihr ausgeprägter Geruchssinn könnte nun helfen, das Leiden vieler Parkinson-Patienten zu lindern. Denn die mittlerweile 69-jährige Schottin kann die Krankheit riechen, wie das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel» in seiner aktuellen Ausgabe und online (kostenpflichtig) in einem ausführlichen Porträt schreibt.

Angefangen hat alles vor mehr als 30 Jahren. Damals bat Joy ihren Mann Leslie, er möge etwas häufiger duschen und sich die Zähne putzen. Sein Körpergeruch hatte sich stark verändert. Was beide zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten: Leslie hatte Parkinson. Die Ärzte diagnostizierten die Krankheit erst Jahre später, wie Milne der BBC schon 2017 berichtete.

Die ehemalige Krankenschwester ist, so schreibt es der «Spiegel», eine Art Star der Parkinson-Forschung, ohne selbst zu forschen. Als bei ihrem Mann Leslie 1994, damals war er 45 Jahre alt, die Diagnose Parkinson gestellt wurde, war sie am Boden zerstört. Nicht nur wegen der Krankheit, sondern weil sie schon zwölf Jahre zuvor davon ahnte. Damals hatte sich sein Geruch verändert, sagte Joy Milne der BBC. Er roch zunächst dezent, dann immer stärker nach Moschus. «Ich wies ihn immer wieder darauf hin, und er wurde ziemlich wütend deswegen», erinnert sie sich.

Krankheit erschnüffelt

Dass die Veränderung des Geruchs und die Krankheit zusammenhingen, bemerkte sie erst viele Jahre später: Beim Besuch einer Selbsthilfegruppe stellte sie fest, dass die Betroffenen ebenfalls den gleichen, unverwechselbaren Geruch ausströmten. Milne fragte den Gruppenleiter Dr. Thilo Kunath, warum Menschen mit Parkinson anders riechen. Der Wissenschaftler von der Universität Edinburgh antwortete ihr, dass Parkinson-Kranke oft ihren Geruchssinn verlieren. Doch «sie stellte klar, dass sie nach dem einzigartigen Körpergeruch fragte, was mich völlig überraschte», erinnerte sich Kunath in der britischen Tageszeitung «The Telegraph».



Erst einige Monate später wurde Dr. Kunath die Tragweite von Joy Milnes Frage bewusst. Sie hatte offenbar einen extrem gut entwickelten Geruchssinn «Ich habe sie aufgespürt und wir haben einen Test gemacht, bei dem sie an zwölf T-Shirts roch – sechs davon wurden von Parkinson-Kranken getragen und sechs von gesunden Menschen», erklärt er. Doch Joy Milne roch bei sieben der T-Shirts die Parkinson-Krankheit: Acht Monate später wurde sie auch bei der siebten Person diagnostiziert.

Ohne es zu wissen, hat Joy Milne bei ihrem Mann zwölf Jahre vor den Ärzten Parkinson diagnostiziert: Sie bemerkte eine Veränderung des Körpergeruchs. 
Screenshot Youtube / BBC News

Nase macht Hoffnung

Milnes Nase sollte sich als Glücksfall für die Forschung herausstellen. An der University of Manchester hat sie mit Chemikern unter Laborbedingungen die für den charakteristischen Geruch zuständigen Moleküle identifiziert: In einer in der Fachzeitschrift der American Chemical Society veröffentlichten Studie wiesen die Forschenden mithilfe von Milne eine eigenen molekulare Geruchssignatur von Parkinson-Patienten nach.



Die Ergebnisse der Arbeit könnte zukünftigen Patienten helfen. Zurzeit arbeiten die Wissenschaftler an einem Schnelltest zur Früherkennung. Das Projekt heisst «NoseTo-Diagnose»: Ärzte wollen mit einer Talgprobe in einer elektronischen Nase eine Duftanalyse vornehmen und Parkinson damit früher als bisher möglich erkennen. Je früher das geschieht, umso besser lassen sich die Symptome behandeln. Die grösste Enttäuschung für Joy Milne, so verriet sie dem «Spiegel», ist, dass die Krankheit immer noch nicht geheilt werden kann.

Vielleicht gehen ihr die Verwandten deshalb auch aus dem Weg: Joys Mann Leslie starb 2015 nach einem 20-jährigen Kampf mit der Krankheit. Ihre Freunde und Familie – darunter drei Söhne in ihren 30ern – wollen sich auf keinen Fall von ihr beschnuppern lassen. «Sie machen quasi einen Bogen um mich», verriet Joy Milne dem «Telegraph». Die Hoffnung aufgeben, dass das Leid von Parkinson-Patienten mithilfe ihrer Nase eines Tages beträchtlich gelindert werden kann, will sie aber nicht. 

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