Klimarat: «Das Schlimmste wird noch kommen»

Von Philipp Dahm

25.6.2021

Eine Sanitaeterin entfernt die an das Bundeshaus geklebte Hand einer Exinction Rebellion-Aktivistin, in Bern, am Dienstag, 22. Juni 2021. Die Aktion von Exinction Rebellion fand anlaesslich eines offenen Briefes an den Bundesrat mit Forderungen nach Klimamassnahmen und als Ankuendigung fuer im Oktober in Zuerich geplante Protestaktionen statt. (KEYSTONE/Anthony Anex)
Berechtigtes Anliegen einer Generation: Eine Sanitäterin entfernt am 22. Juni 2021 die ans Berner Bundeshaus geklebte Hand einer Extinction-Rebellion-Aktivistin.
Bild:: Keystone

Klima nervt. Mein Taxichauffeur meint, das seien alles ganz natürliche Schwankungen. Mega-Hitze, die gerade dem Westen Nordamerikas zurollt, tropische Hitze in Sibirien und ein neuer UNO-Report sprechen klar dagegen.

Von Philipp Dahm

25.6.2021

Es ist so eine Sache mit dem Klima. Der grösste Aufreger scheint heutzutage nicht mehr das sich ändernde Wetter zu sein, sondern dass Schüler und Jugendliche die Strassen versperren, wenn sie für mehr Umweltschutz demonstrieren.

Mir persönlich ist das Thema zuletzt in Form eines Taxifahrers begegnet, der mich in einem Vortrag ungefragt darüber aufklärte, dass es den Klimawandel zwar gebe, dass der aber Teil eines ganz natürlichen Zyklus sei. Die Erde wird halt immer mal wieder kälter und wärmer, wusste er. Ich gebe zu: Ich war zu müde und zu matt, um zu widersprechen.

Es stimmt: Es gibt eine natürliche Klimaschwankung, und seit der letzten kleinen Eiszeit wird es wärmer – geschenkt. Aber wir wissen auch schon lange, dass der derzeitige Anstieg den natürlichen Rahmen übersteigt und dass sich CO2 in der Atmosphäre sammelt. Und auch wenn mein Chauffeur mit dem Argument auftrumpfte, dass Pflanzen CO2 ja dringend zum Leben brauchen: Zu viel ist trotzdem nicht gut.

Üble Hitzewelle rollt auf Amerikas Westküste zu

Zwei aktuelle Meldungen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Welt sind heute zu dem Thema eingetrudelt, die zeigen, wohin unsere Reise geht. Da wäre zum einen die Westküste der USA, die sich von der letzten Trockenheit und den jährlichen kalifornischen Waldbränden kaum erholt hat. Und jetzt warnt der National Weather Service vor einer «rekordbrechenden und gefährlichen Hitzewelle».

Spätestens Anfang nächster Woche soll es im pazifischen Nordwesten richtig heiss werden: Im Zentrum der Welle werden die Temperaturen 22 Grad höher sein als normal, sagen übereinstimmende Prognosen voraus. Für eine Stadt wie Portland, die relativ weit nördlich liegt, werden Temperaturen von sagenhaften 43 Grad prognostiziert.

Sagenhafte 43 Grad prognostiziert: Lage von Portland an der US-Westküste.
Karte:  Google Earth

Die erwartete Hitze ist keine Ausnahme: Der Westen der USA leidet schon lange unter Dürre, auch Kanada ist schwer betroffen – und die Probleme sind eindeutig hausgemacht: «Wir haben einen vom Menschen verursachten Klimawandel, der aus einer moderaten Dürre eine Super-Mega-Dürre macht», erklärt Klima-Experte Stewart Cohen. Schuld seien die Treibhausgase: «Sie machen die Dürre schlimmer, trockener und verschlimmern auch die Hitzewellen.»

Unglaubliche 48 Grad in Sibirien

Auf der anderen Seite der Halbkugel das gleiche Bild: Auch in Sibirien herrscht Hitze. Besonders betroffen ist die Republik Sacha alias Jakutien: In dem Dorf Saskylach, das am Polarkreis liegt, erreichten die Temperaturen Ende letzter Woche 31,9 Grad – der höchste Wert seit 1936.

Jakutien im Norden Russland ächzt unter einer Hitzewelle.
Bild: EU/Copernicus Sentinel-3

In Werchojansk stieg das Quecksilber sogar auf 48 Grad, wie Daten  der Satelliten Copernicus Sentinel-3A und Sentinel-3B zeigen. Die Folgen: Am Dienstag loderten in Jakutien nicht weniger als 64 Waldbrände. Behörden rechnen damit, dass das «abnormal heisse Wetter» noch den gesamten Juni anhält. 

Unglaubliche 48 Grad: Lage von Werchojansk in Russland.

Dasselbe gilt übrigens für die Westküste Amerikas: Auch dort soll die Hitze noch Wochen dauern. Und als wären diese aktuellen Ereignisse nicht schon trocken genug, wird nun auch noch bekannt, dass der «Weltklimarat» IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) in seinem neuesten Bericht ein noch düstereres Bild der Lage in der Zukunft zeichnet.

Die nächste Generation badet es aus

Im IPCC wirken auch Schweizer Experten wie Thomas Stocker mit. Schon vor drei Jahren warnte er: «Der Kohlendioxidgehalt liegt heute um 35 Prozent höher. Dieses Ergebnis der Klimaforschung ist unstrittig und die Auswirkung spüren wir auch durch den heissen Sommer.» Das war 2018.



Der IPCC-Bericht 2021 wird noch drastischer ausfallen, weiss die Nachrichtenagentur AFP, die vorab einen Blick auf einen Entwurf werfen durfte. Die Quintessenz: Kinder, die heute geboren werden, erleben noch bevor sie 30 werden regelmässig, wie durch den Klimawandel Arten aussterben, sich Krankheiten verbreiten, ungeheure Hitze den Planeten quält und Küstenstädte durch steigendes Wasser ums Überleben kämpfen.

«Das Schlimmste wird noch kommen und es wird unsere Kinder und Kindeskinder sehr viel mehr betreffen als unser eigenes Leben», folgern die Forscher. Der Bericht lese sich wie eine 4000 Seiten starke Anklage gegen die Menschheit, schreibt die AFP. Und die armen Länder sind dabei von den Effekten deutlich stärker betroffen als die reichen Nationen, die vornehmlich für jenen Anstieg der Treibhausgase verantwortlich sind.

1,5 Grad wären noch nicht mal ein Erfolg

Dabei gibt es drei Probleme: Erstens verändert sich das Klima schon bei der derzeitigen Erwärmung von geschätzt 1,1 Grad, zweitens sind wir auf dem Weg, statt 1,5 Grad 3 Grad Erwärmung bis 2100 zu erreichen und drittens sind wir jetzt erst dabei, zu verstehen, welche Wechselwirkungen das alles hat und wann der Punkt erreicht ist, an dem das Wetter kippt.

Ein englischsprachiges Erklär-Video zu den tipping points.

Gleichzeitig warnt der Bericht, dass eine Erwärmung über 1,5 Grad hinaus «zunehmend ernstere, Jahrhunderte anhaltende und in einigen Fällen irreversible Konsequenzen» haben wird. Denn: «Schon 1,5 Grad Erwärmung wird die Bedingungen derart ändern, dass es die Fähigkeit vieler Organismen, sich anzupassen, übersteigt.» 

Es bleibt auch fraglich, wie der Verursacher dieser Entwicklung mit derselben fertig wird: «Das Leben auf der Erde kann sich von drastischen Klimaänderungen erholen, indem es neue Spezies oder Ökosysteme hervorbringt», machen die Forscher deutlich. «Menschen können das nicht.»

Immer mehr verstehen, wie wenig man noch weiss

Obwohl die Wissenschaft zunehmend mehr vom Klima versteht, bleiben Ungewissheiten. Das sieht man gut an einer Prognose der ebenfalls zur UNO gehörenden Weltorganisation für Meteorologie: Dass wir die 1,5-Grad-Grenze bereits in fünf Jahren erreichen und nicht erst 2100, trifft mit 40 Prozent Wahrscheinlichkeit zu. Das zeigt wohl, wie kompliziert die Materie ist.

Eisbildung am Nordpol im vergangenen September und März: Die gelbe Linie zeigt die gemittelte Eisgrenze zwischen 1981 und 2010 an.
Bild: Nasa

Das liegt auch an den Kaskaden von Folgeproblemen: Wie wird sich die Wärme in Sibirien auf die Gase auswirken, die im Tundra-Boden gebunden sind? Was passiert, wenn sich südamerikanischer Regenwald in Savanne verwandelt? Wie stark lässt die Wärme das Erdeis wirklich abschmelzen und wie hoch steigt dann das Meer?

Die Zahlen in dem Klimabericht lassen leer schlucken: Schon bei 1,5 Grad werden 350 Millionen Menschen an Orten mit schwerer Dürre leben, bei 2 Grad könnte der Meeresspiegel um bis zu 13 Meter steigen – und die Ernährungslage wird sich deutlich verschlechtern: Millionen drohen Hunger und Armut. Die Kosten des Klimawandels werden immens sein.



Was bedeutet das für die Welt (und für mich)?

Immerhin sagt die IPCC, es sei noch nicht zu spät, das Schlimmste zu verhindern. Doch obwohl das gesellschaftliche Umweltbewusstsein in den letzten Jahrzehnten sichtlich gewachsen ist, sträuben sich immer noch viele, der Realität ins Auge zu sehen.

Der Entwurf des Berichts ist da ganz klar: «Wir brauchen in Prozessen und im Verhalten fundamentale Veränderungen auf allen Ebenen: individuell, gesellschaftlich, wirtschaftlich, institutionell und auf Regierungsebene.» Und: «Wir müssen unsere Lebensweise und unseren Konsum neu definieren.»

Ich sollte hier wohl bei mir selber anfangen: Nächstes Mal nehme ich das Velo, statt so ein Taxi zu fahren.