Infektion mit britischer Mutante könnte deutlich länger dauern

uri mit Material von dpa

23.2.2021

Medizinisches Personal macht einen Schnelltest im durch das Stadtspital Triemli und Waid im Auftrag der Gesundheitsdirektion Zuerich neu eroeffneten Testzentrum auf dem Kasernenareal am Montag, 9. November 2020, in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Medizinisches Personal führt einen Corona-Test im Zürcher Stadtspital Triemli und Waid durch. (Archivbild)
Bild: KEYSTONE

Die Corona-Fallzahlen in der Schweiz gehen zurück, gleichzeitig werden immer mehr Personen geimpft. Zum Spielverderber werden könnte aber die britische Mutante, die womöglich auch eine Verlängerung der  Quarantänedauer nötig macht.

In der Schweiz sind bis vergangenen Freitag 7320 Fälle mit mutierten Coronavirus-Varianten festgestellt worden, das sind 1771 mehr als in der Woche zuvor. Die meisten der Fälle waren keiner der bekannten Mutationen zuzuschreiben, doch 2794 Fälle entfielen auf die britische Variante B.1.1.7. 

Obwohl die Fallzahlen in einigen Kantonen zuletzt gesunken sind, fürchten Experten den rasanten Anstieg der auf B.1.1.7 zurückgehenden Fälle. Die Mutante könnte laut verschiedenen Wissenschaftsmeinungen zwischen 30 und 60 Prozent ansteckender sein als der ursprüngliche Wildtyp des Coronavirus.

Die Datenlage zur Ausbreitung der Variante B.1.1.7 in der Schweiz sei derzeit dürftig, berichtete SRF vergangene Woche. Allerdings würden Stichproben nahelegen, dass zu diesem Zeitpunkt «bereits rund jede vierte Neuinfektion» hierzulande «durch die neue Variante verursacht wird.» Ein Forscherteam der Universität Bern um Christian Althaus schätzte zum 19. Februar, dass rund 45 Prozent der Neuinfektionen in der Schweiz bereits durch die Varianten und hier vor allem durch B.1.1.7 ausgelöst werden. Zudem ist davon auszugehen, dass sich die britische Variante rasch durchsetzt und den ursprünglich dominanten Typ schon bald komplett verdrängt. 

Dänemark erwartet mehr Fälle – und mehr Spitalaufenthalte

Die Schweiz könnte sich damit in einer ähnlichen Situation befinden wie Dänemark, wo ein rasant steigender Anteil der Virus-Variante bei gleichzeitig niedriger Inzidenz registriert wird. Der dänische Gesundheitsminister Magnus Heunicke visualisierte dieses Phänomen kürzlich mit einer Grafik auf Twitter: Darin zu sehen sind die aktuellen R-Werte der britischen Mutante und anderer Varianten des Coronavirus Sars-CoV-2: Für B.1.1.7 lag der Wert in Dänemark demnach bei 1,25, für die anderen bei 0,8.

Das bedeutet, dass  100 mit B.1.1.7 infizierte Menschen im Mittel jeweils 125 weitere anstecken, während 100 mit den anderen Erregern Infizierte nur noch 80 infizieren. Während die Ausbreitung der britischen Variante also beständig zunimmt, geht die der anderen zurück. Der Minister erklärte dazu: «Die Entwicklung von B.1.1.7 verläuft weiter wie erwartet, und die Variante befindet sich in Dänemark wie in anderen Ländern im Wachstum.»

Holten Møller vom nationalen Gesundheitsinstitut SSI prognostizierte dazu, dass man «als Folge der Entwicklung von B.1.1.7 in der kommenden Zeit einen Anstieg der Infektionszahlen» und auch der Spitalaufenthalte sehen werde.

Als Gründe für die höhere Infektiosität der Mutante sehen Forscher eine leichte Veränderung an einer Stelle des sogenannten Spike-Proteins auf der Oberfläche des Virus. Sie macht es dem Virus leichter, in eine menschliche Zelle einzudringen, weshalb es sich auch schneller im Körper ausbreiten kann und womöglich auch eine höhere Viruslast in Rachen und Nase von Infizierten verursachen könnte. Das wiederum würde logischerweise dazu führen, dass man sich bei einer mit B.1.1.7 infizierten Person leichter anstecken kann.

Mit B.1.1.7 fünf Tage länger ansteckend

Laut einer neuen Analyse von Wissenschaftlern aus verschiedene US-Elite-Universitäten könnte es aber noch einen weiteren Grund für die höhere Infektiosität von B.1.1.7 geben, wie der «Spiegel» schreibt. Demnach untersuchten die Wissenschaftler den Krankheitsverlauf von 65 Covid-infizierten Personen, von denen sich wiederum sieben mit der britischen Variante angesteckt hatten, regelmässig mit PCR-Tests. Wie sich zeigt, war die Gruppe der an der britischen Variante erkrankten Personen im Schnitt 13,3 Tage lang ansteckend – und damit rund fünf Tage länger als die anderen Probanden.

Die Forscher betonen, dass ihre Analyse nicht repräsentativ sei, da alle Teilnehmer der Studie in der einen oder anderen Form für die US-Basketball-Profiliga NBA arbeiteten und zudem 90 Prozent männlich waren. Trotzdem lassen die Ergebnisse ihrer Analyse aufhorchen. Wie sich zeigte, wiesen die Proben aller Studienteilnehmer am Höhepunkt ihrer Infektion eine ähnlich grosse Zahl von Viren auf. Das wäre ein Hinweis darauf, dass die britische Variante nicht unbedingt zu einer grösseren Virenlast in Rachen und Nase des Patienten führen muss.

Die Tatsache, dass die an der Mutante B.1.1.7 erkrankten Personen in der Analyse indes so viel länger infektiös waren, wäre eine weitere schlüssige Erklärung dafür, warum die Variante für eine höhere Ansteckungsrate sorgt. Sollte sich dieser Befund weiter erhärten lassen, dürfte er auch direkte Konsequenzen für derzeit geltende Quarantänezeiten haben, mahnen die Wissenschaftler.

So müssen sich etwa in der Schweiz diejenigen, die eine infizierte Person getroffen haben, derzeit für zehn Tage in Quarantäne begeben. Sie können diese zudem noch verkürzen, indem sie sich frühestens am 7. Tag der Quarantäne auf eigene Kosten testen lassen. In Deutschland hingegen wurde eine entsprechende Richtlinie bereits vorsorglich angepasst, schreibt der «Spiegel». Die Zeit der notwendigen häuslichen Quarantäne nach einem Kontakt mit einem Infizierten hat man hier bereits auf 14 Tage angehoben. Man darf gespannt sein, was demnächst zu den Quarantäne-Richtlinien in der Schweiz kommuniziert wird. 

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