Josef Koudelka – Der Chronist der tschechoslowakischen Tragödie

AP

20.8.2018

Als die Panzer des Warschauer Pakts 1968 den Prager Frühling beendeten, machte Josef Koudelka die Fotos seines Lebens. Dafür erhielt er weltweit Anerkennung - später sogar in Russland.

Es ist 50 Jahre her, doch die eindrucksvollen Fotos von Josef Koudelka haben nichts von ihrer Wirkung verloren. Als Soldaten von fünf Warschauer-Pakt-Staaten unter Führung der Sowjetunion am 20. August 1968 eine Stunde vor Mitternacht in der Tschechoslowakei einmarschierten, stand er bereit.

Koudelka riskierte sein Leben, machte in der folgenden Woche Tausende Fotos und hielt darin die schockierende Erfahrung für seine Nation fest - und den mutigen Widerstand seiner Landsleute.

Die Negative wurden ausser Landes geschmuggelt, die Fotos im Westen veröffentlicht. Sie begründeten eine der berühmtesten Dokumentationsserien des 20. Jahrhunderts. Wenn Koudelka auf das Jahr 1968 zurückblickt, weiss er, dass er damals die Chance seines Lebens genutzt hat.

«Die Gelegenheit, so viele Fotos wie möglich zu machen, hat es mir ermöglicht, etwas zu tun, wovon ich niemals geglaubt hätte, dass ich dazu in der Lage gewesen wäre», sagt Koudelka. «Und ich denke, dass auch die Mehrheit der Menschen in der Tschechoslowakei, die mich als Fotograf gekannt haben, nicht gedacht hätten, dass ich so etwas tun würde.»

Tragödie und Wunder

Seine Bilder fingen die Stimmung auf den Strassen Prags ein: den Zorn der Menschen, die Frustration und die massiven Proteste gegen die Soldaten, die mit Panzern anrückten, um den Prager Frühling zu zerstören - jene kurze Periode der liberalen Reformen unter Parteichef Alexander Dubcek, die zu einer Demokratisierung der kommunistischen Tschechoslowakei führen sollten.

«Es war eine Tragödie. Aber es geschahen damals auch Wunder», erinnert sich Koudelka. «Eines der grössten Wunder für mich war - und ist auch bei vielen grossen Ereignissen anderswo geschehen -, dass sich die Menschen über Nacht komplett verändert haben.» Als Reaktion auf den Einmarsch sei die gesamte Nation vereint gewesen. «Egal, wer du warst, es gab nur eine Sache, die zählte: Wir waren alle dagegen.»

Seine symbolstarken Fotos zeigen zum Beispiel einen Mann mit weit geöffnetem Mantel vor einem bewaffneten, auf einem sowjetischen Panzer stehenden Soldaten. Auf einem anderen Bild ist zu sehen, wie ein älterer Mann versucht, mit einem Pflasterstein auf einen Panzer einzuschlagen. «Meine Fotos hielten den Moment fest, in dem wir uns wie eine Nation verhielten», sagt er. «Und das ist nicht allzu oft in unserer Geschichte passiert.»

Unbewaffnete Menschen konnten die Soldaten jedoch nicht stoppen. Das Land wurde wieder Stück für Stück von einer harten, zu Moskau loyalen, kommunistischen Führung übernommen. 20 Jahre blieben die Besatzer, zogen sich erst 1989 nach der Samtenen Revolution zurück, die vom Autor und Regimekritiker Vaclav Havel angeführt wurde.

Anonyme Veröffentlichung

Koudelkas Fotos wurden im Jahr 1969 von den Medien weltweit mit der Kennung «P.P.» veröffentlicht, was für «Prager Photograph» stand. Damit sollte Koudelka vor Verfolgung durch die Kommunisten geschützt werden. Er verliess das Land 1970, um für die Agentur Magnum Photos zu arbeiten. Erst 1984 enthüllte er, dass er der Urheber der Fotos von 1968 war.

Mittlerweile ist Koudelka 80 Jahre alt. Ans Aufhören denkt er nicht. Seine Kamera benutzt er noch immer täglich. In seiner langen Karriere machte er viele grosse Fotos, sie sind in den grossen Museen der Welt zu sehen wie im Centre Pompidou in Paris, dem Museum of Modern Art in New York oder dem J. Paul Getty Museum in Los Angeles.

Doch seine Fotos aus dem Jahr 1968 sind die weltweit bekanntesten. Allein in diesem Jahr sind sie in Ausstellungen in Polen, Belgien und Italien zu sehen. Zudem gibt es die Retrospektive «Returning» im Kunstgewerbemuseum in Prag, die von der Veröffentlichung seines neuen, gleichnamigen Buches begleitet wird.

Sogar in China und Russland wurden Koudelkas Fotos gezeigt. «Ich hätte niemals geglaubt, dass ich in der Lage gewesen wäre, die russischen Panzer nach Moskau zu bringen», sagt er dazu.

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