Wer steckt hier wen an?

Von Gisela Gross, dpa

10.7.2021 - 14:00

Eine Birma-Katze wird am Mittwoch, 1. Maerz 2006, in einer Tierarzt-Praxis in Bremen untersucht. Bei einer toten Katze auf der Insel Ruegen wurde der Virus H5N1 festgestellt, wie das Freidrich-Loeffler-Intitut am Dienstag, 28. Feb. 2006, mitteilte. Es sei seit laengerem aus Asien bekannt, dass Katzen sich mit dem Virus anstecken koennten, wenn sie infizierte Voegel fraessen, erklaerte Instituts-Leiter Thomas Mettenleiter. Achtung Redaktionen: Die fotografierte Katze ist nicht infiziert. (AP Photo/Joerg Sarbach) ---A cat is vet in a veterinary clinic in Bremen, northern Germany, Wednesday, March 1, 2006. The discovery of bird flu in a cat in Germany underscores what scientists have long known: that the deadly H5N1 strain of the virus can infect a wide range of mammals, a spokeswoman for the U.N. health agency said Tuesday Feb. 28, 2006. Eds note: The cat shown on the photo is not infected. (AP Photo/Joerg Sarbach)
Büsi beim Tierarzt: Könnten Katzen neue Corona-Varianten entwickeln, mit denen sie dann den Mensch (re-)infizieren?
Symbolbild: KEYSTONE

Das Coronavirus verbreitet sich ohne Schutz leicht unter Menschen. Aber was macht es bei Tieren? Und wie gross ist die Gefahr, dass gefährlichere Virusvarianten von ihnen zum Menschen zurückkehren?

Von Gisela Gross, dpa

10.7.2021 - 14:00

Corona? Zumindest im Sommer waren die Zahlen lange Zeit gesunken. Doch die Sorge der Wissenschaft gilt nicht nur menschlichen Patienten, sondern auch solchen aus dem Tierreich.

Drohen wir Menschen gefährdete Arten anzustecken? Verbreitet sich das Virus unbemerkt schon unter Mäusen? Kann es in Tieren mutieren und später in gefährlicherer Form wieder zum Menschen zurückkehren?

Spätestens nach der Tötung von Millionen Nerzen aus der dänischen Pelztierzucht 2020 ist klar: Abwegig ist ein solches Szenario nicht. Experten mahnen dringend Vorsichtsmassnahmen an.

epa08803229 Minks that were put down are transported to machines to further process them, at the mink fur farm which consists of 3000 mother minks and their cubs on their farm near Naestved, Denmark, 06 November 2020. The furs are stored in three freezers before selling them, as the minks on their farm are not affected by corona and there have been no corona cases in mink on Zealand and Funen. Mink farms throughout Denmark have been ordered by the government to cull all animals to prevent the spread of a new discovered mutated coronavirus.  EPA/Mads Claus Rasmussen  DENMARK OUT ATTENTION: This Image is part of a PHOTO SET
Getötete Nerze nahe Naestved in Dänemark im Dezember 2020.
EPA

«Leider respektiert dieses Virus Barrieren zwischen Arten nicht so gut wie die meisten anderen Krankheitserreger», sagte der Mikrobiologe und Veterinärmediziner Fabian Leendertz vom deutschen Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin der Deutschen Presse-Agentur.

Mäuse mit neuen Varianten infiziert

Er ist in Ermittlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Corona-Ausbruch in China eingebunden. Ab August ist er Direktor eines Helmholtz-Instituts in Greifswald für One Health, was wörtlich übersetzt bedeutet: eine Gesundheit. Es geht um die Schnittstelle von Mensch, Tier und Umwelt.

Wie der Wissenschaftler sagt, können sich mit den klassischen viralen Atemwegserkrankungen in der Regel höchstens engste Verwandte des Menschen im Tierreich anstecken, etwa Gorillas und Schimpansen. Bei Sars-CoV-2 hingegen seien bereits Übertragungen auf Nerze, Katzen und weitere Tierarten nachgewiesen.

Das Spektrum an empfänglichen Arten sei damit grösser als gewohnt. Und es verbreitert sich offenbar noch weiter: Im Labor konnten Mäuse mit einigen der neuen, als besorgniserregend eingestuften Varianten infiziert werden. Mit dem Virus vom Pandemiebeginn war das nicht möglich gewesen. Es ist denkbar, dass mittlerweile auch weitere Nagetiere infizierbar sind.

Tropen gefährdeter

Trotz dieser Erkenntnisse gilt es als sehr unwahrscheinlich, dass in Wildtieren Ansteckungsketten laufen. Es wird nach Auskunft des Präsidenten des deutschen Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), Thomas Mettenleiter, jedoch bislang nicht gezielt untersucht, auch mangels Anhaltspunkten.

Eine heimische Art wie der Marderhund etwa sei zwar für das Virus empfänglich. «Ich sehe aber zumindest im Moment nicht die Gefahr, dass sich dort ein Reservoir bildet, das dann gefährlich für den Menschen sein kann.»

ARCHIV - 02.07.2020, Mecklenburg-Vorpommern, Riems: Thomas C. Mettenleiter, Leiter des Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems. (zu dpa «Deutscher Tierseuchenexperte leitet UN-Gremium zur Pandemieprävention») Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Jens Büttner)
Der deutsche Virologe und Leiter des Friedrich-Löffler-Institut auf der Insel Riems, Thomas Mettenleiter.
Archivbild: KEYSTONE

Fabian Leendertz' Befürchtungen beziehen sich eher auf die Tropen, und weniger auf unsere Breiten: Dort sei die Gefahr des Entstehens neuer Reservoire wesentlich wahrscheinlicher, weil es mehr und engere Mensch-Tier-Kontakte gebe.

Hygieneregeln in Zoos

Der Zoonosen-Experte warnt vor den Folgen von Ansteckungen für Tiere: «Wir Menschen müssen auch bedenken, dass wir eine Gefahr für ein bedrohtes Wildtier darstellen können. Wir sollten versuchen, möglichst wenig Arten zu infizieren.»

Die Sorge gilt zum Beispiel den Menschenaffen. «So eine garantiert empfängliche Spezies kann für das Virus die Eintrittspforte in den Urwald sein», sagte Leendertz. Verendet ein infiziertes Tier und frisst zum Beispiel ein Leopard vom Aas, könnte sich die Kette der Ansteckungen fortsetzen. Dass Corona für solche Tiere nicht harmlos ist, zeigen unter anderem Zoos, in denen etwa Löwen daran starben. 

epa08506713 A male Western lowland gorilla inside its enclosure at Zoo Atlanta at Grant Park in Atlanta, Georgia, USA, 24 June 2020. Since reopening after a two-month coronavirus COVID-19 pandemic closure, Zoo Atlanta has implemented safety measures to protect guests and zoo workers. Safety measures include pre-purchased timed entry tickets, greatly reduced guest capacity, one-way paths, hand sanitizer stations and all employees wearing masks. Zoo officials report that guests have responded positively to the socially distanced changes.  EPA/ERIK S. LESSER
Nicht mal im Zoo sicher: ein Gorilla am 24. Juni 2021 im Zoo von Atlanta.
EPA

Im Berliner Zoo gelten beispielsweise seit 2020 insbesondere bei Raubtieren und Primaten Hygiene- und Verhaltensregeln. Wenn möglich komme es nicht zu direktem Kontakt zwischen Pflegerinnen und Pflegern und Tieren, zudem herrsche Maskenpflicht in Anlagen und bei der Futter-Zubereitung, hiess es.

Entwarnung für Haustiere

Auch Menschen, die in Beruf oder Freizeit mit Wildtieren in Kontakt kommen, sollten vorsichtig sein, mahnt Mettenleiter: Wer etwa Fledermäuse einfängt, vermisst, beringt oder besendert, sollte demnach zum Beispiel mindestens eine Schutzmaske tragen.

«Auch infektiöse Abfälle sollte man als mögliches Risiko im Blick behalten», gibt Leendertz mit Blick auf Mäuse, Ratten oder Waschbären zu bedenken, die aus Mülltonnen fressen. «Dass sich eine Art so infiziert, ist zwar unwahrscheinlich, aber auch nicht unmöglich.»

Entwarnung geben Fachleute in Hinblick auf Haustiere. Zwar zeigen Untersuchungen, dass sich vor allem Katzen recht oft bei ihren Haltern mit Corona anstecken. Aber sie erkranken nicht schwer und sind für das Virus, auch mangels Kontakten zu einer grossen Zahl anderer Tiere, wohl eher eine Sackgasse

HANDOUT - Pro Natura hat die Europaeische Wildkatze (Felis silvestris) am Freitag, 3. Januar 2020 zum Tier des Jahres 2020 erkoren. Einst war die elegante Jaegerin der Ausrottung nahe. Heute breitet sich die Wildkatze wieder aus. Ganz gerettet ist die Art aber noch nicht. Der lateinische Name der Wildkatze bedeutet ''Waldkatze''. Stille Waelder mit vielfaeltigen Strukturen sind der urspruengliche Lebensraum der Wildkatze. Im Wald und in angrenzenden Wiesen jagt sie Maeuse, verschlaeft manche Stunde im sicheren Versteck und bringt in einem trockenen Unterschlupf ihre Jungen zur Welt. (PRO NATURA/Fabrice Cahez) *** NO SALES, DARF NUR MIT VOLLSTAENDIGER QUELLENANGABE VERWENDET WERDEN ***
Europäische Wildkatze mit Maus: Hauskatzen stecken sich eher beim Halter an als in der Natur.
Archivbild: KEYSTONE

Tier-Pelzfarmen als Brennpunkte

«Es ist eindeutig, dass diese Tiere den Erreger vom Menschen aufschnappen und weiter offenbar epidemiologisch keine Bedeutung haben», sagte Mettenleiter. Die bisherigen Corona-Meldungen von Haustieren – in Deutschland waren es laut FLI bundesweit neun – verblassen angesichts der Fallhäufung in der Pelztierzucht.

Die grösste Zahl an bislang nachgewiesenen Fällen bei Tieren in Europa dürfte es auf solchen Farmen gegeben haben: Laut Deutschem Tierschutzbund sind in EU-Staaten bis Mitte Mai Ausbrüche auf mehr als 400 Nerzfarmen bekannt geworden, mit Millionen betroffenen Tieren.

Die Tierschützer fordern ein Ende der Pelztierhaltung – global. Hintergrund sind auch Befürchtungen von Experten wie dem Virologen Christian Drosten, dass Sars-CoV-2 auf diesem Weg den Sprung aus Fledermäusen auf den Menschen geschafft haben könnte.

Niederlande: Nerze steckten Büsis an

Bei Ausbrüchen in Europa ist beobachtet worden, dass Sars-CoV-2 nicht auf die Ställe begrenzt blieb: Als Grund für die Keulung der dänischen Nerze hatte die dortige Regierung angegeben, das Virus sei in den Tieren mutiert und auf Menschen übertragen worden.

Brennpunkt: Zwei Nerze schauen aus ihren Käfigen auf einer Pelzfarm.
Archivbild: dpa

Eine Studie zu niederländischen Nerzfarmen wies Fälle auch bei Katzen nach, die auf Höfen lebten oder herumstreunten. Die grosse Zahl an Tieren auf kleinerem Raum als es in der Natur üblich wäre, ermöglichen dem Virus, einmal eingeschleppt, auch eine grosse Zahl an Ansteckungen und eine Anpassung.

Für Fachleute bedenklich: «Zumal wir wissen, dass das Virus in einem neuen Wirt einem anderen Immundruck ausgesetzt ist und sich dann eher neuen Quatsch ausdenkt – also mutiert. Das kann dann zum Problem werden für unsere Impfstoffe», sagte Leendertz.

Impfungen für Tiere?

Dass bereits die aufgekommenen besorgniserregenden Corona-Varianten von Tieren zurück zum Menschen gekommen sind, sei schwer komplett auszuschliessen. «Die Situation auf Pelztierfarmen ist besonders: Nerze sind sehr anfällig für die Infektion», sagte auch Mettenleiter.

Ausbrüche auf solchen Farmen fielen auch durch erkrankte Tiere auf und nicht etwa nur rückwirkend durch epidemiologische Untersuchungen. «An dem Thema muss man sicherlich dranbleiben.» Während mehrere Länder bereits das Ende der Nerzhaltung angekündigt hätten, setzten andere auf Impfungen des betreuenden Personals.

Teils seien auch schon Tier-Impfstoffe im Einsatz, so Mettenleiter. Im Frühjahr hatte Russland nach eigenen Angaben als erstes Land weltweit einen Corona-Impfstoff für Tiere zugelassen. In Europa sind solche Impfungen bislang aber kein Thema: Bei Rindern und Schweinen etwa gilt das Corona-Risiko als sehr gering.

Von Gisela Gross, dpa