Putin lässt seine «beispiellose» Nuklearrakete wieder fliegen

Philipp Dahm

26.10.2020 - 18:30

Ausdauernd dank Nuklearantrieb: Abschuss einer Burewestnik in Russland am 19. Juli 2018.
Bild: Kreml

Russland kann offenbar die Arbeit am Marschflugkörper Burewestnik wieder aufnehmen: Die von der NATO Skyfall genannte Rakete ist mit einem Nuklearreaktor bestückt und daher ziemlich ausdauernd.

Russland bereitet offenbar neue Tests der 9M730-Burewestnik vor – auch wenn die USA Moskau darauf drängen, Abstand von dem Projekt zu nehmen. Dabei sind es die Amerikaner selbst gewesen, die den Kreml überhaupt auf die Idee einer solchen Kernwaffe gebracht haben.

Aber der Reihe nach: In den 50ern dachte das Pentagon darüber nach, wie man Bomber mit einem Nuklearantrieb ausstatten könnte. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Maschinen müssten nicht mehr auftanken, um weit entfernte Ziele zu erreichen.

Doch das Projekt WS-125 erwies sich als Totgeburt: Zum einen waren die Reaktoren damals viel zu schwer – und zum anderen stellte die Abschirmung der Piloten vor der tödlichen Strahlung die Ingenieure vor ein unlösbares Problem.

Slam! Eine Rakete wie keine andere

Doch die Forschung eröffnete der Idee eine neue Perspektive: In einem unbemannten Marschflugkörper eingebaut würde der Nuklearantrieb funktionieren, ohne das Personal zu gefährden. Der Startschuss für die entsprechende «Operation Pluto» fiel 1957: Der Flugzeugbauer Vought, der auch die legendäre Corsair entwickelt hatte, bekam den Auftrag zur Entwicklung der Slam-Rakete.

Zu gross für US-Bomber: Die Experimentalreaktoren HTRE-2 und HTRE-3 im Idaho National Laboratory nahe der US-Stadt Arco.
Bild: WikiCommons/Wtshymanski

Slam steht für Supersonic Low-Altitude Missile – auch wenn das Akronym auch für «Slow, low and messy» stehen könnte, wie es der YouTube-Kanal «Dark Docs» ausdrückt. Der Grund: Pluto Slam ist eine grausame Weltuntergangswaffe. Sie wäre mit Mach 3 in Baumwipfelhöhe geflogen und unter dem Radar kaum abzufangen gewesen. Sie sollte 16 thermonukleare Gefechtsköpfe, also Wasserstoffbomben, mit sich tragen.

Model der Rakete im Windkanal-Test.
Bild: Gemeinfrei

Die Waffe hätte allein schon im Anflug katastrophale Folgen gehabt: Sie hätte Druckwellen verursacht, deren 162 Dezibel sowohl Fensterscheiben als auch Trommelfelle zerstört hätten: Ab 120 Dezibel droht das menschliche Ohr zu platzen. Das Gebiet, das die Rakete überflogen hätte, wäre wie auch die Luft schwach radioaktiv versucht worden.

Eine Waffe entpuppt sich als zu gefährlich

Die bis zu 200 Ingenieure meisterten bei der Entwicklung einige Hürden: Das Triebwerk widerstand Temperaturen von 1600 Grad und es wurde auch Material gefunden, das der Oberflächentemperatur von über 500 Grad standhielt. Das Pentagon baute im Rahmen des Projekts das erste nukleare Strahltriebwerk der Welt.

Das erste Nukleartriebwerk (Engl.: ramjet) der Welt, Tory II-A, auf einem Eisenbahnwagen auf dem Testgelände in Nevada 1961.
Bild: Gemeinfrei

Doch mit Pluto tauchten auch neue Probleme auf: Der Marschflugkörper hätte befreundete Länder überfliegen müssen, um die Sowjetunion zu erreichen. Und was wäre passiert, wenn die Rakete auf dem Weg abgestürzt wäre oder ein Objekt getroffen hätte?

Nicht zuletzt dämmerte den US-Militärs, dass die Gegenseite nachrüsten würde – und die Zerstörungskraft der Waffe eine zu grosse Gefahr darstellt. Das Projekt wurde 1964 eingestellt, nachdem das Pentagon neue, schnellere Bomber und Interkontinentalraketen entwickelt hatte.

Russland greift die Idee wieder auf – mit tödlichen Folgen

Knapp 50 Jahre später wurde das Projekt wieder aufgegriffen – allerdings von der Gegenseite: 2011 begann Russland mit der Erforschung eines neuen Slam-Marschflugkörpers und begann 2016 mit den ersten Versuchen. Bis zum letzten Jahr sollten mindestens 13 Tests erfolgt sein, von denen zwei zum Teil erfolgreich waren. Zweimal kam es dabei auch zu Zwischenfällen.

Im September 2017 wurde offenbar zwischen dem Ural und der Wolga radioaktives Ruthenium freigesetzt, während ein Zwischenfall am 8. August 2019 sieben Menschenleben forderte: Beim Marine-Testgelände in Njonoska im Weissen Meer führten ein oder zwei Explosionen zu einer nuklearen Kettenreaktion – möglicherweise bei der Bergung einer 2018 abgestürzten Skyfall-Rakete.

Präsident Wladimir Putin klärte die Öffentlichkeit erstmals am 1. März 2018 über die Existenz des Projekts auf: In einem Online-Wettbewerb des Kremls entschieden sich die User in einer Abstimmung für den Namen Burewestnik, zu Deutsch Sturmvogel. Der zweite zum Teil erfolgreiche Test wurde nach Angaben Russlands im Januar 2019 durchgeführt.

Testgelände wieder in Schuss

Dass es sich bei dem tödlichen Zwischenfall im August 2019 um eine Burewestnik-Explosion gehandelt hat, hat Wladimir Putin selbst angedeutet, als er den Witwen der sieben Opfer posthum die Tapferkeitsmedaille für ihre Männer übergab. Jene starben beim Test der «fortschrittlichsten», einer «beispiellosen» Waffe, so der Präsident, die «Russlands Souveränität und Sicherheit für Jahrzehnte garantiert».

Das Testgelände im russischen Pankowa im September 2018.
Bild: Middelbury Institute of International Studies in Monterey

Nun wurde bekannt, dass die Schäden am Testgelände behoben sind und die Tests des Marschflugkörpers wiederaufgenommen werden können. Das geht aus Satellitenbildern hervor, die die Experten Michael Duitsman und Jeffrey Lewis ausgewertet haben. Eine Nachricht, die dem Pentagon Kopfzerbrechen bereiten dürfte.

Im September 2020 ist eine neue Abschussvorrichtung zu sehen.
Bild:  Middelbury Institute of International Studies in Monterey

Russland feierte zuletzt auch Erfolge mit seiner Hyperschallrakete Zirkon, die angeblich achtfache Schallgeschwindigkeit erreicht. Interessanterweise reicht Moskau Washington jedoch die Hand: Putin hat den USA gerade angeboten, Inspektionen in Kaliningrad durchzuführen.

Der russische Präsident will die nukleare Aufrüstung vertraglich begrenzen, nachdem Donald Trump aus dem INF-Vertrag ausgestiegen ist, der die Produktion atomarer Mittelstreckenraketen eingedämmt hatte.

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