Beim russischen Impfstoff bestehen weiterhin viele Ungereimtheiten

uri

9.2.2021

epa08863907 A Russian medic holds Russia's vaccine against COVID-19 disease at a policlinic in Moscow, Russia, 05 December 2020. On 05 December, Moscow began a program for mass vaccination against COVID-19 disease, caused by SARS-CoV-2 coronavirus, using the Sputnik V vaccine. EPA/MAXIM SHIPENKOV
Medizinisches Personal hält eine Ampulle mit dem russischen Corona-Impfstoff Sputnik V in die Kamera. (Symbolbild)
Bild: Keystone

Seit dem russischen Corona-Impfstoff in einem westlichen Fachmagazin eine hohe Wirksamkeit attestiert wurde, steigt auch in Europa das Interesse an Sputnik V. Forscher sehen jedoch weiterhin Ungereimtheiten. 

Russlands Corona-Impfstoff Sputnik V ist heiss begehrt. Nach offiziellen Angaben wurde er bereits in mehr als 15 Ländern registriert, darunter Weissrussland, Armenien, Turkmenistan, Argentinien, Bolivien, Venezuela, afrikanische Länder und Serbien, der Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Erst am Montag liess Ungarn als erstes EU-Land den Impfstoff zu. Und zuletzt zeigte sich selbst die nüchterne deutsche Kanzlerin Angela Merkel offen für eine Verwendung des Vakzins, allerdings unter der Voraussetzung, dass der zuständigen EU-Behörde EMA die notwendigen Daten vorlägen. Ihr Gesundheitsminister Jens Spahn erklärte sogleich, er könne sich sogar eine Produktion von Sputnik V in Deutschland vorstellen.

Für die Schweiz war Sputnik V bislang keine Option. Bundesrat Alain Berset sagte noch in der vergangenen Woche vor Medienvertretern, seines Wissens sei der russische Impfstoff «nie in der engeren Auswahl des Bundes» gewesen. Nora Kronig, Vizedirektorin des Bundesamts für Gesundheit, ergänzte, man habe von Anfang an «eine andere Strategie verfolgt», doch man unterhalte auch mit Russland «pragmatische Beziehungen».



Seitdem das renommierte Fachmagazin «The Lancet» Anfang der Woche die Ergebnisse einer fortgeschrittenen Phase-III-Studie publizierte, die Sputnik V eine rund 91-prozentige Wirksamkeit attestiert, wird aber auch in der Schweiz der Ruf lauter, dass das russische Vakzin auf den Einkaufszettel der Behörden gehört.

«In Europa und in der Schweiz wohl zu Unrecht ignoriert»

GLP-Vizepräsident und Nationalrat Martin Bäumle etwa meinte in der «Aargauer Zeitung», «die Schweiz hätte den Sputnik-Impfstoff bereits bestellen und beschaffen sollen». Das gelte allerdings unter der Einschränkung, dass die russischen Hersteller gegenüber der Zulassungsbehörde volle Transparenz herstellen würden. «Könnte das sichergestellt werden, spricht nichts gegen den Sputnik-Impfstoff», so Bäumle.

Auch Manfred Kopf, ETH-Immunologe in der wissenschaftlichen Covid-Taskforce des Bundes, wendet im Gespräch mit «20 Minuten» ein, der russische Impfstoff werde «in Europa und in der Schweiz wohl zu Unrecht ignoriert». Seiner Meinung nach habe das bislang wohl vor allem daran gelegen, «dass bis vor Kurzem wissenschaftlich geprüfte Publikationen einer Wirksamkeitsstudie fehlten und die Forschung entsprechend kritisch war».

Wie Kopf weiter erklärte, hätten die Russen grosse Erfahrung mit adenovirusbasierten Impfstoffen, zu denen etwa auch das britisch-schwedische Vakzin von Astrazeneca gehöre. Er findet: «Man hätte zu diesem Zeitpunkt dem britischen und russischen Impfstoff zumindest dieselben Chancen einräumen müssen.» Schliesslich habe der Bund im Oktober 5,3 Millionen Impfdosen bei Astrazeneca bestellt.

Kopf vermutet bei der Schweizer Impfstoff-Beschaffung auch geopolitische Überlegungen. Dass nun etwa die ungarische Regierung auf den russischen Impfstoff setze, zeige, «dass Viktor Orban weniger Berührungsängste» habe. Ähnlich sieht das auch der Berner Infektiologe Christoph Aebi. Er sagte dem «Tages-Anzeiger» hinsichtlich des russischen Impfstoffs: «Es würde sich auch für die Schweiz lohnen, diesen ohne politische Scheuklappen anzuschauen.»

Experte bleibt skeptisch

Obwohl Sputnik V nach dem «Lancet»-Beitrag in die Liga der weltweit wirkungsvollsten Corona-Impfstoffen gehören würde, gibt es aber nach wie vor gute Gründe, skeptisch zu sein, wie der «Spiegel» berichtet.

Der Molekularbiologe Enrico Bucci, der das Institut für wissenschaftliche Integrität Resis mitbegründete, hatte die Datenlage um den russischen Impfstoff gemeinsam mit rund 40 weiteren Experten bereits im vergangenen September bemängelt. Damals waren den Fachleuten vor allem merkwürdige Doppelungen in den Diagrammen der Publikation aufgefallen.



Auch ein halbes Jahr später sind Buccis Zweifel nicht ausgeräumt. «Der Beschluss der russischen Regierung, den Impfstoff vor der Phase III verfügbar zu machen, ist weiterhin inakzeptabel», sagte er dem «Spiegel». Er kritisiere dabei keineswegs die komplette biomedizinische Wissenschaft in Russland, so Bucci, sondern nur diesen «einmaligen Vorgang» rund um den Impfstoff.

Problematisch bleiben laut dem italienischen Forscher, der an der Temple University in Philadelphia lehrt, noch weitere sechs Punkte rund um den russischen Impfstoff:

Sechs Kritikpunkte zur Studie

- So hätten die Forscher von Resi weder vom Gamaleja-Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau als auch von «The Lancet» Zugang zu den Rohdaten rund um die Impfstoff-Entwicklung bekommen. Dieses Verhalten sei geradezu «empörend», erklärte der Wissenschaftler.

- Nach Impfungen mit Sputnik V seien bislang vier Todesfälle gemeldet worden, wobei genauere Angaben zu den Todesumständen nur für zwei Personen vorliegen würden.

- Die Zahl der Studienteilnehmer im «Lancet»-Artikel würde variieren. So werde an einer Stelle von 21'977 Studienteilnehmern gesprochen, an einer anderen hingegen von 21'862 Teilnehmern.

- Auch bei der Berechnung der Wirksamkeit gebe es Unklarheiten: So hätten 15 Prozent der Probanden in der Placebogruppe am 42. Tag Antikörper auf das Coronavirus gebildet, sich also mit dem Coronavirus angesteckt. Diese Personen hätten sich wahrscheinlich während der Studie infiziert und womöglich einen asymptomatischen Covid-19-Verlauf gehabt. Es bleibe indes unklar, wie diese Personen in der Studie überhaupt erfasst worden seien.



- Eine weitere Unstimmigkeit in Form eines Zahlendrehers gebe es im «Lancet»-Bericht bei den Probanden, die sich trotz einer Impfung mit Sputnik V mit dem Coronavirus infiziert hätten. An einer Stelle heisse es, nach 21 Tagen hätten sich nur 16 von den 15'000 Teilnehmern angesteckt, wohingegen an anderer Stelle für dieselbe Gruppe plötzlich von 61 Covid-Fällen an Tag 20 die Rede sei.

- Ebenfalls bleibe ungeklärt, warum die Zahl der Probanden in der «Impfgruppe» im Abschlussbericht bedeutend niedriger ausfalle als noch in den Zwischenstudien.

Aufgrund der Widersprüche und Zahlendreher hält Bucci im Gespräch mit dem «Spiegel» eine seriöse Aussage zur Wirksamkeit von Sputnik V für nicht gegeben. Er meint zwar, dass auch die unklaren Todesfälle wahrscheinlich aufgeklärt werden könnten und dass der Impfstoff «eine wertvolle Ergänzung auch für Europa sein» könne. Die Voraussetzung dafür sei aber, dass «die Daten endlich zugänglich und vollständig sein» müssten.

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