Steigende Meeresspiegel

Schwimmende Städte als Rettungsinseln

Von Gabriela Beck

25.6.2022

Malediven
Die 5'000 Einheiten der schwimmenden Stadt auf den Malediven sind ähnlich einer Gehirnkoralle angelegt und bieten rund 20'000 Menschen ab Anfang 2024 ein zukunftsfähiges Zuhause auf dem Wasser.
Waterstudio/Dutch Docklands Maldives

Im Zuge des Klimawandels bedrohen steigende Meeresspiegel weltweit Millionen Menschen. Sind Schwimmende Städte die Lösung? Auf den Malediven entsteht gerade eine für 20'000 Bewohner.

Von Gabriela Beck

25.6.2022

Im Jahr 2050 werden laut Prognosen der UNO 90 Prozent der grössten Städte mit Überflutung zu kämpfen haben. Von den 34 heutigen Megacitys mit jeweils mehr als zehn Millionen Einwohnern befinden sich 21 an den Küsten der Weltmeere. Inselstaaten mit geringer Höhe über dem Meeresspiegel wie die Malediven oder Tuvalu sind unmittelbar vom steigenden Meeresspiegel betroffen.

Architekten entwickeln nun verstärkt Pläne, die Stadt neu zu erfinden und auf das Wasser auszuweichen. Sogar die Vereinten Nationen können sich schwimmende Metropolen vorstellen. UN-Habitat, das Wohn- und Siedlungsprogramm der UN, hat bereits 2019 eine Expertenrunde zu dem Thema einberufen.

Zuhause auf dem Wasser für 20'000 Menschen

Gerade entsteht eine schwimmende Stadt, gross genug für 20'000 Menschen, nur zehn Bootsminuten von Male entfernt, der Hauptstadt der Malediven. Die ersten Einheiten werden voraussichtlich diesen Monat fertiggestellt, die Bewohner beginnen Anfang 2024 mit dem Einzug. Die gesamte Stadt soll bis 2027 bezugsfertig sein, zu Preisen beginnend bei 145'000 Schweizer Franken für ein Studio oder 240'000 Schweizer Franken für ein Einfamilienhaus.

Malediven
Autark wird die schwimmende Stadt durch vor Ort erzeugte Solarenergie und Tiefseekühlung. Das Abwasser wird vor Ort behandelt und als Dünger für Pflanzen verwendet.
Waterstudio/Dutch Docklands Maldives

Die modularen Einheiten werden in einer örtlichen Werft gebaut, in der schwimmenden Stadt an ihre Position gebracht und an einem grossen Unterwasserbetonrumpf befestigt, der mit dem Meeresboden verschraubt ist und sanft mit den Wellen schwingt. Korallenriffe, die die Stadt umgeben, bilden einen natürlichen Wellenbrecher und verhindern, dass die Einwohner aufgrund heftiger Schwankungen seekrank werden.

Potenzielle Umweltauswirkungen der Struktur wurden von örtlichen Korallenexperten bewertet. Um den Artenreichtum im Meer zu unterstützen, sind künstliche Korallenbänke aus Glasschaum mit der Unterseite der Stadt verbunden, die dazu beitragen sollen, das natürliche Wachstum von Korallen zu stimulieren.

Kein Experiment, sondern praktische Lösung

Das Projekt – ein Joint Venture zwischen dem Immobilienentwickler Dutch Docklands und der Regierung der Malediven – ist nicht als Experiment oder futuristische Architekturvision gedacht: Es wird als praktische Lösung für die harte Realität des steigenden Meeresspiegels gebaut.

Als «neue Hoffnung» für die mehr als eine halbe Million Menschen auf den Malediven bezeichnet Koen Olthuis, Gründer des verantwortlichen Architekturbüros Waterstudio.NL, das Projekt. «Es kann beweisen, dass es bezahlbaren Wohnraum und normale Städte auf dem Wasser geben kann, die auch sicher sind, sagte er zu CNN. «Die Malediven werden von Klimaflüchtlingen zu Klimainnovatoren.»

Das Fussballstadion leasen wie ein Auto

Nach Ansicht des niederländischen Aqua-Architekten müsse die Weltgemeinschaft Wasser als neuen Baugrund begreifen, der anders funktioniert als das Land. Olthuis sieht die Vorteile maritimer Stadtteile – neben ihrer Anpassungsfähigkeit an steigende Meeresspiegel – in einer dynamischeren und effizienteren Urbanität. Schwimmende Gebäude könnten verschoben und temporär dorthin gebracht werden, wo sie am besten zu nutzen sind. «Eine Stadt könnte zum Beispiel ein Fussballstadion leasen. Warum sollte man viel Geld für den Bau ausgeben? Besser, man mietet es – wie ein Auto», sagt Olthuis.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat Waterstudio mehr als 300 schwimmende Häuser, Büros, Schulen und Gesundheitszentren auf der ganzen Welt entworfen. Der Klimawandel sei zu einem «Katalysator» geworden, der die schwimmende Architektur zum Mainstream treibe, resümiert Olthuis

Oceanix City als abfallfreies Kreislaufsystem

Auch andere Pläne für schwimmende Städte wurden auf den Weg gebracht, etwa Oceanix City in Busan, Südkorea. Der Bau des ersten Prototyps soll bereits 2023 beginnen. Wie die schwimmende Stadt bei Male ist Oceanix City als abfallfreies Kreislaufsystem konzipiert, das seine Bewohner mit Energie, Trinkwasser und Nahrung versorgen kann.

Oceanix City
In Oceanix City ist kein Gebäude höher als sieben Stockwerke. Dadurch bleibt der Schwerpunkt der Inseln niedrig und die Konstruktion hält auch Stürmen stand.
OCEANIX / BIG Bjarke Ingels Group

«Wir können uns Lebensräume auf dem Wasser erschliessen, ohne Meeresökosysteme zu zerstören», sagt Marc Collins Chen, Chef des Unternehmens Oceanix. «Die Technik dazu ist vorhanden.» Er verankert das Potenzial des Projekts vor allem in der Erweiterung bestehender Küstenstädte. Wobei schwimmende Siedlungen in Küstennähe grosser Städte nicht unbedingt autark zu sein brauchen.

Oceanix City
Die Unterseiten der Oceanix-City-Module sind als künstliches Riff gestaltet, an dem sich Seegras, Muscheln und Austern ansiedeln können. Die Organismen säubern das Wasser und unterstützen so die Regeneration des Ökosystems.
OCEANIX / BIG Bjarke Ingels Group

Grosse Metropolen auf dem Meer müssten sich allerdings zwingend selbst versorgen können, mit einem eigenen Kreislaufsystem für Strom, Wasser, Abwasser und Müll. Als brauchbare Standorte solcher Strukturen hat das Seasteading Institute in Kalifornien Unterwassergebirge ausgemacht, denn eine Wassertiefe von nicht mehr als 250 Metern erleichtere die Verankerung am Meeresboden.

Eine Stadt wie eine Seeschlange

Einen anderen Ansatz verfolgt Bauingenieur Gianluca Santosuosso. In Teamarbeit mit LESS, dem Laboratory for Eco Sustainable Systems, hat er Hypercay entwickelt, eine im Meer treibende Siedlung, die sich selbst versorgt. Dank seiner beweglichen Wirbelkonstruktion kann sich das Objekt den wechselnden Strömungsverhältnissen natürlich anpassen. 

Hypercay
Sollte es nötig sein, erzeugen hydraulische Hubkolben genug Antriebskraft, um Hypercay wie eine Seeschlange durch enge Passagen, in Häfen oder Buchten navigieren zu können.
LESS / Gianluca_Sontsuosso

Patrick Verkooijen, CEO von GCA, einer Organisation, die sich auf die Skalierung von Lösungen zur Anpassung an den Klimawandel konzentriert, sieht schwimmende Architektur als praktische und wirtschaftlich intelligente Lösung für den steigenden Meeresspiegel. «Die Kosten, sich nicht an diese Hochwasserrisiken anzupassen, sind ausserordentlich», sagte er zu CNN.

Laut Rückversicherer Swiss Re haben Überschwemmungen im vergangenen Jahr die Weltwirtschaft mehr als 79 Milliarden Franken gekostet. Und da der Klimawandel extremere Wetterbedingungen auslöst, werden die Kosten voraussichtlich steigen, wie ein Bericht des World Resources Institute prognostiziert. Demnach wird bis 2030 städtisches Eigentum im Wert von mehr als 673 Milliarden Franken jährlich von Küsten- und Flussüberschwemmungen betroffen sein.

Welche Nationalität haben die Bewohner?

Bleibt das Problem der völkerrechtlichen Zuordnung. Denn der Staatsbegriff bezieht sich auf das Festland und die Küsten. Das schliesst zwar alle Inseln mit ein, jedoch keine freischwimmenden Konstruktionen. Aber ist eine am Meeresboden verankerte Siedlung, die wie Oceanix City an einen anderen Ort verbracht werden kann, nun eine Insel, oder muss sie als mobiles Objekt betrachtet werden?

Und was passiert mit der Nationalität ihrer Bewohner bei einem Standortwechsel? Auf Schiffen in internationalen Gewässern gilt die Rechtsprechung des Landes, unter dessen Flagge sie fahren. Müsste eine freischwimmende Stadt wie ein Schiff behandelt werden? Unter welcher Flagge wäre sie dann unterwegs?

Am Seasteading Institute träumt man schon von politisch autonomen Siedlungen auf See. Das Konzept des Nationalstaats, das Staatlichkeit, Territorium und Volk als untrennbare Elemente sieht, hat in diesen Visionen ausgedient.