Neandertaler sahen viel besser aus als bisher angenommen

tsch

2.11.2018

Neandertaler stellte man sich bisher eher grobschlächtig vor. Eine neue Studie beweist: Sie liefen nicht so gebeugt wie angenommen (Archivbild)
SDA

Dumm dreinschauende, ungelenke Höhlenbewohner: So lautet nicht selten das Bild, das wir uns von den Neandertalern machen. Eine Studie zeigt nun, dass Körper und Haltung wohl anders aussahen, als angenommen.

Unförmige, gebeugte Körper: Dieses aus Museen und Büchern bekannte Bild der Neandertaler könnte laut einer aktuellen Studie der Zeitschrift «Nature Communications» überholt sein. Bei der ersten virtuellen 3D-Rekonstruktion eines Neandertaler-Rippenkorbes zeigte sich, dass sie eine gradlinigere Wirbelsäule und eine grössere Lungenkapazität besassen als der moderne Mensch.

«Neandertaler sind eng mit uns verwandt und besassen komplexe kulturelle Anpassungen ähnlich denen des modernen Menschen, aber ihre Physis unterscheidet sich in wichtigen Punkten von uns», sagt Patricia Kramer, Studienautorin und Professorin am Department of Anthropology der University of Washington. «Das Verständnis ihrer Anpassungen erlaubt es uns, unseren eigenen evolutionären Weg besser zu verstehen», so die Wissenschaftlerin.

Rekonstruktion des Thorax

Das Skelett, das 1983 in der israelischen Kebara-Höhle entdeckt wurde, gilt als der am vollständigsten erhaltene Neandertaler überhaupt, obwohl sein Schädel fehlt. Der männliche Neandertaler, bekannt als Kebara 2 oder K2, lebte vor circa 60'000 Jahren, wog etwa 80 Kilogramm und starb wohl im Alter von 32 Jahren. Kebara 2 ist einer von mehreren Neandertalern, die aus der Höhle geborgen wurden.

Das internationale Forscherteam nutzte CT-Scans, um ein 3D-Modell seiner Brust zu erstellen. Dabei konzentrierte man sich auf die Rekonstruktion des Thorax, bestehend aus dem Brustkorb und der oberen Wirbelsäule. Diese seltenen Neandertalerknochen sind typischerweise zerbrechlich, weshalb es  einfacher und weniger riskant war, sie virtuell zusammenzubauen.

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«Die Form des Thorax ist der Schlüssel zum Verständnis der Bewegung der Neandertaler in ihrer Umgebung», sagt Asier Gomez-Olivencia, Studienleiter an der Universität des Baskenlandes. Der Neandertaler-Thorax wird seit Jahren von Wissenschaftlern diskutiert, da die stereotype Sichtweise auf die «Höhlenbewohner» auf Studien des 19. und 20. Jahrhunderts basiert.

Geradere Wirbelsäule als beim Menschen

Das fertige Puzzle der 3D-Rekonstruktion zeigte, dass die Neandertalerrippen mit der Wirbelsäule nach innen verbunden sind, was die Brusthöhle nach aussen drückt und die Wirbelsäule nach hinten kippen lässt. Das Ergebnis ist eine Wirbelsäule, der die Lendenwirbelkurve des modernen Menschen fehlt.

Laut den Forscher in überaus auffälliger Unterschied. Die Skelettstruktur gab den Neandertalern nicht nur mehr Stabilität, sondern ermöglichte auch ein grösseres Zwerchfell und mehr Lungenkapazität. «Der breite untere Thorax der Neandertaler und die horizontale Ausrichtung der Rippen deuten darauf hin, dass die Neandertaler mehr auf ihr Zwerchfell zum Atmen angewiesen waren», sagt Ella Been, Co-Autorin und Physiotherapeutin am Ono Academic College.

«Der moderne Mensch hingegen ist beim Atmen sowohl auf das Zwerchfell als auch auf die Ausdehnung des Brustkorbes angewiesen. Hier sehen wir, wie neue Technologien bei der Erforschung fossiler Überreste neue Informationen liefern, um ausgestorbene Arten zu verstehen», so die Wissenschaftlerin.  

Die Forschungsergebnisse werfen die Frage auf, warum Neandertaler eine vom Menschen so verschiedene Skelettstruktur hatten. Man vermutet, dass sie die grössere Lungenkapazität benötigten, um den Klimawandel zu überstehen, ihre Körpermassen zu stabilisieren und als Jäger und Sammler zu leben.

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