Ein verwesender Papst vor Gericht

Von David Eugster

12.6.2019

Die Anklage des toten Papstes Formosus 903 – Gemälde von Jean Paul Laurens, 1870 (Musée des Beaux-Arts de Nantes).
Bild: Wikicommons

Manchmal ist ein Tod nicht genug. Die Bestrafung von Exekutierten hat deswegen eine lange Tradition. Ein besonders bizarrer Fall war die Leichensynode – ein Prozess gegen einen bereits beerdigten Papst.

Als italienische Partisanen Mussolini, seine Geliebte und einige seiner Getreuen im Frühling 1944 erschossen hatten, schleppten sie ihre toten Körper auf die Piazzale Loreto in Milano. Eine wütende Menge versammelte sich auf dem Platz und trat auf die Leichen ein, beschimpfte und bespuckte sie. Eine Frau feuerte sogar fünf Schüsse auf Mussolinis Leiche ab. Danach wurden die deformierten Leichen kopfüber an einer Tankstelle aufgehängt – wie Vieh nach der Schlachtung.

Eine lange Tradition

Damals zeigte sich die Weltöffentlichkeit schockiert über das Ausmass der Rache an den Toten. Selbst einen toten Diktator durfte man so nicht behandeln. Doch die Bestrafung nach dem Tod war über Jahrhunderte juristische Normalität gewesen: Noch an den Leichen von Hingerichteten wurde Vergeltung verübt. Man liess sie in Ketten aufhängen, in etlichen Städten benutzte man eiserne Käfige, in denen man die Hingerichteten ausstellte: Ihre versehrten Körper sollten als Symbole der Warnung dienen.

Der Pirat Käpt'n Kidd in Ketten.
Bild: Wikicommons

Doch was, wenn der Drang nach Gerechtigkeit erst mit Verspätung einsetzte, nachdem die tote Person bereits in Amt und Würden beerdigt worden war? Dann blieb den neuen Machthabern nichts anderes übrig, als die Schaufel zu holen. So erging es zum Beispiel Oliver Cromwell, der im 17. Jahrhundert den englischen König Karl I. köpfen liess – und seinen Platz einnahm. 1658 starb er und wurde würdevoll bestattet.

Doch zwei Jahre danach wollte sich der neu eingesetzte Karl II., Sohn von Karl I., am Mörder seines Vaters rächen: Er liess Cromwell ausgraben und mit seinen – noch lebenden – Komplizen hängen. Danach wurden ihre Köpfe auf der Westminster Hall, dem Londoner Parlamentsgebäude, aufgespiesst, von wo aus sie die nächsten zwanzig Jahre die Feinde der Monarchie warnten.

Werbung für eine Ausstellung des Kopfs von Oliver Cromwell.
Bild: Wikicommons

Der wohl aufsehenerregendste Fall einer Bestrafung nach dem Tode liegt aber noch weiter zurück: Er spielte sich im Vatikan ab und drehte sich um Formosus, der zwischen 891 und 896 als Papst amtete. Verschiedene Familien kämpften damals um Einfluss auf das Papstamt, denn hier wurde auch die weltliche Macht verteilt – die Päpste krönten letztlich die Kaiser. Die Kirchenoberhäupter führten deswegen ein ähnlich gefährliches Leben wie Anführer von Mafiapaten. Entweder setzten sie sich durch und starben an Altersschwäche oder sie wurden niedergemetzelt.

Das gefährliche Leben der Päpste

Formosus schien zunächst Glück zu haben, als er im stolzen Alter von 80 Jahren friedlich entschlief. Doch in Wahrheit begann damit erst sein grosser Auftritt in der Geschichte.

Formosus hatte zu Lebzeiten Fehler gemacht. Welche genau, das wird in der Papstforschung lebhaft diskutiert – kurz gesagt: Er hatte sich mit der falschen Familie angelegt. Bereits als Bischof wurde Formosus vom damaligen Papst, Johannes VIII, exkommuniziert, übermässiger Ehrgeiz, so lautetet der Vorwurf. Doch Johannes VIII. wurde vergiftet und vorsorglich auch noch mit einem Hammer erschlagen.

Mit dem neuen Papst änderte sich die Lage für Formosus grundlegend, er konnte nach Rom zurückkehren und bestieg neun Jahre, zwei altersschwache Amtsinhaber und einen weiteren Papstmord später selbst den Heiligen Stuhl. Nun war es sein weltliches Gegenstück, der Kaiser, der ihm bald Kummer machte: Guido von Spoleto, Mitglied einer einflussreichen römischen Familie, wollte über die eigene Krone hinaus noch eine für seinen Sohn.

Von zwei Kaisern gefordert, holte Formosus den befreundeten König Arnulf von Kärnten und dessen Armee zu Hilfe, um die Doppelkaiser zu vertreiben. Aus Dank machte er den Retter in der Not auch zum Kaiser. Das alles verärgerte die Familie Spoleto masslos. Doch eben, Formosus entzog sich ihrer Rache durch den Tod. Bereits 896 wurde er im Petersdom beerdigt.

Leiche auf der Anklagebank

Aber der Tod schützte ihn nicht vor Rache. Sein Nachfolger, Papst Stephan VI, der als Günstling der Casa Spoleto an die Macht gekommen war, berief 897 eine Bischofsversammlung ein und liess Formosus’ Leiche aus der Gruft zerren. Man kleidete seine Überreste in päpstliche Gewänder und setzte sie auf den Thron, so als wäre Formosus noch am Leben. Dann begann der Gerichtsprozess gegen ihn. Zwei Bischöfe klagten ihn an, das Papst-Amt unrechtsmässig ausgeführt zu haben, auch ein Verteidiger sprach für ihn. Der Angeklagte schwieg natürlich.

Das Urteil fiel eindeutig aus: Dem toten Formosus wurde die päpstliche Amtswürde aberkannt. Nach dem Richtspruch wurde die Leiche Formosus vom Thron gezerrt, und die Kardinäle rissen ihr die Kleider vom Leib und kleideten sie in jene von Normalsterblichen.

Als ob es damit noch nicht genug gewesen wäre, schnitt man auch noch die Finger an der Schwurhand ab, und verscharrte den entehrten Papst auf dem Friedhof dort, wo Fremde und unbekannte Leichen bestattet wurden. Das war Papst Stephan VI. aber immer noch zu viel der Totenruhe für einen Feind der Familie Spoleto. Darum liess er Formosus abermals ausbuddeln und in Rom in den Fluss Tiber werfen.

Wie ein Fingerzeig Gottes

Noch im selben Jahr zerstörte ein Erdbeben die Basilika, in der die Leichenschändung stattgefunden hatte. Viele sahen das als sehr deutlichen Wink Gottes, dass er mit der Störung von Formosus Totenruhe keineswegs einverstanden gewesen sei. Aufständische strangulierten Stephan VI. Formosus’ Leiche, die von einem Mönch heimlich gerettet worden war, wurde wieder in den Petersdom umgebettet. Für sieben Jahre. Dann mordete sich erneut ein Verbündeter der Familie Spoleto, Sergius III,  auf den Heiligen Stuhl und warf Formosus Leiche als erste Amtshandlung wieder in den Tiber.

Doch damit war Formosus’ Odysse noch immer nicht am Ende: Seine Leiche verhedderte sich in einem Fischernetz und konnte doch noch ehrenhaft beerdigt werden. Nun zum vierten und letzten Mal.


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