Wärmerekorde im Norden – im Permafrost lauern alte Seuchen

Christian Thiele und Benno Schwinghammer, dpa/tjb

13.6.2020 - 18:00

Am Polarkreis taut der Permafrost wie hier in Alaska allmählich auf – und mit ihm auch dort begrabene Leichen, in denen gefährliche Erreger überlebt haben könnten.
Symbolbild: Getty/afp/Mark Ralston

Der Mai war so warm wie nie – vor allem in Sibirien. Wenn der Permafrostboden dort auftaut, drohen böse Überraschungen. Mikroben können lange im Eis überleben. Setzt der Klimawandel alte Krankheiten frei?

Die Menschen im Nordosten Sibiriens glaubten die gefährlichen Bakterien längst besiegt. Doch dann taute der Permafrostboden auf. Ein Zwölfjähriger starb und mehr als 70 Menschen kamen ins Krankenhaus. Ursache war der Milzbranderreger, den Terroristen auch schon für Anschläge eingesetzt haben.

Die Erklärung für die Vorfälle auf der Jamal-Halbinsel im Jahr 2016 bereitet Sorgen: Der Junge soll den Erreger über das Fleisch eines kranken Rentiers aufgenommen haben. Mit steigenden Temperaturen sei das Bakterium aus dem Boden freigesetzt worden und habe zunächst Tiere infiziert.

Welches Risiko lauert in Böden, die wegen der Erderwärmung zunehmend auftauen? «Die Gefahr ist durchaus reell», sagt der deutsche Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. An Kadavern, die das Eis inzwischen wegen der steigenden Temperaturen freigibt, hätten Bakterien selbst Jahrhunderte überleben können.

Zehn Grad über dem Durchschnitt

Gerade erst meldete das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus, dass der Mai im globalen Durchschnitt der wärmste Mai seit Beginn der Aufzeichnungen 1979 war. Die höchsten Werte wurden in Teilen Sibiriens gemessen, wo die Temperatur bis zu zehn Grad höher als im Durchschnitt der Jahre 1981–2010 lag. Auch in Alaska und in der Antarktis sei es deutlich wärmer gewesen als im Mittel.

Die Sorge ist, dass der Klimawandel der Menschheit Krankheiten zurückbringen könnte, die längst ausgerottet schienen. Jahrhundertelang wurden Menschen – auch jene, die an Krankheiten und bei Seuchenzügen starben – in den Dauerfrostböden der Arktis begraben. Welche Auswirkungen Pandemien haben können, zeigt nicht zuletzt die aktuelle Corona-Infektionswelle.

Vielerorts taut der Permafrostboden Schicht für Schicht auf. Der Klimawandel wirkt sich Experten zufolge in Regionen mit Dauerfrostböden vor allem in Alaska, Kanada und Sibirien deutlich stärker aus als in vielen anderen Erdteilen. Nach Angaben des Weltklimarats IPCC sind die Temperaturen im Permafrost, also in den Dauerfrostböden, in den vergangenen 40 Jahren auf Rekordwerte gestiegen – nach Millionen von Jahren mit Temperaturen wie in einer Kühltruhe.

Viren überdauern Jahrzehnte im Permafrost

Vor mehr als zehn Jahren machten Forscher des nationalen US-Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten an der Küste Alaskas eine Entdeckung: In einem Massengrab in einem abgelegenen Inuit-Dorf in der Nähe der Stadt Brevig Mission lag eine Frau, die der indigenen Volksgruppe angehörte, mehr als 75 Jahre lang unter mehr als zwei Metern Eis und Schmutz begraben, wie Wissenschaftler schrieben. Der Permafrost und die Fettreserven der Frau hätten dazu geführt, dass die Viruspartikel in ihren Lungen gut erhalten blieben. So gut, dass Forscher Erbinformationen der Spanischen Grippe aus ihr extrahieren konnten – der Krankheit, die der Welt vor gut 100 Jahren eine schlimme Pandemie bescherte.

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Wie gefährlich können solche Viren aus dem Boden, die einst schon einmal kursierten, für heutige Menschen sein? «Von Viren geht keine grössere Gefahr aus», ist der Hamburger Virologe Schmidt-Chanasit überzeugt. Um Menschen krank zu machen, müsse die aufgenommene Virenlast gross sein. Zudem nehme die Infektiosität über die Jahre ab. Je länger ein mit Viren befallener Kadaver oder menschliche Überreste unter dem Eis liegen, desto weniger gefährlich sind die Erreger noch.

Zwar haben Forscher bei Bohrungen im Eis oder im Permafrostboden lebensfähige Viren gefunden. «Die wurden aber unter Laborbedingungen zum Leben erweckt», erklärt Schmidt-Chanasit. Wenn das Eis in der Natur Viren freigibt, sind sie sogleich Umwelteinflüssen ausgesetzt und sterben schnell. Tiere müssten zum Beispiel unmittelbar mit einem aufgetauten und infizierten Kadaver in Kontakt kommen, um sich eventuell anstecken zu können.

Bakterien sind gefährlicher

Widerstandsfähiger sind Bakterien – und damit auch gefährlicher. «Anthrax-Sporen sind umweltstabil», sagt Schmidt-Chanasit. Sie können im gefrorenen Boden lange überdauern und später wieder Tiere und Menschen krank machen. Bakterien, die Anthrax – auch Milzbrand genannt – verursachen, liessen auf der Jamal-Halbinsel schon ganze Rentierherden erkranken. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Berichte von Rentiersterben. Viele Tiere werden nun vorbeugend geimpft. Erst in diesem Frühjahr wieder.

Vor zwei Jahren entdeckten russische Biologen in Jakutien im Nordosten Sibiriens Mikroorganismen in Schichten, die sie auf ein Alter von mehr als drei Millionen Jahren schätzten. Den Wissenschaftlern zufolge besteht das grösste Problem beim Auftauen der Permafrostböden darin, dass lange gefrorene und heutige Bakterien in Kontakt kommen und Erbgut austauschen könnten, wie die russische Staatsagentur Tass meldete. Dann könne es passieren, dass aus harmlosen Mikroben gefährliche Erreger werden.

Tropenkrankheiten setzen zum Sprung an

Doch Viren und Bakterien werden im Zuge des Klimawandels nicht nur wegen tauenden Eises und tauender Böden zur Bedrohung für die Gesundheit. Zecken und Mücken etwa spielen in unseren Breiten zunehmend als Überträger von Infektionskrankheiten eine Rolle, die zuvor auf südliche Gefilde beschränkt waren. Ein Grund dafür ist, dass eingeschleppte Arten besser durch die milder gewordenen Winter kommen.

In Südfrankreich wurden im vergangenen Jahr Menschen mit dem Zika-Virus durch dort heimisch gewordene Tigermücken angesteckt – es war der erste solche Nachweis in Europa. Auch eine andere eingeschleppte Krankheit sorgt für Ausbrüche in Europa: das vereinzelt tödlich verlaufende West-Nil-Fieber. Ende September 2019 wurde der erste Fall einer in Deutschland erworbenen Infektion beim Menschen bekannt.

Die ursprünglich aus Afrika stammende Erkrankung war zuvor als Tierseuche vor allem bei Vögeln bekannt. Besorgniserregend ist: Das Virus kann von ganz normalen heimischen Stechmücken übertragen werden. Auch hier spielt der Klimawandel eine Rolle: Je wärmer es ist, umso schneller vermehrt sich Experten zufolge der Erreger in der Mücke – die Gefahr einer Übertragung wächst. Das West-Nil-Virus könnte daher künftig auch in Deutschland saisonale Erkrankungswellen verursachen.

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