WHO sieht «letzte Chance» für Aufklärung, aber es gibt ein Problem

Von Sven Hauberg

14.10.2021

A security person moves journalists away from the Wuhan Institute of Virology after a World Health Organization team arrived for a field visit in Wuhan in China's Hubei province on Wednesday, Feb. 3, 2021. The WHO team is investigating the origins of the coronavirus pandemic has visited two disease control centers in the province. (AP Photo/Ng Han Guan)
Wuhan im Februar: Ein Sicherheitsbeamter hält Journalisten davon ab, sich dem virologischen Institut der Stadt zu nähern.
Bild: Keystone

Fast 5 Millionen Tote, aber noch immer keine Erklärung: Während die WHO neue Untersuchungen zum Ursprung des Coronavirus fordert, reagiert Peking erzürnt – und wiederholt altbekannte Verschwörungstheorien.

Von Sven Hauberg

14.10.2021

Woher kommt das Coronavirus? Auch fast zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie, die bislang fast fünf Millionen Toten weltweit gefordert hat, ist die Frage nach den Ursprüngen noch immer nicht geklärt. Ein neues Expertenteam der Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll nun etwas Licht ins Dunkel bringen: Die WHO will einen neuen Beirat schaffen, der Richtlinien für künftige Studien über den Ursprung von Pandemien und Epidemien erarbeiten und Untersuchungen beaufsichtigen soll.

Die WHO schlug 26 Mitglieder aus zahlreichen Ländern vor, darunter China, Russland, die USA, Sudan, Saudi-Arabien und Kambodscha. Auch der bekannte deutsche Virologe Christian Drosten soll laut WHO dem Beirat angehören. Politische Überlegungen hätten bei der Auswahl keine Rolle gespielt, betonte WHO-Nothilfekoordinator Mike Ryan am Mittwoch. Der Beirat, so Ryan, sei möglicherweise die letzte Chance, die Ursprünge des Virus aufzuklären.



Die WHO hofft auch, dass solche Untersuchungen künftig über den Beirat vorbereitet werden und dann ohne politische Auseinandersetzungen zwischen Regierungen über die Bühne gehen können. «Es liegt in der Natur der Dinge, dass neue Viren mit dem Potenzial, Epidemien oder Pandemien auszulösen, auftauchen», sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus. Das Virus Sars-CoV-2 werde nicht das letzte sein. «Zu verstehen, wo neue Pathogene herkommen, ist die Voraussetzung dafür, künftige Ausbrüche mit epidemischem oder pandemischem Potenzial zu verhindern.»

Umstrittener Abschlussbericht

Das Coronavirus war erstmals im Dezember 2019 in der chinesischen Millionenstadt Wuhan aufgetreten und hatte sich von dort über die ganze Welt ausgebreitet. Erst ein Jahr später durften Experten der WHO nach Wuhan und in andere chinesische Städte reisen, um Nachforschungen zum Ursprung der Pandemie anzustellen. Dabei wurde den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern allerdings nicht freie Hand gelassen – so durften sie sich nicht überall im Land bewegen, ausserdem waren nicht sämtliche Dokumente zum Virus zugänglich. Ein Mitglied der Experten-Kommission sprach anschliessend gar von politischem Druck, den China ausgeübt habe.

Ein im März dieses Jahres veröffentlichter Abschlussbericht kam trotzdem zu der Schlussfolgerung, dass das Virus wahrscheinlich über einen Zwischenwirt von Fledermäusen auf den Menschen übergegangen war. Die These, das Virus könnte einem chinesischen Labor entstammen, wurde hingegen als «sehr unwahrscheinlich» bezeichnet und weitere Nachforschungen dazu abgelehnt.

«Zeit, Teams an andere Orte zu schicken»

Mehrere Länder, allen voran die USA, fordern seitdem weitere Untersuchungen, die auch die Labor-Theorie miteinbeziehen. Mittlerweile hat sich die WHO diesen Forderungen angeschlossen und betont, China müsse mehr Daten offenlegen; ausserdem müssten alle möglichen Ursachen, auch ein mögliches Labor-Leck, untersucht werden.



China allerdings versucht, ebendies zu verhindern. Am Donnerstag trat Zhao Lijian, Sprecher des chinesischen Aussenministeriums, vor die Presse und forderte einen «objektiven und wissenschaftlichen» Ansatz bei der Aufklärung der Pandemie. «China wird weiterhin die weltweite wissenschaftliche Herkunftsforschung unterstützen und sich daran beteiligen und sich entschieden gegen jede Form der politischen Manipulation wenden», sagte Zhao laut «South China Morning Post».

Gleichzeitig machte die chinesische Regierung aber deutlich, dass sie nach wie vor Untersuchungen zur Labor-These ablehne. Am Mittwoch sagte Chen Xu, Chinas UN-Botschafter in Genf, die Schlussfolgerungen der im März vorgestellten Studie seien «ziemlich eindeutig». Da bereits internationale Teams nach China entsandt worden seien, sei es «an der Zeit, Teams an andere Orte zu schicken», so Chen laut Nachrichtenagentur Reuters.

«Laborhypothesen müssen sorgfältig geprüft werden»

Dabei ist es laut WHO-Experten entscheidend, weiter in China nach dem Pandemie-Ursprung zu suchen. Die US-Epidemiologin Maria van Kerkhove, die bei der WHO die technische Leitung für den Arbeitsbereich Covid-19 innehat, sagte laut Reuters, es müssten noch «mehr als drei Dutzend empfohlene Studien» durchgeführt werden, um herauszufinden, wie das Virus vom Tier auf den Menschen überging. Dazu sei es «absolut entscheidend», auch Hinweisen nachzugehen, wonach bereits 2019 Antikörpertests bei Bewohnern von Wuhan durchgeführt worden seien.



In einem Artikel, den Kerkhove unter anderem zusammen mit WHO-Chef Tedros am Mittwoch im Wissenschaftsmagazin «Science» veröffentliche, werden die Wissenschaftler konkreter: «Die Laborhypothesen müssen sorgfältig geprüft werden, wobei der Schwerpunkt auf den Labors an dem Ort liegt, an dem die ersten Berichte über menschliche Infektionen in Wuhan auftauchten», heisst es unverblümt.

Die chinesische Propaganda allerdings will davon nichts wissen. Ein Kommentar in der Parteizeitung «People's Daily» warf den USA Anfang Oktober vor, bei der Suche nach dem Corona-Ursprung auf «alte Tricks» zu setzen. Washington habe die WHO «bedroht» und versucht, das Untersuchungsteam, das Anfang des Jahres in Wuhan war, zu beeinflussen. Ausserdem wiederholte der Artikel, aus dem die «South China Morning Post» zitiert, die Verschwörungstheorie, das Virus könnte aus einer US-Militärbasis in Maryland stammen.

Mit Material der dpa