Wie ein Vulkan in Alaska den Untergang Roms besiegelte

tafi/SDA

23.6.2020 - 17:36

Sieht eigentlich ganz harmlos aus, der Vulkan Okmok im Nirgendwo westlich von Alaska: Aber der Feuerberg hat die Weltgeschichte vor 2500 Jahren entscheidend mitgeprägt.
AFP

Eine neue Studie zeigt, wie hilflos die Zivilisation gegenüber der Natur ist: Weil eine kleine Insel vor Alaska explodierte, konnten das römische Imperium und Kleopatras mächtiges Ägypten ihren Verfall nicht mehr aufhalten.

Ein Vulkanausbruch am anderen Ende der Welt hat womöglich mitgeholfen den Niedergang der Römischen Republik nach Cäsars Tod und das Ende von Kleopatras Ägypten zu besiegeln. Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie mit Beteiligung der Universität Bern.

Historische Quellen berichten in der Zeit um Julius Cäsars Tod im Jahr 44 vor Christus über ungewöhnliche Kälte, die im Mittelmeerraum zu Missernten, Hungersnöten, Seuchen und Unruhen geführt hätten. Die Klimafolgen trugen nicht nur zum Untergang des alten Roms bei, sondern auch des ptolemäischen Königreichs in Ägypten.

Dass hinter der abrupten Klimaveränderung ein Vulkanausbruch steht, haben Historiker schon lange vermutet. Doch wo und wann der Ausbruch stattfand, liess sich bislang nicht sagen.

Nun sind die Forscher bei der Analyse von Eisbohrkernen aus Grönland auf eine gut erhaltene Schicht feinster Vulkanasche gestossen. Daten von insgesamt sechs Eiskernen belegen gemäss den Forschenden, dass der Vulkan Okmok auf den Aleuten vor Alaska im Jahr 43 vor Christus ausgebrochen war.

Zusätzliche Stressfaktoren

Die Forscher räumen ein, dass nicht nur der Okmok-Ausbruch zum Untergang der antiken Reiche im Mittelmeerraum führte, sondern eine ganze Reihe von Faktoren. Doch der Vulkanausbruch in Alaska und die damit verbundenen Klimaveränderungen seien «zusätzliche Stressfaktoren» gewesen.



Ansonsten hoch entwickelte und mächtige Staaten waren hilflos gegenüber Klimaschocks durch einen Vulkanausbruch auf der gegenüberliegenden Seite der Erde: Rom und Ägypten wurden dadurch «extrem verwundbar», wie es der Historiker Joe Manning von der US-amerikanischen Yale University ausdrückt. «Der grosse Vulkanausbruch im Winter 43 v. Chr. hatte enorme Auswirkungen auf das Klimasystem und auf die menschlichen Gesellschaften im Mittelmeerraum, die ohnehin unruhige Zeiten erlebten», so Manning.

Kalt und feucht

In der Nordhemisphäre war es im Sommer und Herbst der Jahre 43 und 42 vor Christus durchschnittlich drei Grad Celsius und möglicherweise bis zu sieben Grad kälter als normal. In ganz Südeuropa war es nicht nur kalt, sondern auch überdurchschnittlich feucht; dementsprechend schlecht fiel die Ernte aus.

Die Sommerniederschläge, so die Berner Modellberechnungen, lagen zwischen 50 und 120 Prozent höher als gewöhnlich, und im Herbst regnete es gar viermal soviel wie üblich.



Ganz anders waren die Folgen des Vulkanausbruchs für Ostafrika. Der Sommermonsun verschob sich in den Süden und in Ägypten blieb die jährliche Sommer-Flut des Nils vollständig aus, was sich verheerend auf die Getreideproduktion auswirkte. In historischen Quellen wird denn auch von Nahrungsmittelknappheit und Hungersnot berichtet.

Die Explosion des Okmok schleuderte schwefelhaltige Gase und Asche über 30 Kilometer hoch in die Atmosphäre und hinterliess einen Krater von zehn Kilometern Durchmesser. Kleinste Schwefelsäure-Tröpfchen verblieben über zwei Jahre lang in der Atmosphäre und sorgten in der nördlichen Hemisphäre für eine der kältesten Phasen der vergangenen 2500 Jahre, wie die Universität Bern am Montag mitteilte.

Verflochtene Welt

«Das zeigt, wie verflochten die Welt bereits vor über 2000 Jahren war», wird der Leiter des internationalen Forschungsteams, Joe McConnell vom Desert Research Institute in Reno (USA), zitiert.

Die Forschenden konnten ermitteln, welche Mengen an Schwefelgas wann und wo in die Atmosphäre gelangt waren. «Diese Informationen erlaubten uns hier in Bern, die Folgen des Okmok-Ausbruchs realistisch zu simulieren», wird Michael Sigl vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern zitiert.

Auf der Insel Okmok leben heute übrigens etwa 40 Menschen und 7500 Rinder. Historiker Joe Manning gefällt die Ironie in der Tatsache, dass sich einer der bedeutendsten Orte der Weltgeschichte in einem extrem abgelegenen Teil der Welt befindet.

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