Wird die Welt alle 100 Jahre von einer Pandemie lahmgelegt?

dpa/tsha

2.4.2020 - 18:00

Wie die Spanische Grippe die Schweiz erschütterte

Wie die Spanische Grippe die Schweiz erschütterte

Nach dem Ersten Weltkrieg grassierte die Spanische Grippe, eine Virus-Pandemie, die Millionen Todesopfer forderte. Die Schweiz traf es besonders hart. Der Bund reagierte mit ähnlichen Massnahmen wie heute.

13.04.2020

In den sozialen Netzwerken macht derzeit eine Theorie die Runde, nach der alle 100 Jahre weltweite Pandemien auftreten. Unsinn, sagt ein Medizinhistoriker.

Es sind Jahreszahlen, die sich scheinbar auf erstaunliche Weise gleichen: Im Jahr 1720 die Pest, 1820 die Cholera, 1920 folgt die Spanische Grippe – und nun 2020 das neuartige Coronavirus. Wird die Welt tatsächlich alle 100 Jahre von einer Pandemie heimgesucht? Das wird zumindest in sozialen Medien vorgerechnet.

Tatsächlich aber entspricht der Abstand der genannten Infektionen nur ungefähr 100 Jahren. Zudem ist die Auswahl vollkommen willkürlich. Andere verheerende Seuchen fallen unter den Tisch, um den Anschein eines 100-Jahre-Rhythmus zu erwecken. 

«Zwischen den Pandemien traten noch viele weitere Epidemien auf, die hier unterschlagen werden», sagte Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven von der Uni Erlangen-Nürnberg auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Etwa fehlt die Asiatische Grippe. Auch weitere Pandemien wie die Pocken oder Tuberkulose werden nicht genannt.



Dass einige Pandemien zudem im Abstand von circa 100 Jahren auftreten, stimme nur auf den ersten Blick, erklärte Leven. Die erste Cholera-Pandemie datiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf 1817 und nicht auf 1820. Die Spanische Grippe verbreitete sich schon ab 1918 und der Ausbruch des neuartigen Coronavirus begann bereits 2019 in China. «Das heisst, der Ansatz des 100-jährigen Rhythmus ist von Anfang an verfehlt, ungenau und völlig willkürlich. Er erklärt überhaupt nichts», so Leven.

«Jede Zeit hat ihre Verschwörungstheorien»

Ansteckende Krankheiten und Pandemien haben in der Geschichte schon immer zu Gerüchten und Falschmeldungen geführt. «Jede Zeit hat ihre Verschwörungstheorien», sagt Medizinhistoriker Leven. Menschen wollten das Unerklärliche erklärbar machen – gerade bei Bedrohungen, die mit dem blossen Auge nicht zu sehen und insgesamt kaum zu begreifen seien.

In der Antike etwa galten Seuchen als Strafe der Götter. 430 vor Christus starb bei der Attischen Pest Schätzungen zufolge ein Viertel der Einwohner Athens. «Unter den Zeitgenossen in Athen entstand das Gerücht, die Spartaner, die Feinde der Athener, hätten die Brunnen vergiftet», erklärt Leven. Dies sei das erste Mal in der Geschichte gewesen, dass dieses fatale Gerücht in Umlauf kam. Der genaue Auslöser für diese Pest ist noch immer unklar.

Mitarbeiterinnen des St. Louis Red Cross Motor Corps in St. Louis (USA), die sich mit Masken und Bahren im Oktober 2018 auf die Versorgung der Opfer der Grippeepidemie vorbereiten: Pandemien treten immer wieder auf – nicht nur alle 100 Jahre.
Bild: Library of Congress/AP/dpa

Gefährliche Lügen

Auch bei der Pest im 14. Jahrhundert standen Brunnen im Verdacht. Damals machte die folgenschwere Theorie die Runde, Juden hätten diese vergiftet. Zahlreiche jüdische Gemeinden wurden wegen der Beschuldigung vertrieben oder ermordet. Heute ist wissenschaftlich erwiesen, dass die Beulenpest durch einen Floh verbreitet wird. Die Lungenpest gelangt über die Atemluft von Mensch zu Mensch.

Eine weitere Theorie sieht ansteckende Krankheiten als Biowaffen – etwa in den USA in der Endphase des Ersten Weltkrieges 1918, als die Spanische Grippe grassierte. «Viele glaubten zum Beispiel, dass man Aspirin mit einer krankmachenden Substanz angereichert und nach Amerika importiert hätte», sagt der Münchner Historiker Nicolai Hannig. Der Ursprung der Krankheit wurde erst in den 1930er-Jahren erforscht: Es waren Viren.

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