Einflüsse der Thuner Landschaft auf Bauhausmeister Johannes Itten

SDA

7.8.2020 - 16:25

Das Kunstmuseum Thun wirft mit der Ausstellung «Johannes Itten & Thun. Natur im Mittelpunkt» einen Blick auf das Frühwerk des Bauhaus-Meisters. Der Maler und Kunstpädagoge (1888-1967) hatte seine Wurzeln in der Region Thun. Deren Landschaften prägten seinen Naturbegriff.

Gleich beim Eingang zur Ausstellung hängt das Prachtstück und zwingt den Blick des Betrachters auf sich: das Bild des Niesen über dem Thunersee. Die archetypische Dreiecksform des Bergs gibt auch die «Architektur» des Gemäldes vor. Dreiecke dominieren die blau-grüne Szenerie. Abstrakt und doch von beinahe greifbarer Physis thront der Berg über den lichten See.

Auf dem Weg zur Abstraktion

Johannes Itten wuchs in der Region Thun auf. Von seinem Onkel gefördert, absolvierte er zunächst das Lehrerseminar Hofwil, bevor er sich der Malerei zuwandte.

Der Thunersee, der markante Niesen oder die bäuerliche Landschaft des Emmentals gaben Itten Impulse auf seinem Weg hin zur Abstraktion. Denn eine Frage beschäftigte den jungen Itten: Wie gelingt es, eine subjektiv erlebte Naturform in eine Kunstform zu überführen, die von objektiven Gesetzmässigkeiten bestimmt wird. «Entmaterialisierung» nannte Itten diesen Vorgang.

Natur und Farbe, Natur und Abstraktion, Architektur der Natur: dies alles sind Bereiche, die Itten auslotete. Seit den 1920er- und 30er-Jahren setzte Itten die abstrahierende und gegenständliche Darstellung der Natur immer wieder in komplexe Bezüge.

Ein schönes Beispiel dafür ist ein Bild der Stadt Thun, das in der Ausstellung hängt. Itten nahm Thuner Motive wie den Schornstein einer alten Brauerei, den Schlossberg oder die Aare mit ihren Schleusen auf und abstrahierte sie. Wer die Stadt kennt, spürt Thun förmlich in dem Bild.

Schon einmal in Thun

Das Thuner Kunstmuseum widmet der Itten-Ausstellung vom 8. August bis am 22. November 2020 sein gesamtes Haus. Ebendieses war es auch, das 1962 die erste Itten-Einzelausstellung der Schweiz ausrichtete. Das war lange, nachdem der Schweizer als Bauhaus-Meister internationale Bekanntheit erlangt hatte.

1919 wurde Itten von Walter Gropius ans Bauhaus nach Weimar berufen. 1923 kam es zum Bruch mit Gropius. Zum Zerwürfnis trug auch Ittens Hinwendung zur esoterischen Mazdanan-Lehre bei, einer Mischreligion, die Ernährungslehre, Atem- und Mediationsübungen propagiert – aber auch rassentheoretische Lehren einer arischen Vorherrschaft verbreitete.

Für den Nonkonformisten Itten folgten Stationen in Berlin, Krefeld und Amsterdam. Impulse lieferte ihm unter anderem die asiatische Tuschemalerei, die mit minimalen Formen maximalen Ausdruck erzielt.

Unter den Nationalsozialisten galt Ittens Werk als «entartet». Der Künstler kehrte dauerhaft in die Schweiz zurück, wo er bis zu seinem Tod in Zürich tätig war.

Die chronologische Ausstellung beleuchtet zwar das Frühwerk des Schweizer Bauhaus-Meisters und schlägt zugleich auch einen Bogen zum Spätwerk. Dessen abstrakte Werke lassen noch immer Anklänge an die Thuner Jahre erahnen, in denen Itten seinen Naturbegriff entwickelte.

www.kunstmuseumthun.ch

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