Sonntags-Interview

«Lucien Favre, steht auch eine Rückkehr in die Schweiz zur Debatte?»

sda

23.1.2022 - 07:01

Lucien Favre will gut ein Jahr nach seiner Entlassung bei Borussia Dortmund wieder auf den Trainingsplatz zurückkehren
Keystone

Nach seinem vorzeitigen Abschied bei Borussia Dortmund hat Lucien Favre zunächst die Option Rückzug gewählt. Nun will der 64-jährige Romand wieder zurück auf den Trainingsplatz.

sda

23.1.2022 - 07:01

Nach über einjähriger Sendepause spricht der Favre mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA über sein Timeout und seine Absicht, zeitnah ins Fussball-Business zurückzukehren.

Er fühlt sich gut, seine Batterien sind wieder aufgeladen: «Es geht mir wunderbar.» Vor seinem Haus in Saint-Barthélemy jongliert Favre regelmässig mit dem Ball im Garten. Der frühere Mittelfeldkünstler liebt den Sport nach wie vor. Die frische Luft tue ihm gut. «Ich muss mich bewegen.» Bewegung soll auch in seine Zukunft kommen. Der Coach mit über 300 Bundesliga-Spielen im Palmarès ist offen für ein Comeback in einer europäischen Top-Liga.

Das Interview

Nach was sehnen Sie sich?

«Oh, eine gute Frage. Mir geht es wohl wie den meisten Menschen. Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann zur Normalität zurückkehren können und dieses Virus loswerden. Schauen Sie sich die Spiele an in Deutschland. Der Rahmen ist komisch und schwierig. Die Trainer, die Akteure, sie alle brauchen das Publikum. Wir müssen alle aufpassen, den Spass nicht zu verlieren.»

Wird sich der Fussball wegen der Pandemie nachhaltig verändern?

«Corona ist ein grosser Faktor. In England beispielsweise sind die Stadien gefüllt. In Deutschland hingegen sind sie leer. Das hinterlässt tiefe Spuren in den Kassen der Vereine. Sie verlieren pro Spiel Millionen. Gespielt wird nur wegen der TV-Verträge. Ich hoffe sehr, dass sich diese Problematik in absehbarer Zeit entspannt. Egal, welchen Job man macht, die Pandemie setzt den Menschen spürbar zu – auch den Gesunden.»



Sie haben sich eine lange Auszeit genommen. War das Timeout nach den intensiven zweieinhalb Jahren in Dortmund nötig?

«Ich habe mir oft eine Pause gegönnt nach meinen bisherigen Engagements in Deutschland. Das war in Berlin so und auch nach meinen fünf Jahren in Gladbach. Vor Dortmund waren die zwei Jahre in Nizza. Mir tut die Regeneration gut. Und es ist ja nicht so, dass ich untätig bleibe in diesen Zwischenphasen. Ich reise gelegentlich und besuche andere Fussball-Kulturen, sammle neue Ideen, lese, bilde mich weiter.»

Und Sie pflegen private Kontakte.

«Klar, ich sehe die Familie während solchen Timeouts natürlich mehr und geniesse diese Nähe sehr. Für mich ist auch der Austausch mit Freunden wichtig. Wenn man jeden dritten Tag ein Spiel coacht, leidet der soziale Aspekt schon ein wenig.»

Aber manchmal zieht Sie der Fussball wieder ins Ausland – Sie waren kürzlich in Bilbao?

«Das stimmt. Ich habe eine Woche bei Athletic verbracht. Es war für mich spannend, dort mit dem Coach zu sprechen, ihr Modell zu beobachten. Solche Eindrücke bringen mich weiter. Die Evolution des Fussballs interessiert mich immer.»

Gestatten Sie einen kurzen Blick zurück zum BVB. Haben Sie sich mit der damaligen Freistellung lange beschäftigt?

«Was heisst lange? Man hat den Entscheid zu akzeptieren. Ab einem gewissen Punkt ist es einfach so. Es gibt dann plötzlich keine anderen Lösungen mehr. Im Leben eines Trainers kann eine solche Situation vorkommen. In diesen Momenten geht der Blick nach vorne. Nur so funktioniert eine Weiterentwicklung. Klar habe ich bedauert, den Job zu verlieren. Ich glaubte immer an eine Wende zum Guten. Aber wissen Sie, zweieinhalb Jahre in Dortmund sind eine lange Zeit – meine Bilanz ist gut.»



Apropos Trainerleben, fehlt Ihnen manchmal etwas der Respekt vor den Coaches? Wird in den Klubs zu oft und zu schnell der Trainer zum Thema gemacht?

«Die Zeiten haben sich verändert. Es wird im Geschäft manchmal übertrieben. Man muss sich als Trainer besser schützen. Ein vertrautes Umfeld ist wichtig. Wenn ich wieder ins Business einsteige, werde ich auf eigene Vertraute im Stab pochen. Da war ich in der Vergangenheit zu generös.»

Ist das Kommunikationstalent heute wichtiger als die taktische Basis?

«In erster Linie sind Siege die wichtigste Sache. Sie stehen über allem. Wer gewinnt, steht nicht zur Debatte. So einfach ist das. Und klar: Die Kommunikation mit allen Beteiligten muss immer stimmen. Aber das ist keine Einbahnstrasse.»

Zu einem anderen Thema. Als der Verband im letzten Sommer einen Nachfolger für Vladimir Petkovic suchte, signalisierten Sie sofort: «Kein Thema für mich.» Murat Yakin führte die Schweiz souverän an die WM. Wie sehen Sie das Thema Nationalmannschaft im Rückblick?

«Etwas gleich vorweg: Murat hat gut gearbeitet. Er war schon als Spieler einer, der das Spiel spürte, Situationen antizipierte. Ich habe mir einige Spiele angeschaut. Das letzte im November. Dann hiess es: 'Wir sehen uns im März wieder.' Wissen Sie, was ich meine? Monatelang sieht man die Mannschaft nicht mehr. Damit hätte ich Mühe.»

Sie haben Ihren Rückzug von der Kandidatenliste demzufolge nie bereut?

«Nein. Das Timing stimmte nicht. Und eben: Ich funktioniere als Trainer anders. Ich brauche den täglichen Kontakt auf dem Platz.»

Wie taxieren Sie als Beobachter der Schweizer Fussball-Szene den Status im internationalen Vergleich?

«Okafor, Vargas, der Junge von Servette, Imeri. Diese Spieler sorgten für Frischluft im Nationalteam. Man erkennt Potenzial für die Zukunft. Die vorzeitige WM-Qualifikation ist eine gute Sache – das gibt den Verantwortlichen Gewissheit, vieles richtig gemacht zu haben. Vergessen wir aber nicht, dass Italien gegen die Schweiz grosse Penaltychancen vergeben hat. Manchmal sorgen Nuancen für den Unterschied.»

Was löst bei Ihnen der FIFA-Plan aus, künftig im Zweijahresrhythmus WM-Turniere zu veranstalten?

«Ich bin überhaupt kein Fan von dieser Idee. Das ist unnötig. Wenn ich nur schon daran denke, dass 2026 ein Turnier mit 48 Teams stattfindet in Mexiko, Kanada und in den USA, dann geht der Reiz verloren. Jeder ist dabei.»

Zurück zu Ihrer eigenen Zukunft. Sie wurden immer wieder mit Klubs in Verbindung gebracht. Crystal Palace legte Ihnen eine konkrete Offerte vor.

«Das Timing! Es war nur eine Frage des Timings.»

Wann sehen wir Sie wieder an der Seitenlinie?

«Das weiss ich nicht. Es kann schnell gehen. Aber ich werde weitermachen. Ich fühle mich nach wie vor jung, und ich bin gesund. Ja, es geht mir richtig gut. Die Batterien sind aufgeladen. Ein paar Jahre lang bleibe ich noch im Geschäft.»

Nach Dortmund war nicht unbedingt klar, dass Sie Ihre Laufbahn verlängern – oder?

«Klar überlegt man sich, ob es noch Sinn macht, ob die Energie wieder kommt. Aber irgendwann sitzt man zu Hause und merkt: Ich will zurück, ich brauche den Platz, ich muss gegen einen Ball treten, den Fussball riechen, das Adrenalin spüren.»

Das klingt nach Entzugserscheinungen?

«Das können Sie so formulieren. Ich bin bereit, wieder voll einzusteigen. Aber ich mache nur etwas, das mich zu 100 Prozent überzeugt. Ich will die Leute meiner Wahl um mich herum haben. Es geht auch darum, Vertrauen zu spüren. Eine Philosophie muss erkennbar sein. Eine sportliche Challenge muss vorhanden sein.»

Steht auch eine Rückkehr in die Schweiz zur Debatte?

«Als Trainer in der Super League? Nein.»

Sie haben sehr lange in Deutschland gearbeitet. Gibt es noch viele Kontakte?

«Wenn man über zehn Jahre in einem Land gearbeitet hat, bleiben natürlich diverse Verbindungen. Ab und zu ein Telefonat, ein Austausch da, ein SMS dort.»

Melden sich auch ehemalige Spieler bei Ihnen?

«Grad gestern hat sich Hannu Tihinen (Ex-Captain des FCZ) bei mir gemeldet. Wir schreiben uns von Zeit zu Zeit. Wir wollten uns auch treffen, aber Corona verhinderte die Pläne. Er ist ein liebenswerter Mensch. Als Spieler damals beim FCZ habe ich ihn als grosse Persönlichkeit in Erinnerung.»

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