Wie die Fribourger Drachen zum Höhenflug ansetzten

ssch, sda

20.10.2021 - 12:00

Grosser Jubel bei den Freiburgern: Mit dem zehnten Liga-Sieg in Folge stellen sie einen Rekord auf.
Grosser Jubel bei den Fribourgern: Mit dem zehnten Liga-Sieg in Folge stellen sie gegen den SC Bern einen Klubrekord auf.
Bild: Keystone

Fribourg-Gottéron fliegt seit einem Monat regelrecht durch die Liga. Ein Klubrekord von zehn Siegen in Folge belegt die ausgezeichnete Form. Trainer und Sportchef Christian Dubé will von Euphorie indes nichts wissen.

ssch, sda

20.10.2021 - 12:00

Um 22:17 Uhr liegen sich die Menschen in der BCF-Arena in Fribourg in den Armen. Aus den Lautsprechern dröhnt die Hymne «Coeur de Dragon», die sie von den Rängen lautstark intonieren. Klar, aus Sicht eines Fans von Fribourg-Gottéron ist jeder Sieg im Zähringer Derby gegen den SC Bern speziell. Dieses 5:3 am Dienstagabend ist aber eines für die Geschichtsbücher.

Nicht, weil die Fribourger die Partie in den letzten viereinhalb Minuten mit drei Treffern in ihre Bahnen lenkten, sondern, weil es der zehnte Sieg de suite für die Mannschaft von Christian Dubé in der National League war. Werden auch noch die Auftritte in der Gruppenphase der Champions Hockey League addiert, welche Gottéron als einziges Team ungeschlagen überstand, steht der Zähler bei zwölf Siegen in Folge.

Es sind Rekordwerte, welche die Menschen im Üechtland euphorisch werden lassen. Die 2020 eröffnete BCF-Arena war gegen den SCB erstmals ausverkauft. 8934 Zuschauerinnen und Zuschauer finden im modernen Stadion Platz – und wahrscheinlich hätten noch mehr Tickets abgesetzt werden können.



Die produktiven Checker

Vor allem lässt die Siegesserie ein Gefühl der Nostalgie aufkommen. Erinnerungen an jene Zeit Anfang der Neunzigerjahre, als Fribourg vor allem dank zweier Künstler die Eishockey-Schweiz entzückte und neun Erfolge aneinanderreihte. Von Slawa Bykow und Andrej Chomutow sprechen sie noch heute gern bei Gottéron, auch wenn es mit den beiden russischen Stars trotz dreier Final-Qualifikationen nicht für einen Titel reichen sollte. Und doch ist im Umfeld spürbar, dass längst neue Helden gewachsen sind, welche die Titellosigkeit beenden sollen.

Schillernde Individualisten und Künstler à la Bykow/Chomutow gibt es beim heutigen Gottéron keine. Die Physiognomie der Mannschaft ist eine andere. Natürlich gibt es auch im Ensemble von Christian Dubé Schlüsselspieler wie Topskorer und Captain Julien Sprunger, David Desharnais, Killian Mottet und Chris DiDomenico in der Offensive, oder Philippe Furrer und Raphaël Diaz in der Defensive. Insgesamt aber ist die Last auf viele Schultern verteilt.

Einzig der kanadische Verteidiger Ryan Gunderson steht im Schnitt länger als 20 Minuten auf dem Eis. Und da auch die Checker-Linie um Mauro Jörg (4 Tore und 9 Assists), Nathan Marchon (6/6) und Samuel Walser (6/4) fleissig Skorerpunkte sammelt, steigt der Druck auf die gegnerischen Defensiven und muss Dubé seine ersten beiden Linien weniger stark forcieren.

Tief oder Krise?

Im September verloren die Fribourger vier Partien in Folge. «Vorne schwach, hinten sehr schwach» titelten die «Freiburger Nachrichten» und sinnierten darüber, ob der Begriff «Tief» noch ausreicht, den Zustand von Gottéron zu beschreiben, oder ob bereits das Wort «Krise» bemüht werden müsste.

Und Raphaël Diaz stand mit der schlechtesten Plus/Minus-Bilanz von -7 im Team, sodass sich einige Analysten fragten, ob sich die kostspielige Investition in den Captain der Nationalmannschaft wirklich lohnen würde oder ob sich die Verantwortlichen doch verspekuliert hätten, als sie einem 35-Jährigen einen Vertrag über vier Jahre offeriert hatten.

Einen guten Monat später sind die Zweifel der Euphorie gewichen. Und darüber, dass die Fribourger als einziges Team der National League einen Altersdurchschnitt von über 29 Jahren haben, spricht auch keiner mehr. Jetzt ist Gottéron nicht mehr alt, sondern erfahren, abgezockt, routiniert – und erfolgreich.

Übertrumpft Gottéron das «Grande Lugano»?

Christian Dubé weiss, wie schnell sich die Wahrnehmung verändern kann, im Positiven wie im Negativen. Deshalb will der Trainer und Sportchef trotz Rekordsiegesserie nicht überheblich werden. Als er am Dienstag gut eine Stunde nach Spielschluss im Kabinengang steht, sind die Jubel und Gesänge von der Tribüne verhallt.

Er sagt gegenüber Keystone-SDA, die jetzige Erfolgswelle sei vor allem das Resultat harter Arbeit und des Hungers auf mehr. Und obwohl sich die Mannschaft im Vergleich zur letzten Saison nur geringfügig verändert hat, präsentiere sie sich nun ganz anders: entschlossener, flexibler, stabiler. «Was wir in den letzten zwei Monaten erreicht haben, ist sehr speziell», sagt Dubé. «Aber ich denke, die Jungs verdienen sich diesen Rekord.»

Die nationale Bestmarke für Spiele ohne Punktverlust hintereinander stammt aus der Saison 88/89 als das «Grande Lugano» 15 Mal in Folge jubelte. Es ist nichts, womit sich der 44-jährige Kanadier jetzt beschäftigen würde, ebenso wenig mit den Playoffs, wo Gottéron nach dem enttäuschenden Aus im Viertelfinal gegen Servette in der letzten Saison etwas gutzumachen hat. «Es ist noch ein langer Weg dorthin», sagt Dubé, und fügt einen Satz an, der in den Ohren euphorisierter Fribourg-Sympathisanten wie aus einer Fiktion klingen mag: «Irgendwann werden wir auch wieder Spiele verlieren.»

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