Leben am Limit

Hungerlöhne für Fussballerinnen sind eher die Regel als Ausnahme

Von Patrick Lämmle

4.7.2022

Nati-Spielerin Géraldine Reuteler verdient sich bei Eintracht Frankfurt keine goldene Nase.
Keystone

Mit dem Ferrari ins Camp einrücken, während der EM den Coiffeur einfliegen lassen und nach dem Turnier auf Instagram Bilder eines Gold-Steak-Dinners posten? Bei den Männern durchaus denkbar, aber die Frauen müssen kleinere Brötchen backen.

Von Patrick Lämmle

4.7.2022

Die 99-fache Nationalspielerin und Nati-Kapitänin Lia Wälti, beim englischen Vizemeister Arsenal eine feste Grösse, sagt der «Aargauer Zeitung»: «Bei einem gut bezahlten KV-Job würde ich mehr erhalten.» Dabei gehört sie in der Nati zu den bestbezahlten Kickerinnen. Einzig PSG-Stürmerin Ramona Bachmann und Ana-Maria Crnogorcevic, Spielerin des FC Barcelona, der in der heimischen Liga alles in Grund und Boden spielt und in der Champions League bis in den Final vorstiess, dürften etwas besser entlohnt werden als Wälti.

Weltfussballerin Alexia Putellas, Teamkollegin von Crnogorcevic verdient dem Vernehmen nach umgerechnet rund 30'000 Franken im Monat. Eine schöne Stange Geld, davon lässt es sich gut leben. Aber bei den Männern bewegen wir uns bei den Top-Shots in ganz anderen Sphären. «Wie kann man einem Spieler sagen, dass man ihn will, und dann bietet man nichts an? Unfassbar», so die Worte Pogbas, nachdem ihm ManUtd im letzten Sommer ein Angebot von umgerechnet rund 356'000 Franken pro Woche unterbreitete.

In der Schweizer Nati spielen neben den bereits eingangs genannten Aushängeschildern viele weitere Söldnerinnen. Ihr Verdienst liegt zwischen 2000 und 3000 Franken monatlich. Ein gut bezahlter Studentenjob macht vielleicht nicht mehr Spass, das Konto ist aber Ende des Monats auf einem ähnlichen Stand. Es erstaunt deshalb nicht, dass viele Fussballerinnen in Wohngemeinschaften mit Teamkolleginnen leben. Irgendwie müssen sie ja über die Runden kommen.

Géraldine Reuteler beispielsweise, 2017 jüngste Spielerin im EM-Kader der Nati, spielt bei Eintracht Frankfurt. Inzwischen ist sie 23-jährig und hat 43 Länderspiele auf dem Buckel. Sie erwarte nicht, dass die Frauen gleich gut bezahlt würden, wie die männlichen Berufskollegen. Schliesslich spüle der Männer-Fussball den Vereinen durch Ticket-Verkäufe, Fernsehgelder und Sponsorenverträge auch deutlich mehr Geld in die Kassen. Dass es als Top-Spieler bei den Männern aber möglich ist, im gleichen Verein 100-mal so viel zu verdienen wie die Frauen, das empfindet sie als ungerecht: «Wir machen denselben Job für denselben Arbeitgeber», so Reuteler.

Nicht genug Geld fürs Fernstudium

Auch Rachel Rinast vom 1. FC Köln sagt, das Geld reiche gerade so zum Leben, auf die Seite legen könne sie nichts. Es ist deshalb auch klar, dass sich die meisten Fussballerinnen schon während ihrer Karriere mit der Zukunft befassen müssen. Rinast hat beispielsweise das deutsche Lehramt absolviert. Bei Coumba Sow wiederum reicht das Geld kaum aus, um ihr Fernstudium in sozialer Arbeit voranzutreiben.

In der Schweiz sieht es noch einmal düsterer aus. FCZ-Spielerin Julia Stierli etwa bildet sich zur Physiotherapeutin aus und hat deshalb auch schon ein WM-Quali-Spiel sausen lassen müssen. Teamkollegin Meriame Terchoun macht keinen Hehl daraus, was sie von den tiefen Löhnen hält. In der «Aargauer Zeitung» sagt sie: «Ich finde, wir erhalten zu wenig. Das soll sich ändern.» Mit Prämien bekämen sie rund 6000 Franken pro Jahr. Und das in einer Saison, in der die FCZ-Frauen den Meistertitel und den Cup gewonnen haben. Das reicht für knapp fünf Gold-Steaks bei Salt Bae, ohne Hotel und Flug wohlverstanden.

Zuschauerrekorde purzeln

Equal Pay, also gleicher Lohn für gleiche Arbeit, davon ist man im Fussball Lichtjahre entfernt. Aber hat nicht der Schweizerische Fussballverband gerade eben erst die Nati-Prämien angeglichen? Doch, und das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Aber diese Prämien darf man nicht mit dem Lohn verwechseln. Für die Nati-Spieler sind die Prämien nicht mehr als ein schönes Taschengeld, eine Nati-Spielerin wie Coumba Sow dagegen, sie könnte sich davon vielleicht ihr Studium finanzieren. Aber von einem Leben in Saus und Braus wäre sie noch immer weit entfernt. 

Die EM könnte nun aber dabei helfen, dass mancherorts ein Umdenken stattfindet. Denn dass den Frauen niemand zuschauen will, ist schlicht nicht wahr. Barcelona spielte in der Champions League im Camp Nou vor über 90'000 Zuschauern und das letzte Testspiel unserer Frauen-Nati verfolgten 10'022 Fans live vor Ort im Letzigrund – und am TV und im Netz wurde das Spiel ja auch noch übertragen.

Auch an der EM in England werden regelrechte Festspiele erwartet. Wenn England am 6. Juli gegen Österreich das Eröffnungsspiel bestreitet, dann dürften im 74'140 Zuschauer fassenden Old Trafford nicht viele Plätze frei bleiben. Es ist halt immer auch wichtig, dass der Rahmen stimmt. Vielleicht würden auch ein paar tausend Fans die Spiele der FCZ-Frauen verfolgen, würden sie im Letzigrund spielen und nicht im Heerenschürli …

Bist du bereit?
Das grosse Quiz zur Fussball-Europameisterschaft der Frauen

Der Spielplan der Schweizer Nati

  • Samstag, 9. Juli: Portugal – Schweiz (18.00 Uhr, Wigan & Leigh)
  • Mittwoch, 13. Juli: Schweden – Schweiz (18.00 Uhr, Sheffield)
  • Sonntag, 17. Juli: Schweiz – Niederlande (18.00 Uhr, Sheffield)
Was traust du der Schweizer Nati an der Fussball-EM zu?