Deutsche Volksseele gespalten Spanien-Star Cucurella wird zur Projektionsfläche für Wut und Hass

Linus Hämmerli

10.7.2024

Marc Cucurella lässt mit Spanien nach Deutschland auch Frankreich hinter sich.
Marc Cucurella lässt mit Spanien nach Deutschland auch Frankreich hinter sich.
IMAGO/Sportimage

Auf Marc Cucurella prasseln im Netz Hasskommentare ein. Beim Halbfinal wird der Spanier nonstop ausgepfiffen. Der Grund: Ein nicht gepfiffener Elfmeter im Viertelfinal für Deutschland. Eine Absurdität, die auch die deutschen Medien kritisieren.

Linus Hämmerli

10.7.2024

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Marc Cucurella wird nach dem Viertelfinal-Spiel gegen Deutschland zum Objekt für Wut im Netz. Beim Halbfinal gegen Frankreich wird er 90 Minuten lang ausgepfiffen.
  • Die deutschen Medien gehen mit den Hasskommentaren und den Menschen, die gegen Cucurella pfiffen, hart ins Gericht. «Eines guten Gastgebers unwürdig», schreibt etwa der «Kicker».
  • Spaniens Coach Luis de la Fuente will jene Menschen nicht schubladisieren: «Diese Leute repräsentieren weder den Sport noch Deutschland.»

Der deutsche EM-Traum ist geplatzt. Mit diesem Fakt haben sich offenbar einige Anhänger der deutschen Nationalmannschaft noch nicht abgefunden. So sucht man nach Sündenböcken, nach Gründen für das Viertelfinal-Aus.

Leidtragender ist Marc Cucurella. Der spanische Verteidiger wird zur Projektionsfläche für Wut und Aggression. Beim Viertelfinal-Spiel gegen den Gastgeber klatscht der Ball in der 106. Minute im Strafraum an seine Hand. Der Penaltypfiff bleibt aus. Die «Bild» etwa schreibt von der «Hand Zottels», ein Deutschland-Fan startet eine Online-Petition – das Spiel zwischen Deutschland und Spanien soll wiederholt werden. Mittlerweile haben über 425'000 Menschen die Petition unterschrieben – bei der UEFA wird diese aber wohl kaum Gehör finden.

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Die umstrittene Penaltyszene löst eine Wut-Welle aus, die auch im Netz nicht Halt macht. «Deutschland verbot für immer», schreibt etwa ein User unter einen Beitrag des Profis. Der Kommentar erhält über 800 Likes. Auch Verletzungen werden dem Spanier gewünscht. Ein Kreuzbandriss oder «ein Leben lang Durchfall».

Spanien-Coach über Pfiffe: «Diese Leute repräsentieren weder den Sport noch Deutschland»

Beim Halbfinal-Spiel zwischen Spanien und Frankreich rauscht die Wut-Welle über Cucurella weiter. Der Chelsea-Spieler wird während 90 Minuten gnadenlos ausgepfiffen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um Anhänger der deutschen Nationalmannschaft handelt, die die Viertelfinal-Niederlage noch nicht akzeptiert haben. Wobei Anhänger Deutschlands womöglich die falsche Wortwahl ist.

Spaniens Coach Luis de la Fuente wählt nach den ununterbrochenen Pfiffen folgende Worte: «Ohne despektierlich zu sein, diese Leute repräsentieren weder den Sport noch Deutschland. Deutschland als Gastgeberland ist aussergewöhnlich.»

Deutsche Medien gehen mit den Pfeifern hart ins Gericht

Das Pfeif-Konzert kommt auch bei den deutschen Medien nicht gut an. «Eines guten Gastgebers unwürdig», schreibt der «Kicker». Es sei Teil des Sports, Niederlagen anzuerkennen. «Wer einen Spieler, der sein Herz auf dem Platz lässt, 90 Minuten lang permanent auspfeift, der hat Fairplay nicht verstanden.»

Als «völlig unangemessen» bezeichnet «SPOX» die Pfiffe. «Solche Fans braucht niemand. (...) Cucurella war vergangenen Freitag nicht Täter, sondern Opfer der Umstände.» Die Pfiffe gegen Cucurella seien im höchsten Masse unsportlich.

Ins gleiche Horn bläst «t-online». «Wo sind wir denn hier gelandet?» titelt das Online-Medium am Mittwochmorgen. Auch die Kommentare in den sozialen Medien kritisiert es. Es gehe nun darum, die Niederlage «endlich» zu akzeptieren. «Denn auch das gehört zu diesem Sport: den Schmerz des Verlierens anzunehmen, ihn zu verarbeiten und im besten Fall als noch enger zusammengerückte Gesellschaft gestärkt daraus hervorzugehen.»

Der nächste Traum erwacht

Der Traum vom Titel an der Heim-EM ist ausgeträumt. Dennoch: Träumen ist immer möglich. Sie lassen sich übertragen. Auf andere Turniere beispielsweise. In zwei Jahren hat Deutschland an der WM bereits die nächste Chance auf den Titel. Ein neuer Traum erwacht.

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