«Keine Ahnung von Fussball» – Constantin schiesst in legendärem Interview gegen Ex-Trainer Grosso

tbz

2.6.2021

Christian Constantin bleibt der Super League mindestens für ein weiteres Jahr erhalten.
Bild: KEYSTONE

Nach mehreren Tagen Funkstille meldet sich Sion-Präsident Christian Constantin zurück – und wie! In seiner Analyse zum Klassenerhalt kriegen Journalisten und Weltmeister gleichermassen ihr Fett weg. Zum geniessen.

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2.6.2021

Am Sonntag um kurz vor 18 Uhr ist es amtlich: Der FC Sion ist gerettet! Irgendwie haben es die Walliser auch dieses Jahr wieder geschafft und verbleiben mit Ach und Krach in der Super League. Der spektakuläre Abstiegskampf raubt dabei nicht nur den Fans den letzten Nerv, auch Präsident Christian Constantin ist nach dem Schlusspfiff gegen Thun fix und fertig. Da hilft nur eins: Alkohol. Und zwar aus dem Wallis.

«Einen Merlot. Ich glaube von Marie-Thérèse Chappaz», verrät der 64-Jährige seine Party-Droge dem «Blick». Wie berauschend das Fest tatsächlich war, sagt Constantin nicht. Dafür liefert er ein grandioses Interview, das dem Abstiegskampf in Sachen Unterhaltung durchaus Paroli bieten kann.

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... den neuen Vertrag von Marco Walker

«Er ist mir dankbar, dass ich ihm diese Chance gegeben habe, seine erste als Profitrainer in der obersten Liga», verrät der Sion-Boss in bester Zlatan-Manier. Und obwohl Constantin zugibt, seinem Retter gegenüber ebenfalls Wohlwollen zu verspüren, muss man eben hart bleiben: «Wir haben uns auf einen Ein-Jahres-Vertrag geeinigt.»



Dabei wäre ein einjähriger Verbleib im Wallis rekordverdächtig. Seit Didier Tholot, dem Teufelskerl, der sich von Dezember 2014 bis August 2016 ganze 604 Tage im Sittener Schleudersitz festklammern konnte, hat keiner eine ganze Saison überlebt. Von solch verrückten Geschichten will Constantin heutzutage nichts mehr wissen. «Ich mache keine längeren Verträge mehr.»

Der Präsident und sein Retter: Constantin hält Walker für einen «sehr angenehmen Zeitgenossen».
Bild: KEYSTONE

... den brutalen Abstiegskampf

«Es war extrem. Der Druckabfall war gewaltig. Ich war psychisch nicht in der Lage, Analysen vorzunehmen und an die Zukunft zu denken», erklärt CC seinen kommentarlosen Abgang am Sonntag. Kein Wunder, schliesslich dachte auch er ein, zwei, drei oder vier Mal an den Abstieg. 

Im Rückblick auf die Vaduz-Klatsche zum Beispiel: «Nach dem 0:3 und sechs Punkten Rückstand hatte ich kaum noch Hoffnung.»

Ein paar Runden später ... «Nach der Niederlage in Lugano hatte ich gar keine mehr.»

Oder vor dem letzten Spieltag: «Jetzt ist es vorbei! Jetzt sind wir tot. Vaduz gewinnt mit dieser starken Rückrunde garantiert gegen den FCZ.»

Wann und wo auch immer der Sion-Boss danach noch einmal Hoffnung fand – er verlor sie wieder! «Als Vaduz in Zürich schon nach wenigen Minuten führte und es in unserem Spiel gegen Basel 0:0 stand, war für mich nochmals alles vorbei.»

Beim Aufwühlen solch negativer Gedanken kriegt dann halt auch mal der Journalist sein Fett weg. Auf die Frage, ob Constantin im nächsten Jahr auf eine ruhigere Saison hoffe, erhält «Blick»-Interviewer Alain Kunz die nette Antwort: «Das Gummiband kann nicht weiter gedehnt werden, logisch. Aber das wissen alle. Sie haben mir schon intelligentere Fragen gestellt.»

... Weltmeister Fabio Grosso

Irgendwie muss Kunz' Reaktion auf diese Attacke den Sion-Boss beeindruckt haben. Denn kurz darauf passiert das Unfassbare: Constantin übt sich in Selbstkritik. Und zwar mehrfach, aufgepasst!

Auf Ex-Trainer Grosso angesprochen, meint der 64-Jährige: «Es war eine Fehlentscheidung.» Dann legt er sogar noch eine Schippe drauf: «In dieser Situation, mit wenig Vorbereitungszeit und in Pandemiezeiten, war das die komplett falsche Entscheidung.»

Da braucht es dann natürlich auch eine Erklärung. «Zuerst wollte ich Fabio eine echte Chance geben, da er diese in der Vorrunde wegen des Corona-Befalls im Wallis nicht gehabt hatte. Er selber war ja auch stark betroffen», so Constantin – und weiter: «Danach dachte ich mir noch, dass alle sagen, ich wechsle die Trainer viel zu schnell. Also tue ich es dieses Mal nicht», erklärt er und gibt sensationell ein drittes Mal klein bei. «Das war ein Fehler. Ich muss zurück zu meiner altbewährten Methode. Wenn ich das Gefühl habe, dass es nicht mehr geht, wechsle ich.»

Altbewährt, ja bitte. Und genau darauf besinnt sich CC, als er in bester Manier gegen Grosso nachtritt: «Irgendwann sagte ich ihm: Du hast keine Ahnung von Fussball. Auch wenn du Weltmeister bist …»

Gut, wer einen Guillaume Hoarau wiederholt draussen lässt, hat sich so eine Schelte vielleicht auch verdient. «Ich habe ihm das zigmal gesagt. Er hat zugehört, und es danach dennoch anders gemacht», echauffiert sich Constantin.

Fabio Grosso (rechts) hat «keine Ahnung vom Fussball». Ja, das in der Mitte, das ist der WM-Pokal.
Bild: KEYSTONE

die auslaufenden Verträge von Guillaume Hoarau und Barrage-Held Tupta

Wenig verwunderlich scheint dafür Goalgetter Hoarau einen guten Stand beim Sion-Chef zu haben. «Ich will ihn behalten, ist doch klar. Er hat uns in der Liga gehalten», lautet das klare Fazit. «Er macht ein MRI, weil er genau wissen will, wie es um sein Knie bestellt ist. Wir treffen uns am Mittwoch.»

Wie es um die Zukunft Lubomir Tuptas steht, kann oder will Constantin hingegen nicht verraten, stattdessen gibt's noch einmal einen Seitenhieb in Richtung Grosso. «Lubo ist eine Hinterlassenschaft von Fabio und mit Abstand das Beste, was dieser gemacht hat!»

Ach, einfach herrlich. Was wäre die Super League nur ohne den legendären Sion-Präsidenten? Zum Abschluss noch dieses Schmankerl:

die nähere Zukunft

«Jetzt ziehe ich mich in meinen Schafstall zurück. Ich brauche Ruhe.»

(Ein Châlet oberhalb von Martigny. Laut «Blick» ein ehemaliger Schafstall, der topmodern umgebaut wurde.)

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