Scott Sutter: «Shaqiri und Seferovic waren plötzlich da – so einen Moment braucht auch England»

Von Marko Vucur

22.6.2021

Sutter: «England hat mich nicht überzeugt»

Sutter: «England hat mich nicht überzeugt»

Mit viel Vorschusslorbeeren startete England in die Euro 2020, doch nach zwei Spielen macht sich Ernüchterung breit. Scott Sutter, gebürtiger Engländer und Ex-Nationalspieler der Schweiz, äussert sich zum mässigen Turnierstart der «Three Lions».

22.06.2021

Scott Sutter lief zwei Mal für die Schweizer Nati auf. Doch der in London geborene ehemalige Fussballprofi fiebert auch mit England mit. Wie ordnet der 35-Jährige die bisherigen Leistungen der «Three Lions» ein?

Von Marko Vucur

22.6.2021

England ist mit einem glanzlosen 1:0-Sieg gegen Kroatien ins Turnier gestartet, gefolgt von einem enttäuschenden 0:0 gegen Schottland. In der Heimat werden die Leistungen kritisch beäugt, Trainer Gareth Southgate steht mehr und mehr in der Kritik. Wir haben bei Scott Sutter nachgefragt, wo er die Baustellen bei England sieht und was er der Mannschaft an dieser EM noch zutraut.

Scott Sutter, die Euro ist so richtig angelaufen. Bei Ihnen schlägt bekanntlich auch ein englisches Herz in der Brust. Wie haben Sie die «Three Lions» bisher gesehen?

England ist mit grossen Erwartungen ins Turnier gegangen, wie jedes Mal. Ehrlich gesagt bin ich momentan aber nicht überzeugt von England. Wichtig ist aber, die Gruppenphase zu überstehen. Egal wie. Dann ist alles möglich.

Das 0:0 gegen die Schotten war aber schon eine kleine Euphorie-Bremse?

Ja, das war es. Jeder hat einen Sieg erwartet. Gerade auch, weil das erste Spiel trotz des Sieges nicht überzeugend war. Da hat man schon ein 2:0 oder 3:0 erwartet.



Warum läuft es denn den Engländer nicht wunschgemäss?

Ich will nicht sagen, dass alles schlecht ist, aber es fehlt definitiv etwas. Ich bin mit der Aufstellung von Gareth Southgate nicht gerade einverstanden. So wie ich das beurteile, ist momentan nur Phil Foden kreativ. Sterling ist nicht in Form, trotz des Tores (beim 1:0-Sieg gegen Kroatien). Darum fehlt mir die Kreativität. Dazu kommt, dass Harry Kane noch nicht gut drauf ist. Dann wird’s schnell schwierig.

Sie sagen, Sie sind mit der Aufstellung nicht einverstanden. Was hätten Sie denn anders gemacht?

Ich bin ein Grealish-Fan. Er ist ein Top-Spieler und bringt genau die Kreativität mit, die England gerade fehlt. Ihn hätte ich gerne mehr gesehen. Auch die Medien pushen Grealish gerade in die Startelf. Dann hat Kieran Trippier im ersten Spiel als Rechtsfuss links hinten gespielt, obwohl man mit Ben Chillwell und Luke Shaw zwei Topleute für diese Position hat.

Ist Southgate vielleicht einfach der falsche Mann für dieses England?

Ich bin etwas kritisch gegenüber Southgate eingestellt. Auch an der WM in Russland war das nicht top. Sie haben es zwar ins Halbfinale geschafft, aber da war viel Glück dabei. Und dort verliert man gegen Kroatien … So eine grosse Chance wird es kaum wieder geben an einem grossen Turnier. Die Leute waren bis zum Halbfinale zwar begeistert, mich haben sie aber nicht überzeugt. Southgate ist aber kein schlechter Trainer. Vielleicht braucht es einfach diesen einen berühmten Knackpunkt.

Und der könnte bereits heute gegen Tschechien erfolgen.

Ja, warum nicht. Ähnlich wie bei der Schweiz. Da war es in den ersten zwei Spielen auch nicht überzeugend. Dann spielten die Schweizer aber einen richtig guten Match. Shaqiri und Seferovic waren plötzlich da. So einen Moment braucht auch England.



Der Sieger der England-Gruppe trifft auf den Zweitplatzierten der Todesgruppe F. Also Deutschland, Portugal, Frankreich oder Ungarn. Könnte es nicht sein, dass die Engländer heute kalkulieren und gar nicht auf Sieg spielen?

Ich glaube darüber wird nicht gross nachgedacht. Es kommt nie gut, wenn man mit so einer Einstellung ins Spiel geht. Wenn man den Titel will, muss man sowieso jeden Gegner schlagen. Darum denke ich, dass die Engländer voll auf Sieg gehen werden.

Und eine weitere biedere Darbietung würde bei den Anhängern nicht gut ankommen. Für die Fans zählt nur der Titel. Fussball soll ja bekanntlich endlich wieder nach Hause kommen. Der Druck ist also immens. Macht man sich da nicht irgendwie selber kaputt?

Das kann gut sein. Jedes Mal ist diese Euphorie da, auch die Medien erwarten enorm viel. Ich glaube so einen Druck erlebt man sonst nur in Deutschland. Der Druck vor den grossen Turnieren ist riesig. Wenn man damit nicht umgehen kann, wird’s schwierig. Für die englischen Spieler ist es schwer, einfach locker drauflos zu spielen. Denn sie wissen: Sollte es nicht klappen, kann man das Haus für eine Weile nicht mehr verlassen. (lacht)

Fehlt den Engländern die Siegermentalität?

Das kann schon sein. Wir haben viele junge Spieler mit dabei, die noch nie an einem grossen Turnier dabei waren. Die Medien in England sind dazu unglaublich kritisch. Das ist gerade für junge Spieler sehr schwer. Aber andererseits hat’s auch mit gestandenen Spielern wie Steven Gerrard oder Frank Lampard nicht geklappt…

Hand aufs Herz: Liegt der EM-Titel für England drin?

Spieler wie Kane, Sterling, Stones oder Foden haben über längere Zeit beweisen, dass sie Weltklasse sind. Das Spielermaterial, um etwas zu erreichen, ist also da. Auch andere Topteams wie Frankreich und Spanien haben noch nicht überzeugt. Nach der Gruppenphase fängt es wieder bei Null an. Die Titel-Chancen sind vielleicht nicht gross, aber sie sind da. Wenn man dann noch jedes Spiel zuhause im Wembley austragen kann, ist das ein riesiger Vorteil. Es ist alles möglich.